Schöne Körper, schöne Landschaften – Herbert Rolf Schlegel auf Haus Opherdicke

Expressionismus wäre wohl auch möglich gewesen. Geboren 1889 und gestorben 1972, war der Maler Herbert Rolf Schlegel ein Zeitgenosse beispielsweise Karl Schmidt-Rottluffs (1884 bis 1976), welcher als bedeutender Vertreter dieser Kunstrichtung gilt. Aber Expressionistisches klingt in Schlegels Werk nur sehr verhalten an. Eher schon lockten ihn in seinen jungen Jahren das mystische Raunen des Symbolismus, die anämische Erotik des Jugendstils, die Jugend, die schönen Körper und die schönen Landschaften. Und nicht zuletzt war die Auseinandersetzung mit der geschlechtlichen Identität ein Thema, das er, geradezu obsessiv mitunter, ein Leben lang bearbeitete. Haus Opherdicke ermöglicht nun eine ganz vorzügliche Ausstellung die Auseinandersetzung mit diesem Künstler, der, bislang jedenfalls noch, einer von den Vergessenen ist.

Solide Ausbildung

Schlegel absolvierte eine überaus solide Ausbildung in Düsseldorf und Kassel, zeigt sich vor dem Ersten Weltkrieg schon als brillanter Handwerker. Holzschnitte und Radierungen (bzw. Kupferstiche) von großer Leichtigkeit entstehen, muten eher wie japanisch Hingetuschtes an denn wie Stücke aus der Druckerpresse. Junge Damen, mit fliegenden Röckchen zumal, sind ihm auch damals schon ein beliebtes Thema, er druckt sie, malt sie, und über die Schaffensjahre hin verfestigt sich der Eindruck, daß dem Künstler die weibliche Bekleidung mindestens ebenso viel Freude bereitet wie der nackte Leib darunter. Der kommt zwar auch immer wieder einmal vor in Schlegels Schaffen, doch die auffälligsten, ungewöhnlichsten Bilder sind die von den Leichtbekleideten, bei denen man manchmal gar nicht sagen kann, ob sie Mann oder Frau sind. Androgyn sind sie aber auch nicht, ein zartes weibliches Dekollete und kräftige (behaarte?) männliche Beine zieren dieselbe Person, die übrigens trotzdem sehr wohlgestaltet wirkt. Das in textiler Hinsicht sicherlich aussagekräftigste Werk heißt „Models vor dem Ammersee“, ist von 1930, an die zwei Quadratmeter groß und zeigt – eben – sieben Models, von denen einige recht eindeutig als Frauen zu identifizieren sind, andere weniger. Vor allem haben sie alle, so weit man das erkennen kann, kräftige Beine.

Zwischen den Geschlechtern

Nur ein Selbstportrait gibt es hier von Herbert Rolf Schlegel, und das auch nur im Katalog. Es entstand ebenfalls 1930 und zeigt den Maler in doch recht weiblichen Schnürstiefeletten und einer seitlich geknöpften kurzen Hose, die an der entsprechenden Körperstelle eher ein weibliches denn ein männliches Genital zu konturieren scheint. Ob der Maler nun, wie manche Katalogtexte nahelegen, als früher Vertreter des „Genderns“ gesehen werden sollte, als ein Propagandist der Auflösung tradierter sexueller Geschlechterschemata, steht dahin. Ausstellungsbesucher beider – aller! – Geschlechter mögen sich selbst eine Meinung bilden und darüber spekulieren, ob Herbert Rolf Schlegel die lebensreformerische Auflösung der alten Rollenbilder zu seinem Lebensthema gemacht hat, ob er vielleicht bi oder schwul war und das nicht so richtig ausleben konnte, ob er vielleicht ein Kleiderfetischist war oder wie oder was auch immer. Vielleicht, aber das ist eigentlich eher unwahrscheinlich, war seine Kunst auch lange Zeit geprägt vom tragischen Tod seiner jungen Frau Elisabeth, die 1921 dreiundzwanzigjährig im Kindbett starb. Auch das Kind überlebte nicht.

Er hat sich nicht oft selbst gemalt: "Selbstbildnis im St. Georgener Atelier" 1930, Öl auf Leinwand (Bild: Schwules Museum Berlin, Museum Haus Opherdicke)
Er hat sich nicht oft selbst gemalt: „Selbstbildnis im St. Georgener Atelier“ 1930, Öl auf Leinwand (Bild: Schwules Museum Berlin, Museum Haus Opherdicke)

Zurückgezogen

Man weiß halt sehr wenig über Herbert Rolf Schlegel. Er ist zwar viel herumgekommen, doch lebte er stets zurückgezogen und mit wenig Kontakt zur örtlichen Bevölkerung. Die Nazizeit überstand er recht unbehelligt als Töpfer- und Zeichenlehrer im Landheim Schondorf zunächst, 1940 bis 1945 beim Landsturm des Wehrkreises Weilheim, dann bei der Schutzpolizei in München. Viel südliche Sonne im Anschluß, Gardasee, eine zweite Heirat. Doch auch da schon ist die Fachwelt sich nicht sicher: Wurde diese Ehe 1960 geschieden oder nicht?

Arne Reimann, Kurator beim Kreis Unna und derjenige, der diese Ausstellung realisiert hat, bedauert. Zwar tauchen in den Bildern Schlegels mehrfach die selben Gesichter auf, besonders eine pausbäckige männliche Figur mit schwarzer Bubikopffrisur fällt ins Auge, doch wer sie ist, weiß man nicht. Gleiches gilt für die anderen. Und deshalb wissen wir nicht, von welcher Art die Beziehungen zu diesen Männern und Frauen waren und was den Maler bewegte, so und genau so zu malen, wie er es eben getan hat.

Pin Ups

Auffällig, ja geradezu unverständlich sind die qualitativen Unterschiede im Œuvre. Einige Kohlezeichnungen kurzberockter junger Frauen aus den 30er und 40er Jahren könnten von einem begabten, sehnenden Pennäler stammen, wenngleich die Andeutung von neckischer Unterwäsche und Strumpfhaltern unter dem halbdurchsichtigen Textil doch zeichnerischer Könnerschaft bedurfte. Aber die Gesichter sind oft reichlich ungelenk ausgeführt, laufen Gefahr, aus der Perspektive zu rutschen. Ist das Absicht? Er konnte doch wirklich auch anders. 1948 hat Schlegel richtige Pin Ups gemalt, junge Frauen mit perfekten Körpern in leichtester Bekleidung (wenn überhaupt) und ohne Umgebung. Und er hat es gut gemacht, ein Mel Ramos müßte ansichtig dieser Bilder vor Neid erblassen. (Mel Ramos ist quasi der King of Pin Up, dessen Bilder mittlerweile auf Kunstauktionen gehandelt werden.)

Meisterliches in Öl auf Leinwand entstand 1943, blonde Schönheiten, nicht oder halbtransparent bedeckt, die dem Nazi-Regime und seinem Kunstverständnis gewiß keine Kopfschmerzen bereitet hätten, wären sie denn wahrgenommen worden. Irritierend ist lediglich, daß die Ahornblätter, die die Damen so malerisch umranken, von braunen Schädlingen besetzt sind. Flammender Protest sieht sicher anders aus, aber immerhin. Auf jeden Fall sind diese Gemälde handwerkliche Meisterstücke. Und nett anzuschauen.

Lichter, schwereloser  Kupferstich: "Drei Frauen am Ufer" von 1919 (Bild: Thomas Kersten, Sammlung Murken, Museum Haus Opherdicke)
Lichter, schwereloser Kupferstich: „Drei Frauen am Ufer“ von 1919 (Bild: Thomas Kersten, Sammlung Murken, Museum Haus Opherdicke)

Mäßig mediterran

Bleibt, von den Landschaften zu schreiben. Schön sind sie schon, aber zumal den mediterranen Motiven fehlt oft das letzte Quentchen Überwältigung, vielleicht könnte man auch von fehlender Magie sprechen. Der Künstler hat mitunter mehr komponiert, als gut war, viele Bäume und etliche schöne Rücken im Vordergrund, die mit der Landschaft konkurrieren. Ein Bild mit dem Titel „Am Posillipo bei Neapel“ von 1942 beispielsweise läßt zunächst an Rügener Kreidefelsen denken, weil vordergründiges Astwerk und erhöhte Perspektive alles dominieren.

Was gäbe es noch zu sagen? Viel natürlich, doch da verweisen wir ganz einfach auf die Ausstellung und auch auf den hervorragenden Katalog mit seinen zahlreichen farbigen Abbildungen, an dem lediglich die unorthodoxe Abfolge von Texten und Bildtafeln etwas irritiert. Doch das Inhaltsverzeichnis weist untadelig den Weg.

Eindrucksvoll schließlich sind die Miniaturen. Sie fertigte der Maler, der ansonsten so wenig von sich preisgab, zwischen 1950 und 1965 an: kaum mehr als briefmarkengroße farbige Aquarelle aller seiner Werke. Gedacht waren sie wohl für ein Werkverzeichnis, Sammler Axel Hinrich Murken allerdings entdeckte und erwarb sie in aufwendig gerahmter Form. So werden sie nun in Opherdicke auch präsentiert, in Vitrinen, die sich Raum für Raum an der Fensterseite reihen. Und warum diese ganze Arbeit? Es mag einen ganz praktischen Grund geben: Schlegel wollte die Farbgebung dokumentieren, denn fotografiert waren die Werke bis dahin nur in Schwarzweiß. Vermutet jedenfalls Kurator Reimann. Durch die Miniaturisierung entstanden neue, zauberhafte Kunstwerke von ganz eigenem Reiz.

Von den Zeitläuften unberührt

Man verläßt die Ausstellung – vielleicht – nachdenklich. Zwei Kriege hat Herbert Rolf Schlegel miterlebt, in beiden hat er „gedient“. Doch seine Kunst wirkt von den Zeitläuften merkwürdig unberührt. Die Landschaften finden ihre stilistischen Vorbilder eher im 19. Jahrhundert. Lediglich „Models“ und „Pin Ups“ vermitteln Zeitbezug, sind dann allerdings höchst originell. Ist der Besatz mit jungen, sparsam bekleideten „modernen“ Menschen nun gewollter Stilbruch oder nur unsäglicher Kitsch? In einem Werk, das die historischen Ungeheuerlichkeiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der Nazizeit zumal, konsequent ausblendet? Von Neuer Sachlichkeit jedenfalls möchte man hier nur verhalten reden.

„Herbert Rolf Schlegel – die Versöhnung von Mensch und Natur“, Museum Haus Opherdicke, Holzwickede, bis 15. August 2021, Mo – Do. 08.00 – 16.30 Uhr, Fr 08.00 – 12.30 Uhr, www.kreis-unna.de
Models vor dem Ammersee, um 1930, Öl auf Leinwand und stattliche 121 x 151 cm groß. (Bild: Sasa Fuis, Van Ham Kunstauktionen, Museum Haus Opherdicke)
Models vor dem Ammersee, um 1930, Öl auf Leinwand und stattliche 121 x 151 cm groß. (Bild: Sasa Fuis, Van Ham Kunstauktionen, Museum Haus Opherdicke)

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