Besser spät als nie: Eine Gemeinde erinnert sich an die Opfer der NS-Zeit

Mit der Erinnerung an die anonymen NS-Opfer wird ihnen auch ein Namen und die Würde wiedergegeben: Wilhelm Hochgräber eröffnet die zentrale Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus heute im Foyer des CSG. (Foto: P. Gräber - Emscherblog.de)

Mit der Erin­ne­rung an die anonymen NS-Opfer wird ihnen auch ein Namen und die Würde wie­der­ge­geben: Wil­helm Hoch­gräber eröffnet die zen­trale Gedenk­ver­an­stal­tung für die Opfer des Natio­nal­so­zia­lismus heute im Foyer des CSG. (Foto: P. Gräber – Emscherblog.de)

In einer bewe­genden Gedenk­ver­an­stal­tung für die NS-Opfer wür­digten die Gemeinde Holzwickede und die VHS-Gruppe „Spu­ren­suche NS-Opfer Holzwickede“ heute im Bei­sein zahl­rei­cher Gäste aus allen Berei­chen der Gemeinde im Forum des Clara-Schu­mann-Gym­na­siums die Schick­sale und Bio­gra­phien der im Natio­nal­so­zia­lismus ermor­deten Men­schen mit Behin­de­rungen und psy­chi­schen Krank­heiten. Zum Gedenken an Holzwickeder Opfer werden auch am kom­menden Dienstag (6. März) fünf Stol­per­steine durch den Künstler Gunter Demnig in der Emscher­ge­meinde ver­legt.

Die veranstakter zeigten sich überrascht und hocherfreut über das große Interesse an der Veranstaltung im Foyer des CSG. (Foto: P. Gräber - Emscherblog.de)

Die Ver­an­stalter zeigten sich über­rascht und hoch­er­freut über das große Inter­esse an der Ver­an­stal­tung im Foyer des CSG. (Foto: P. Gräber – Emscherblog.de)

Dass die Stol­per­steine ver­legt werden können ist vor allem der VHS-Gruppe Spu­ren­suche um Wil­helm Hoch­gräber sowie Ulrich Reit­inger zu ver­danken, die mit ihren Recher­chen den Holzwickeder Opfer wieder ein Gesicht und Namen gegeben und die Ver­le­gung der Stol­per­steine bean­tragt haben.

Warum über­haupt eine eigene Gedenk­ver­an­stal­tung für NS-Opfer, wo doch seit Wie­der­ein­füh­rung des Volks­trau­er­tages 1952 nicht mehr nur den Kriegs­toten, son­dern auch der Opfer der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Gewalt­herr­schaft gedacht wird? Die Ant­wort lie­ferte Wil­helm Hoch­gräber von der VHS-Gruppe Spu­ren­suche in seiner kurzen Eröff­nungs­an­sprache: Wäh­rend der Kriegs­toten auf öffent­li­chen oder kirch­li­chen Denk­mä­lern und in der orts­ge­schicht­li­chen Lite­ratur nament­lich gedacht wurde und wird, blieben die NS-Opfer jahr­zehn­te­lang anonym, so Wil­helm Hoch­gräber: „Die Namen der fünf umge­brachten Men­schen aus Holzwickede, derer heute hier und mit der Stol­per­stein­ver­le­gung in beson­derer Weise gedacht wird, werden weder auf einem Denkmal noch in der orts­ge­schicht­li­chen Lite­ratur erwähnt, noch nicht einmal in den Schriften der Kir­chen­ge­meinden, obwohl sie evan­ge­lisch oder katho­li­sche getauft waren.“

Das „Dritte Reich“ sei wie ein ver­fluchtes Mör­der­haus, von dem die Dorf­be­wohner weg­sehen und das doch in ihrer Mitte steht, schrieb Golo Mann in seiner Deut­schen Geschichte. „So war es auch Jahr­zehnte lang in Holzwickede“, kri­ti­siert Hoch­gräber: Als in Unna 2008 und 2014 am 9. November der Bür­ger­mei­ster einen Kranz zum Gedenken für die jüdi­schen NS-Opfer in Unna nie­der­legte, war in Holzwickede ver­kaufs­of­fener Sonntag. „Darum ist es gut, dass hier heute die Gemeinde Ver­an­stalter ist und diese Ver­an­stal­tung am Baron-Denkmal im Foyer des CSG statt­findet, dem ein­zigen Mahnmal in der Gemeinde.“

Antrag zur Stolpersteinverlegung hat Großes ausgelöst

Bür­ger­mei­sterin Ulrike Drossel dankte in ihren Reden anschlie­ßend der VHS-Gruppe Spu­ren­suche und Ulrich Reit­inger für ihr Enga­ge­ment und das Recher­chieren der Fakten und Namen der Holzwickeder Opfer. Es sei „wichtig, die Erin­ne­rungen an die mensch­li­chen Schick­sale auf­recht zu erhalten“. Neun Holzwickeder, haben die Recher­chen ergeben, seien Opfer des Eutha­na­sie­pro­gramms der Nazis geworden. Von fünf dieser Opfer seien die Bio­gra­phien soweit erar­beitet, dass für sie über­morgen Stol­per­stein ver­legt werden können. „Der Antrag der VHS-Gruppe hat Großes aus­ge­löst“, stellt Ulrike Drossel fest. Durch ihn seien Erin­ne­rungen an Opfer geweckt worden, denen bisher nicht gedacht wurde. „Durch einen anderen poli­ti­schen Antrag werden wir uns wei­terhin mit der NS-Ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der­setzen“, kün­digte die Bür­ger­mei­sterin an.

Durch einen anderen poli­ti­schen Antrag werden wir uns wei­terhin mit der NS-Ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der­setzen.“

Bür­ger­mei­sterin Ulrike Drossel

Auch Michael Klim­ziak bezeich­nete es anschlie­ßend als „gut und wichtig, dass wir uns auf diese Weise der grau­samen Geschichte der NS-Zeit stellen“, so der Kul­tur­aus­schuss­vor­sit­zende. „Die Stol­per­steine ermahnen uns auch, aus unserer Geschichte zu lernen, damit sie sich nicht wie­der­holt.“ Die Gemeinde Holzwickede trage seit einigen Jahren den Titel „Gemeinde ohne Ras­sismus – Gemeinde mit Cou­rage“. Die Orga­ni­sa­toren sehen die Stol­per­stein­ver­le­gung auch als Teil ihrer Selbst­ver­pflich­tung, womit sich der Kreis zur Aydaco-Gruppe schließe.

Den Opfern einen Namen und ihre Würde zurückgeben

Ulrich Reitmeier schilderte eindrucksvoll , wie es zur Ideologie der Rassehygiene kam und welche grausamen Konsequenzen diese in der NS-Zeit hatten. (Foto. P. Gräber - Emscherblog.de)

Ulrich Reit­inger (l.) schil­derte ein­drucks­voll, welche grau­samen Kon­se­quenzen die Ideo­logie der Ras­se­hy­giene in der NS-Zeit hatten. (Foto. P. Gräber – Emscherblog.de)

Ulrich Reit­inger zeigte in seiner Rede ein­dring­lich auf, wie die Ideo­logie des so genannten „min­der­wer­tigen, unwerten Lebens“ schon vor der NS-Zeit ent­stand und diese schließ­lich in den Ras­sen­hy­gie­ne­ge­setzen der Nazis mün­dete. Stand en am Anfang noch Zwangs­teri­li­sa­tionen, folgte schon bald die syste­ma­ti­sche Ver­nich­tung „unwerten Lebens“, wie Erb­kranke, psy­chisch Kranke, Kri­mi­nelle oder Men­schen nicht deut­schen Blutes dif­fa­miert wurden: ein „Mas­sen­mord auf dem Dienstweg“.

Auch in Holzwickede gab es Opfer, wie aus den voll­ständig erhal­tenen 4 500 Akten des Erb­ge­sund­heits­zen­trums in Dort­mund, das damals zuständig für Holzwickede war, her­vor­geht: Danach gab es 58 Ver­fahren gegen gemel­dete Holzwickeder, wobei 43 Zwangs­ste­ri­li­sa­tionen ange­ordnet wurden. 25 davon wurden an Frauen durch­ge­führt, 18 an Män­nern. Das jüngste Opfer war erst 14 Jahre alt. Ins­ge­samt wurden zwi­schen 1934 und 1945 rund 400 000 Men­schen im deut­schen Reich zwangs­ste­ri­li­siert.

Mit einem Füh­rer­erlass gingen die Nazis dann zu Kriegs­be­ginn dazu über, das so genannte „min­der­wer­tige Leben“ syste­ma­tisch zu ver­nichten. Min­de­stens 100 000 Men­schen wurden im Rahmen der Ras­se­hy­gie­ne­ge­setze syste­ma­tisch getötet. In dieser ersten Phase pas­sierte das in der zen­tralen Tötungs­an­stalt im hes­si­schen Hadamar. Auch die Holzwickeder Josef Kaup und Wil­helm Lohöfer endeten in Hadamar, nachdem sie zuvor von Holzwickede aus in die Pro­vin­zi­al­heil­an­stalt War­stein ein­ge­wiesen worden waren. Weil das Töten mit Gas in Hadamar nicht effektiv genug war, gingen die NS-Täter in einer zweiten Phase dazu über, die Opfer durch syste­ma­ti­sche Man­gel­er­näh­rung und Medi­ka­mente zu ermorden.

Bewegende Gedanken der CSG-Schüler

Auch einige Schülerinnen und Schüler der Aydaco-Gruppe des CSG legten ihre Gedanklen zum Thema dar. (Foto: P. Gräber - Emscherblog.de)

Auch einige Schü­le­rinnen und Schüler der Aydaco-Gruppe des CSG legten ihre Gedanken zum Thema dar. (Foto: P. Gräber – Emscherblog.de)

Jedes dieser Opfer hatte ein Recht auf Leben“, schloss Ulrich Reit­inger. „Wenn wir dem­nächst in Holzwickede einen dieser Stol­per­steine sehen, sollten wir viel­leicht kurz inne­halten und uns an unsere Ver­ant­wor­tung erin­nern. Dass so etwas nie wieder pas­siert.“

Wirk­lich bewe­gend wurde die Gedenk­ver­an­stal­tung als zum Abschluss auch einige Schü­le­rinnen und Schüler der Aydaco-Gruppe des CSG ein paar eigenen Gedanken zu den fünf Holzwickeder Opfer vor­trugen.

So könnte der ehe­ma­lige Aloy­si­us­schüler Ludwig Himpe, würde er heute leben, durchaus ein Mit­schüler von ihnen sein, meinte etwa einer der Schüler. Viel­leicht würde man heute davon spre­chen, dass Ludwig ADHS hätte oder ihn als Inklu­si­ons­schüler begleiten lassen. In der NS-Zeit wurde Ludwig dagegen als „lebens­un­wert“ abge­stem­pelt und in der Anstalt Weil­mün­ster in Hessen ermordet…

Für jedes der fünf Opfer zün­deten die Schüler dann eine Kerze an und benannten Bau­steine für Frieden und Gerech­tig­keit.

Die fünf Opfer aus Holzwickede, an die mit der Ver­le­gung der Stol­per­steine am kom­menden Dienstag (6. März, ab 12.30 Uhr) erin­nert werden soll, sind:

Ludwig Himpe (1898 – 1943), Hauptstr. 8

Karl Klönne (1922 – 1942), Sölder Str. 31

Josef Kaup (1915 – 1941), Landweg 57

Fried­rich Ellerk­mann (1909 – 1944), Nordstr. 19

Wil­helm Lohöfer (1919 – 1941), Lands­kroner Str. 23

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