Man zählt ihn zu den "jungen Wilden": Rainer Fetting in seiner Ausstellung (Foto: Roland Baege/Dortmunder U)

Jung und wild und Willy Brandt – Bilder und Skulpturen von Rainer Fetting im Dortmunder „U“

Man zählt ihn zu den "jungen Wilden": Rainer Fetting in seiner Ausstellung (Foto: Roland Baege/Dortmunder U)
Man zählt ihn zu den „jungen Wilden“: Rainer Fetting in seiner Ausstellung (Foto: Roland Baege/Dortmunder U)

Große Leinwände, beherzter Pinselduktus, satte Farben: Rainer Fettings Bilder bestechen nicht eben durch Zurückhaltung. Wenn der eh schon üppig bemessene Keilrahmen zu klein wird, wenn Hand, Kopf oder Fuß eines Portraitierten noch irgendwie untergebracht werden müssen, dann wird ein weiteres Malfeld angesetzt, was aus ursprünglich viereckigen Arbeiten manches Mal putzig verschachtelte Polygone macht. Damals, Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre, gehörte Rainer Fetting zu den „jungen Wilden“, die, in Berlin am Moritzplatz zunächst, laut und lustig ihren Platz im Kunstgeschehen jener Jahre einforderten. Jetzt sind Arbeiten Fettings, die jüngsten von 2016, im Dortmunder Kunstmuseum U zu sehen

In der SPD-Zentrale

Zu den jüngsten Arbeiten Fettings zählt das Portrait mit dem Titel „Here are the lemons“ von 2016, dem die Ausstellung ihren Titel verdankt. Doch spätestens jetzt muß angemerkt werden, daß dieser Künstler, der anscheinend so unbekümmert drauflospinselt und formale Grenzen ignoriert, auch ein begnadeter Plastiker ist. Die Willy-Brandt-Statue in der Berliner SPD-Zentrale, die jeder kennt, der im Fernsehen Nachrichten guckt, die ist auch von Rainer Fetting. Und sie gilt allgemein als gut gelungen, als kongeniale Abbildung eines Jahrhundertpolitikers.

Auch an Helmut Schmidt hat Fetting sich versucht, der Altkanzler mit der Kippe in der Hand, man sah ihn ja selten ohne. Etliche Modelle sind in Dortmund ausgestellt, doch Helmut Schmidt sollen sie alle nicht gefallen haben. Ob Willy Brandt seine Statue gefallen hätte, läßt sich nicht mehr klären, denn sie entstand erst einige Jahre nach seinem Tod.

Von New York nach Sylt

Zurück ins „U“. In ihrer kühlen, großzügigen Konzeption ist die Ausstellung auf der Sonderfläche im 6. Stock uneingeschränkt zu loben. Die Bilder – und mit wenigen skulpturalen Ausnahmen sind es nur Bilder – bekommen hier den Platz, den sie brauchen. Die Schau ist eine Übernahme aus Schloß Gottorf in Schleswig, aus der derzeitigen Heimatregion des Künstlers mithin. Nachdem Fetting wilde Jahre in Berlin und New York verlebte, zog es ihn Mitte der 90er Jahre nämlich in den ruhigen Norden, lockte ihn die Abgeschiedenheit der Insel Sylt. 73 ist er mittlerweile, auch junge Wilde werden alt. Glücklicherweise jedoch sind auch die Ganzkörper-Portraits des Tänzers und Lieblingsmodels Desmond Cadogan nicht altersmildes, abgeklärtes „Spätwerk“, sondern farbsatte, großzügig ausgeführte Studien; gleichzeitig sind sie aber doch konsequenter durchkomponiert als frühe Arbeiten, fokussieren konzentrierter, sind psychologischer, intimer, graduell jedenfalls. Früh schon nannte Fetting Vincent van Gogh sein großes Vorbild, und, doch, doch, das will man gelten lassen.

Klare Kompositionen

Überhaupt: die Behauptung des „Wilden“ in der eigenen Kunst ist doch sehr zu hinterfragen. Als klarsichtiger Kompositeur beweist sich Fetting schon in jungen Jahren – und als begabter Zeichner überdies, wie ganz frühe Arbeiten belegen. Seine Malerei weiß um die Wirkung des einzelnen, breiten Farbauftrags, der im Bild klug und pointiert gesetzt wird. Ein Pinselstrich pro Wolkenkratzer – aus ihnen setzt sich, beispielsweise, eine gigantische New Yorker Skyline eindrucksvoll zusammen. Überhaupt fällt immer wieder, auch später bei den Sylter Bildern noch, auf, wie zurückhaltend die Stilmittel letztlich sind, mit denen der Maler dichte Atmosphäre schafft. Manchmal, jedenfalls wirkt das so, liefert schon die schiere Reproduktion das Maximum. Auf geschätzt fünf bis sechs Quadratmetern Bildfläche zum Beispiel hat Fetting die Rückseite eines gelben New Yorker Taxis abgebildet, die hier größtenteils aus schreiend rotem Brems- und Rücklicht besteht. Im Rückfenster ahnt man ein Paar (sie fährt), das Nummernschild trägt die etwas unbescheidene Kennzeichnung „RF 1“. Und diffus beschleicht den Betrachter das gute Gefühl, daß Taxi, Nacht, New York so, genau so, geht.

Party am Moritzplatz

Fetting hat auch viel gefilmt, in Super 8 damals noch, in Berlin vor allem, am Moritzplatz, wo die Wilden ihre eigene Galerie eröffnet hatten. Für die Ausstellung hat er das reiche Material neu sortiert und geschnitten, in einem separaten Raum läuft die Rolle ohne Pause. Vieles ist unscharf und verwischt, was den mangelhaften Lichtverhältnissen ebenso geschuldet zu sein scheint wie dem vermutlich nicht unerheblichen Konsum von Alkohol und – möglicherweise, Genaueres wissen wir nicht – anderen Substanzen.

Wenn Leute erkennbar werden, hat Fetting die Namen in die wabernden Bilder montiert, und etliche Partygäste kennt man durchaus: Bernd Zimmer, Martin Kippenberger, Salomé, Bernd Koberling zum Beispiel. Doch viele kennt man eben auch nicht, wenn man kein intimer Kenner der Szene ist. Die erfolgreiche Zeit dieser Künstler (und Künstlerinnen of course, Elvira Bach zum Beispiel mischte da ganz vorne mit, kommt in Fettings Filmen aber leider überhaupt nicht vor) fand beizeiten ihr Ende, und so mancher Sammler fragte sich anschließend betrübt, ob er für die eine oder andere Arbeit nicht etwas zu viel bezahlt haben könnte. Koberling jedenfalls fand in Fettings Film viel Spaß daran, zu fortgeschrittener Stunde mit einem Fahrrad die Festtagsgemeinde zu umkreisen. Dafür, daß er vielleicht doch schon einen im Schlappen hatte, fährt er übrigens ziemlich gut Fahrrad.

Schwule Community

Die Super-8-Aufnahmen entstanden zu Beginn der 80er Jahre, zu einer Zeit also, als eine unheimliche neue Krankheit, die vor allem Homosexuelle traf und schnell und tödlich verlief, mit dem Kunstwort Aids ihren Namen bekam. Rainer Fetting ist schwul, hat oft und wohl auch gerne schwule Männer gemalt und sich in einer schwulen Community bewegt. Auch deshalb wohnt seinen ausufernden Schmalfilmaufnahmen, wenn man sie heute sieht, ein Hauch von Trübnis inne, wirken sie wie ein letztlich hilfloser Versuch, die Situation, die Leute, den Spaß angesichts der drohenden Seuche unvergänglich zu machen. Was den Filmaufnahmen an technischer Qualität abgeht, bleibt emotional sehr wohl erhalten, und damit ähneln sie der Malerei in jener Zeit, die auf ihre eigentümliche Art ja auch sehr auratisch ist.

Wer zu Fetting will, muß sich an das Hygiene-Konzept im „U“ halten – vorne rein und hinten raus, Aufzug rauf und Rolltreppe runter, und vor allen Dingen: vorher online einen Slot buchen. Eine Vielzahl freundlicher Menschen sorgt im Haus dafür, daß das ganze so gut und reibungslos abläuft, wie unter den obwaltenden Umständen halt möglich. Und hoffentlich hat kein neuerlicher „Shutdown“ dem vorsichtigen Museumsbetrieb ein neues Ende gesetzt, wenn Sie diese Zeilen lesen.

Info:
„Rainer Fetting – Here are the lemons“, Museum Dortmunder „U“.
Bis 5. April.
Geöffnet Di+Mi 11 bis 18 Uhr, Do+Fr 11 bis 20 Uhr, Sa+So 11 bis 18 Uhr.
Eintritt 7 Euro, Katalog 29,90 Euro.
Vor dem Besuch muß online ein Zeitfenster („Timeslot“) gebucht werden unter www.digitales.dortmunder-u.de/tickets

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