Modell für Berlin: Wie man Großprojekte wie den Emscher-Umbau auf Kurs hält

Dr. Jochen Stemplewski (l.), Dr. Barbara Hendricks (Bundesumweltministerin) und Michael Groschek (NRW-Bauminister) beim Themenabend Emscherumbau in der Landesvertretung NRW in Berlin. (Foto: Jens Oellermann)
Dr. Jochen Stem­plewski (l.), Dr. Bar­bara Hend­ricks (Bun­des­um­welt­mi­ni­sterin) und Michael Gro­schek (NRW-Bau­mi­ni­ster) beim The­men­abend Emscher­umbau in der Lan­des­ver­tre­tung NRW in Berlin. (Foto: Jens Oel­ler­mann)

Ein Bahnhof im Süden, ein Flug­hafen im Osten und ein Kon­zert­haus im Norden – im Zuge der Debatte über diese Bau­vor­haben ist der Ein­druck ent­standen, Deutsch­land könne keine Groß­pro­jekte. Dass dem nicht so ist, beweist ein Blick in den Westen: Bereits seit 1992 plant und setzt der öffent­lich-recht­liche Was­ser­wirt­schafts­ver­band Emscher­ge­nos­sen­schaft in einem Mam­mut­pro­jekt den Umbau des Em-scher-Systems um. Die Metro­pol­re­gion Ruhr­ge­biet, einer der größten Bal­lungs­räume Europas, erhält eine neue und moderne was­ser­wirt­schaft­liche Infra­struktur. Die Emscher­ge­nos­sen­schaft inve­stiert 4,5 Mil­li­arden Euro in dieses öffent­liche Groß­pro­jekt, das über 20 Jahre nach seinem Start, was Kosten und Zeit angeht, noch immer in der Spur ist. Ver­ant­wort­lich dafür ist ein genaues Pro­jekt­ma­nage­ment und Con­trol­ling – intern und extern. Details dazu prä­sen­tierte die Emscher­ge­nos­sen­schaft am Don­nerstag voriger Woche 23.4.) gemeinsam it Bun­des­um­welt­mi­ni­sterin Bar­bara Hend­ricks und NRW-Bau­mi­ni­ster Michael Gro­schek in der NRW-Lan­des­ver­tre­tung in Berlin vor einem Publikum aus Bun­des­po­litik und Wirt­schaft.

Seit 1992 noch immer im Kosten- und Zeitplan

Im Rahmen des Umbaus der Emscher werden rund 400 Kilo­meter (!) an neuen unter­ir­di­schen Abwas­ser­ka­nälen ver­legt – teil­weise in bis zu 40 Meter Tiefe. Die Emscher, der zen­trale Fluss des Ruhr­ge­biets und heute in weiten Teilen noch ein offener Schmutz­was­ser­lauf, wird gemeinsam mit ihren Neben­flüssen auf­wändig rena­tu­riert. Ins­ge­samt ent­stehen neue Fluss­land­schaften auf einer Länge von 350 Kilo­me­tern – sie fließen nach der Quelle in Holzwickede unter anderem durch Groß­städte wie Dort-mund, Bochum, Gel­sen­kir­chen, Essen, Duis­burg oder Ober­hausen.

Mess­latte für die Kosten­ein­hal­tung ist die grund­le­gende Rah­men­ko­sten­schät­zung, die die Emscher­ge­nos­sen­schaft zu Beginn des Pro­jektes 1992 erar­beitet hat. Diese Kosten­schät­zung hat sich bis heute als belastbar erwiesen. 1992 wurde ein Gesamt­budget von 8,7 Mil­li­arden Deut­sche Mark ermit­telt, später umge­rechnet auf 4,5 Mil­li­arden Euro. „In über 20 Jahren hat sich aller­dings im Umfeld des Emscher-Umbaus viel getan. Ver­schie­dene externe Ein­fluss­fak­toren haben den Kosten­druck erhöht. Dazu gehören ins­be­son­dere drei Mehr­wert­steu­er­erhö­hungen, von ursprüng­lich 14 auf heute 19 Pro­zent“, sagt Dr. Jochen Stem­plewski, der als Vor­stands­vor­sit­zender der Emscher­ge­nos­sen­schaft das Groß­pro­jekt von Beginn an mit ver­ant­wortet.

Vorausschauend entscheiden und Kostenrisiko einplanen

Es war gut und richtig, dass wir seit Beginn des Pro­jektes kon­ti­nu­ier­lich und mit Erfolg gegen diese Kosten­stei­ge­rungen ein­ge­ar­beitet haben“, sagt Stem­plewski. Zumal in dieser Zeit all­ge­meine Bau­preis­stei­ge­rungen von ins­ge­samt rund 21 Pro­zent zu ver­zeichnen waren. Rück­blickend war es auch eine rich­tige Ent­schei­dung, in das Pro­jekt­budget vor­aus­schauend auch Kosten­ri­siken mit ein­fließen zu lassen: So wurden zu Beginn des Emscher­um­baus in das Budget von damals 8,7 Mil­li­arden DM mit rund einer Mil­li­arde DM mehr als zehn Pro­zent des Kosten­rah­mens für diese Risiken ein­ge­plant worden. Dies, so Stemp-lewski, sollte grund­sätz­lich bei allen Pro­jekten mit langen Pla­nungs- und Rea­li­sie­rungs­zeiten geschehen.

Um ein Groß­pro­jekt wie den Emscher-Umbau finan­ziell als auch zeit­lich in der Spur zu halten, war zunächst jedoch ein „interner Umbau“ not­wendig. „Ver­kürzt kann man sagen, dass wir par­allel zum Emscher-Umbau in den 1990ern auch die Emscher­ge­nos­sen­schaft umge­baut haben“, so Stem­plewski. Dazu gehörte die Ein­füh­rung moderner kauf­män­ni­scher und tech­ni­scher Con­trol­ling-Instru­mente und die Ein­füh­rung eines kon­se­quenten Pro­jekt­ma­nage­ments.

Controlling: intern und extern

Per­ma­nent führt die Emscher­ge­nos­sen­schaft ein kon­ti­nu­ier­li­ches – internes und externes – Con­trol­ling durch: Leistungs‑, Zeit- und Kosten­kon­trollen in Form von soge­nannten Ampel-Berichten. „Wenn Gefahr droht, dass der grüne Bereich ver­lassen wird, setzen wir gegen­steu­ernde Maß-nahmen ein. Damit halten wir die Pro­jekte in ihrem vor­ge­se­henen Rahmen in der Spur“, sagt Stem­plewski. Als Auf­trag­geber und Bau­herr muss man die Fäden des Pro­jektes in der Hand behalten, das Groß­pro­jekt vom Anfang (das heißt, von der Idee bis zur Vor­pla­nung) bis zum Ende (der Schluss­rech­nung) wirksam steuern, es nicht nur anstoßen und geschehen lassen – oder gar von anderen Inter­es­senten oder Auf­trag­neh­mern (Bau­un­ter­nehmen) getrieben werden. „Es gibt nicht-dele­gier­bare Bau­herren-Auf­gaben, ins­be­son­dere die Ver­fol­gung und Steue­rung von Kosten, Zeit und Lei­stungs­qua­lität, die man kei­nes­falls aus der Hand geben darf“, erklärt Stem­plewski. Diese Ver­ant­wor­tung kann nicht ori­ginär von anderen wie z. B. externen Pro­jekt­steue­rern über­nommen und ver­treten wer-den. „Pro­jekt­steuerer können kom­pe­tente Unter­stüt­zung für den Bau­herren und Auf­trag­geber lei­sten – sie können aber nicht seine Rolle über­nehmen.“

Für den Zeit­faktor spielt jedoch auch die Durch­füh­rung der Geneh­mi­gungs­ver­fahren eine wich­tige Rolle. Dazu steht die Emscher­ge­nos­sen­schaft in enger Abstim­mung mit den Was­ser­be­hörden. Laut Fichtner sei der Emscher-Umbau „ein Pro­jekt von bemer­kens­werter Kon­stanz, Ter­min­ein­hal­tung und Kosten­treue“.

Keine Geheimniskrämerei: offensiv informieren

Zum guten Ansehen des Groß­pro­jekts bei­getragen hat sicher­lich auch die stets offene und offen­sive Kom­mu­ni­ka­tion des Genera­tio­nen­vor­ha­bens durch die Emscher­ge­nos­sen­schaft. „Es ist uns gelungen, den Nutzen des Pro­jektes und den Mehr­wert für die Men­schen zu ver­mit­teln – und sie damit auch für das Pro­jekt zu begei­stern. Die ver­ständ­liche Erläu­te­rung und Visua­li­sie­rung der Pla­nungen von Anfang an war eine unver­zicht­bare Vor­aus­set­zung“, so Stem­plewski, „Offen­heit und Trans­pa­renz gegen­über der Öffent­lich­keit waren auch in allen spä­teren Pro­jekt­phasen von enormer Bedeu­tung. Die regel­mä­ßige Bericht­erstat­tung zu Zeit, Kosten und Qua­lität nach innen und außen gehört dazu genauso wie die Kom­mu­ni­ka­tion von erreichten Mei­lens­teilen und Erfolgen, aber auch das offene Anspre­chen von Schwie­rig­keiten oder Ver­zö­ge­rungen. Die Erfah­rungen zeigen, dass Geheim­nis­krä­merei über­haupt nicht hilft, son­dern viel­mehr einen quä­lenden Ein­druck von Inkom­pe­tenz hin­ter­lässt.“

Die Erfah­rungen zeigen, dass Geheim­nis­krä­merei über­haupt nicht hilft, son­dern viel­mehr einen quä­lenden Ein­druck von Inkom­pe­tenz hin­ter­lässt.“

Dr. Jochen Stem­plewski, Vor­stands­vor­sit­zender Emscher­ge­nos­sen­schaft

Diese bis­lang posi­tiven Erfah­rungen mit dem Groß­pro­jekt prä­sen­tierte Dr. Jochen Stem­plewski gemeinsam mit Bun­des­um­welt­mi­ni­sterin Bar­bara Hend­ricks und Michael Gro­schek, Mini­ster für Bauen, Wohnen, Stadt­ent­wick­lung und Ver­kehr des Landes NRW im Rahmen des The­men­abends „Der Emscher-Umbau: Stadt­ent­wick­lung und Umwelt­ge­stal­tung im Struk­tur­wandel. Ein erfolg­rei­ches öffent­li­ches Groß­pro­jekt.“ Gro­schek, der als Ober­hau­sener den Emscher-Umbau bereits seit vielen Jahren bestens kennt, sagt: „Die Rena­tu­rie­rung der Emscher ist eines der sym­bol­träch­tig­sten Struk­tur­wan­del­pro­jekte im ehe­ma­ligen Koh­len­re­vier.“

Im Zuige des Renaturioerungsüprgrammes hat die Enmschergenossenschaft auch den Lauf der Enmscher im zentarl geleghenen Enscherpark von Holzwickede
Im Zuge des Rena­tu­rie­rung hat die Emscher­ge­nos­sen­schaft von 2009 bis 2010 auch die Emscher im zen­tralen Park in Holzwickede erheb­lich auf­ge­wertet. (Foto: Peter Gräber)

Auch in Holzwickede, der Quell­ge­meinde der Emscher, ist im Rahmen der Rena­tu­rie­rung einiges pas­siert. Die Emscher­ge­nos­sen­schaft hat von 2009 bis 2010 unter anderem die Emscher im zen­tralen Gemein­de­park erheb­lich auf­ge­wertet. In der der Gemeinde Holzwickede plant die Genos­sen­schaft im Rahmen des Emscher-Umbaus Inve­sti­tionen in Höhe von ins­ge­samt 22 Mil­lionen Euro. Davon wurden bis­lang rund 19 Mil­lionen Euro ein­ge­bracht. Von ins­ge­samt sechs Kilo­me­tern der Emscher in Holzwickede wurden bereits fünf Kilo­meter umge­staltet, der letzte Kilo­meter folgt vor­aus­sicht­lich im kom­menden Jahr.

Hin­ter­grund:
Die Emscher­ge­nos­sen­schaft wurde 1899 in Bochum als Deutsch­lands erster Was­ser­wirt-schafts­ver­band gegründet. Ihre Auf­gaben sind seitdem unter anderem die Unter­hal­tung der Emscher, die Abwas­ser­ent­sor­gung und ‑rei­ni­gung sowie der Hoch­was­ser­schutz. Wegen der durch den Bergbau ver­ur­sachten Erd­sen­kungen im mitt­leren Ruhr­ge­biet sind unter­ir­di­sche Kanäle früher nicht mög­lich gewesen, da sie bei Berg­sen­kungen beschä­digt worden wären. Daher wurden die Emscher als zen­traler Fluss des Ruhr­ge­biets und ihre Neben­bäche als offene Schmutz­was­ser­läufe ver­wendet. Seit Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre hat sich die Lage jedoch geän­dert. Nach der Nord­wan­de­rung des Berg­baus sind auch keine Berg­sen­kungen mehr zu befürchten, so dass nun auch unter­ir­di­sche Abwas­ser­ka­näle gebaut werden können. Seit 1992 plant und setzt die Emscherge-nos­sen­schaft den Emscher-Umbau um. Jedes Gewässer erhält ein unter­ir­di­sches Pen­dant, durch das die Abwässer zu den Klär­an­lagen abge­leitet werden. Die ober­ir­di­schen Bäche sind damit abwas­ser­frei und können anschlie­ßend naturnah umge­baut werden: Die Beton­sohl­schalen werden ent­fernt, die Böschungen weiter und viel­sei­tiger gestaltet. Dort, wo der Platz es zulässt, erhalten die einst tech­nisch begra­digten Flüsse wieder einen kur­ven­rei­cheren Ver­lauf.

Der Emscher-Umbau dauert bis 2020. Über einen Zeit­raum von rund 30 Jahren inve­stiert die Em-scher­ge­nos­sen­schaft ins­ge­samt 4,5 Mil­li­arden Euro. Seit Beginn der 90er-Jahre wurden bis heute rund drei Mil­li­arden Euro aus­ge­geben. Rund 290 von 400 Kanal­ki­lo­me­tern sind bis­lang ver­legt worden, knapp 130 von 350 km an Gewäs­ser­läufen wurden schon öko­lo­gisch ver­bes­sert. Der Ober­lauf der Emscher und ihre Neben­läufe in Dort­mund sind bereits seit Anfang 2010 auf einer Länge von etwa 24 km kom­plett abwas­ser­frei – und heute wei­test­ge­hend bereits rena­tu­riert, ebenso auch die frü­heren Emscher-Arme Alte Emscher und Kleine Emscher im Raum Duis­burg.

Das Herz­stück des Emscher-Umbaus ist der Abwas­ser­kanal Emscher (AKE), der nach 2017 das Schmutz­wasser aus den Zufluss­ka­nälen auf­nimmt. Der Spa­ten­stich für den AKE ist im Sep­tember 2009 erfolgt, der­zeit läuft der Hauptbau. 51 km lang wird er sein und von Dort­mund bis nach Dins­laken führen. Der Abwas­ser­kanal wird aus Stahl­beton-Kanal­rohren mit Innen­durch­mes­sern zwi­schen 1,60 und 2,80 m bestehen. In zehn bis 40 m Tiefe fließt das Abwasser mit einer Geschwin­dig­keit von vier Kilo­me­tern in der Stunde. Einmal in Betrieb genommen wird der Abwas­ser­kanal trennen, was nicht zusammen gehört: Sau­beres Fluss- und Regen­wasser wird offen in und durch die Emscher fließen, das Abwasser dagegen unter­ir­disch im Kanal trans­por­tiert.

Emscher


Peter Gräber

Dipl.-Journalist

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