Der Künstler Gunter Demnig verlegte heute wieder vier Stolpersteine - hier in der Lessingstraße 4 - zur Erinnerung an Holzwickeder Opfer der NS-Gewaltherrschaft. (Foto: P. Gräber - Emscherblog)

Vier Stolpersteine wider das Vergessen: Erinnerung an Holzwickeder NS-Opfer

Der Künstler Gunter Demnig verlegte heute wieder vier Stolpersteine - hier in der Lessingstraße 4 - zur Erinnerung an Holzwickeder Opfer der NS-Gewaltherrschaft. (Foto: P. Gräber - Emscherblog)
Der Künstler Gunter Demnig verlegte heute wieder vier Stolpersteine – hier in der Lessingstraße 4 – zur Erinnerung an Holzwickeder Opfer der NS-Gewaltherrschaft. (Foto: P. Gräber – Emscherblog)

Der Künstler Gunter Demnig hat heute (9. Oktober) vier weitere Stolpersteine verlegt, die an Holzwickeder Opfer des Nationalsozialismus erinnern sollen. Ursprünglich sollte sogar noch ein fünfter Stein Im Ostendorf 3 an das NS-Opfer Wilhelm Nissel erinnern. Es wäre der erste Stolperstein überhaupt im Ortsteil Opherdicke gewesen. Doch eine Anwohnerin hatte sich gegen die Verlegung ausgesprochen, weshalb darauf zunächst verzichtet wurde.

Musikalisch umrahmt wurden die Verlegungen von Mitgliedern der Aydaco-Gruppe des Clara-Schumann-Gymnasium. Sie trugen im Wechsel mit Mitgliedern der VHS-Gruppe „Spurensuche NS-Opfer Holzwickede“ auch Texte zu den Opfern vor.

Verlegung des fünften Steins abgesagt

Der erste Stolperstein wurde gegen 13.30 Uhr in der Lessingstraße 4 verlegt. Er erinnert an Karl Weil, der am 26. Mai 1897 in Unna geboren wurde. Karl Weil erlernte den Beruf des Bergmanns und begann Ende des Ersten Weltkrieges sich politisch engagieren. Er heiratete er 1926 in Holzwickede und und trat im gleichen Jahr der SPD und 1928 dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold bei.  Hier übernahm er die Funktion des technischen Leiters. Damit geriet er 1933 in das Fadenkreuz der neuen Machthaber. Nach den Recherchen von Ulrich Reitmeier und der Gruppe Spurensuche wurde Karl Weil schon am 19. April 1933 verhaftet und in das Konzentrationslager Bergkamen-Schönhausen verschleppt, wo er durch SA-Leute schwer misshandelt wurde. In den Haftbüchern wird als Haftgrund dokumentiert, der gefangene habe „an der Stempelstelle stets systematisch gegen die Nationale Bewegung gehetzt“. Unter desolaten Haftbedingungen verblieb Karl Weil hier bis zum 3. Mai 19933 und wurde dann der „Provinzial-Arbeitsanstalt Brauweiler“ in Köln überstellt.

Folter im KZ Bergkamen-Schönhausen

Der Stolperstein in der Lessingstraße 4 erinnert an Karl Weil, der von den Nazis wegen seiner politischen Einstellung drangsaliert und ins KZ Bergkamen-Schönhausen gesteckt wurde. (Foto: P. Gräber - Emscherblog)
Der Stolperstein in der Lessingstraße 4 erinnert an Karl Weil, der von den Nazis wegen seiner politischen Einstellung drangsaliert und ins KZ Bergkamen-Schönhausen gesteckt wurde. (Foto: P. Gräber – Emscherblog)

Nach der Haftentlassung am 21. August 1933 kehrte Karl Weil gesundheitlich schwer angeschlagen nach Holzwickede zurück. Ihm waren in der Haft sämtliche Zähne ausgeschlagen worden. Er hatte von Schlägen verursachte Striemen auf dem Rücken und eine Kreuzbeinverletzung. Der Geschundene hatte seine Arbeit verloren, er bekam Ausgehverbot und nur eine karge Wohlfahrtsunterstützung. Besorgte er sich Arbeit, wurde er von SA- und SS-Leuten fortgejagt „Für Sie roten Mob ist keine Arbeit im Dritten Reich mehr da!“. Karl Weil lebte in Holzwickede in ständiger Gefahr, weshalb er 1937 nach Dortmund übersiedelte, wo es ihm gelang, wieder Arbeit auf einer Zeche zu bekommen. Im Jahr 1970 ist Karl Weil an den Folgen jahrelange schwerer Arbeit unter Tage in Dortmund verstorben.

Weitere Gedenksteine wurde heute für Kaspar Lügger in der Dürerstraße 18 verlegt. Lange, der am 12. Mai 1907 in Holzwickede geboren wurde, war bereits als Heranwachsender in der Katholischen Jugend aktiv. Er wurde am 20. Juli 1933 wegen seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus verhaftet, angeblich nach der Denunziation eines Nachbarn. Ein Holzwickeder Polizist brachte Lügger ins Konzentrationslager Bergkamen-Schönhausen, wo Folterungen und andere Misshandlungen für ihn auf der Tagesordnung standen. Am 8. August 1933 kam Kaspar Lügger aus dem KZ frei. Er heiratete 1935 in Wickede/Ruhr, wo er 1969 auch verstarb.

Ein weiterer Stein erinnert seit heute in der Massener Straße 234 an Heinrich Dulle, der am 8. März 1884 in Holzwickede geboren wurde. Dulle war Gewerkschafts- und SPD-Mitglied. Als solches wurde er einen Tag nach der Reichstagswahl 1933 von NSDAP-Leute aus seiner Wohnung geholt und zum Marktplatz geschleppt, wo er in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt, schwer misshandelt, beschimpft, bedroht und zu niedrigsten Arbeiten gezwungen wurde. Am 19. November 1933 wurde Heinrich Dulle von Spaziergängern mit einem Strick um den Hals in einem Hengser Waldstück tot aufgefunden. Heinrich Dulle hatte sich das Leben genommen.

Erinnerung auch an ersten Bürgermeister Josef Kiel

Der letzte heute verlegte Stolperstein in Landweg 8 erinnert an Josef Kiel, der am 8. April 1883 in Holzwickede geboren wurde. Der Bergmann heiratete 1906 und wurde Vater zweier Kinder. Zum Zeitpunkt des Machtwechsels saß er als SPD-Mitglied im Gemeinderat und war Beigeordneter des Amtes Unna-Kamen, Gewerkschaftsmitglied und Knappschaftsältester. Dies war Grund genug ihn am 13. April 1933 zu verhaften und in das KZ Bergkamen-Schönhausen zu verschleppen. Späteren Aussagen zufolge wurde der ohne schon kranke Josef Kiel dort von allen KZ-Häftlingen am schwersten misshandelt. Drei Tage nach seiner Einlieferung kam Kiel in das KZ Wittlich, wo er zur Zwangsarbeit im Autobahnbau eingesetzt wurde.  Am 2. Oktober 1933 wurde er entlassen. Durch sein politisches Engagement hatte er seine Werkswohnung verloren, sein Pflegekind wurde ihm weggenommen und er stand unter der „Betreuung“ eines SA-Sturmführers. Josef Kiel blieb auch in weiteren strengen Verhören standhaft und es gelang den Nazis nicht, ihn „umzukrempeln“. Nach Kriegsende ernannten ihn die Alliierten zum ersten Bürgermeister Holzwickedes. Das Amt bekleidete er bis 1946. Er starb zwei Jahre später in Unna.

Nach den Stolpersteinverlegungen bestand für interessierte Bürge rund Angehörige die Möglichkeit zu einem gedanklichen Austausch und  Gesprächen bei einem Kaffeetrinken in der Rausinger Halle.

Stolpersteinverlegung


Peter Gräber

Dipl.-Journalist

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