Badespaß mit Schlips und Kragen

Peter R., wie er am lieb­sten badet: Im adret­ten Anzug mit Schlips und Kra­gen im Becken der Schö­nen Flö­te.  Der 53-Jäh­ri­ge besucht schon seit vie­len Jah­ren das Holzwicke­der Frei­bad.  (Foto: Peter Grä­ber)

Er gehört seit Jah­ren schon zu den treu­esten Bade­gä­sten in der Schö­nen Flö­te. Er besucht das Holzwicke­der Frei­bad meist nur ein­mal in der Sai­son und immer, wenn es reg­net. „Dann habe ich das gan­ze Bad für mich allei­ne“, meint Peter R.  „Dann spie­len auch die Schwimmmei­ster eher mit.“ Auf bei­des ist Peter R. näm­lich ange­wie­sen. Denn er ist kein ganz gewöhn­li­cher Bade­gast. „Ich bade am lieb­sten im Anzug, mit Schlips und Kra­wat­te.“

Genau­so habe ich Peter R. jetzt an sei­nem Bade­tag an einem ver­reg­ne­ten Frei­tag­nach­mit­tag im Frei­bad Schö­ne Flö­te ange­trof­fen. Völ­lig ent­spannt und mut­ter­see­len­al­lein sitzt er im Nie­sel­re­gen am Rand des  25-Meter-Beckens. Geklei­det ist 53-Jäh­ri­ge dabei, als sei er gera­de unter­wegs zur eige­nen Hoch­zeit: ele­gan­ter, schmal geschnit­te­ner dun­kel­grau­er Anzug, mal­ven­far­be­nes Hemd, pas­send dazu die dezent gemu­ster­te Kra­wat­te mit sil­ber­ner Kra­wat­ten­na­del. Nur sei­ne Schu­he und Strümp­fe hat R. abge­legt, bevor er ins Becken glitt.  Wegen der Hygie­ne. Natür­lich kennt Peter R. sol­che Beden­ken.  „Ja, ja die Hygie­ne. Aber das ist Kap­pes“, meint er. „Mir hat mal ein Tech­ni­ker erzählt, der die Fil­ter in Frei­bä­dern war­tet, dass in jedem Frei­bad nachts Enten und noch ganz ande­re Din­ge schwim­men. Das ist alles für die Fil­ter kein Pro­blem.“ Außer­dem gebe es ja auch Kul­tur­krei­se, in denen es ganz nor­mal sei, mit Klei­dern zu baden.

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Schon seit sei­ner Kind­heit mag es der 53-jäh­ri­ge Fami­li­en­va­ter ger­ne nass: Er liebt das „tol­le Gefühl“ beklei­det ins Was­ser zu stei­gen. (Foto: Peter Grä­ber)

Erregendes Gefühl

R. steigt nur mit adret­ter Klei­dung ins Was­ser, die pico­bel­lo sau­ber ist. „Ich gehe am lieb­sten im Anzug ins Was­ser.“ Sei­ne Anzü­ge sind ganz nor­ma­le Stra­ßen­an­zü­ge. „Ich ach­te nur dar­auf, dass sie aus Poly­ester sind“, erklärt er. „Schur­wol­le wäre sofort rui­niert.“  War­um der 53-Jäh­ri­ge mit Kla­mot­ten ins Was­ser steigt?  „ Es ist ein­fach ein tol­les Gefühl. Schon seit ich zehn Jah­re alt bin, ste­he ich dar­auf“, erzählt der 53jährige. „Sie glau­ben ja nicht, wie vie­le Men­schen die­se Lei­den­schaft mit mir tei­len. Googeln Sie ein­fach mal nach ‚ange­zo­gen Baden‘ oder ‚Wet­look‘ und Sie wer­den stau­nen, wie vie­le Tref­fer Sie bekom­men“, rät Peter R. mir.  Auch bei Face­book, wo R. als „Nass­bar­de Wet­look“ zu fin­den ist,  gibt es jede Men­ge Gleich­ge­sinn­te, die sich in öffent­li­chen oder anony­men Grup­pen orga­ni­sie­ren.

Wenn Sie so wol­len, ist das Gan­ze eine  Art Fetisch für mich“, räumt R. ein. Natür­lich habe das Bad in Kla­mot­ten irgend­wo auch eine sexu­el­le Kom­po­nen­te. „Für vie­le Men­schen ist das ein­fach ein erre­gen­des Gefühl, mit Klei­dung ins Was­ser zu gehen.“ Die­ses „tol­le Gefühl“ kostet Peter R. ger­ne auch län­ger aus. „Ich gehö­re zu denen, die nach dem Bad auch ger­ne noch in den nas­sen Kla­mot­ten spa­zie­ren gehen.“  Auch in sein Auto steigt R. danach noch klatsch­nass.  „Natür­lich habe ich ent­spre­chend vor­ge­sorgt, damit  die Pol­ster nicht durch­näs­sen.“

Das Per­so­nal in der Schö­nen Flö­te kennt den merk­wür­di­gen Bade­gast inzwi­schen gut und schätzt ihn als „aus­ge­spro­chen höf­li­chen und freund­li­chen Mann“.  Pro­ble­me habe es noch nie mit R. gege­ben. Ganz neben­bei dürf­ten sei­ne  „vier Euro Ein­tritt“  nicht sel­ten die ein­zi­gen Ein­nah­men an so man­chem Regen­tag gewe­sen sein.

Goodwill der Schwimmmeister nötig

Der 53jährige steht offen zu sei­ner Vor­lie­be. Auf dem Foto will er trotz­dem nicht zu erken­nen sein. Auch sei­nen vol­len Namen soll ich nicht nen­nen. „Mei­ne Frau kennt mei­ne Vor­lie­be natür­lich. Aber ihr ist das eher pein­lich. Außer­dem habe ich zwei Kin­der, die dann in der Schu­le  gemobbt wer­den könn­ten.“

Die Schö­ne Flö­te hält R. für eine der schön­sten Frei­bad­an­la­gen weit und breit. Lei­der gebe es nicht so vie­le Frei­bä­der, in denen man mit Kla­mot­ten ins Was­ser stei­gen kön­ne. „Ich bin ja immer aufs Good­will der Bade­mei­ster ange­wie­sen.“ Außer Frei­bä­dern besucht er auch Bade­se­en, am lieb­sten den Sil­ber­see in Hal­tern. Dort­hin habe ihn sogar ein­mal sei­ne Frau beglei­tet. Als er dann in vol­ler Klei­dung in den See gestie­gen ist, hät­te sei­ne Frau den stau­nen­den Bade­gä­sten wohl am lieb­sten ver­si­chert: „Der gehört nicht zu mir!“

 

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visage

Dipl.-Journalist

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