Vor 52 Jahren war „Mord am Hellweg“ bei „Onkel Albrecht“ blutiger Ernst

mord1Gesucht wird ein „Mörder ohne Gesicht“. Ein altes Bau­ern­paar ist auf seinem Hof ermordet worden. Das Motiv der Tat liegt völlig im Dun­keln, deren Bru­ta­lität irri­tiert die Poli­zi­sten… So beginnt Hen­ning Man­kells erster Krimi mit Kurt Wal­lander. Er wird ein Best­seller.

So geschockt wie seine schwe­di­schen Kol­legen ist auch Poli­zei­wacht­mei­ster Man­fred Such. In einer August­nacht wird er zum Land­gasthof in Unna-Lünern diri­giert. Über­fall bei „Onkel Albrecht“ lautet die kurze Info.

Am Tatort erwartet den jungen Poli­zi­sten die totale Fin­sternis und eine gespen­stige Stille. Am Fach­werk­haus lehnt eine Leiter ins oberste Stock­werk. Der Beamte wagt sich vor­sichtig ins Haus, tastet sich vor ins Trep­pen­haus nach oben. Dann sieht er nur noch rot, nur noch Blut…

Der Dop­pel­mord in der Gast­stätte am Hellweg – Onkel Albrecht und seine Schwe­ster Lina wurden mit meh­reren Schüssen nie­der­ge­streckt – war keine Fik­tion. Das alte Paar wurde Opfer der bru­talen Bande um Petras Dominas, die bei ihren Raub­zügen im Ruhr­ge­biet über Lei­chen ging. Letzt­end­lich aber führten die Spuren in Unna zu Dominas‘ Ver­haf­tung und zum „Lebens­läng­lich“.

Der „Mord am Hellweg“ rauschte damals durch den Blät­ter­wald. Das Ver­bre­chen ist aller­dings auch schon 52 Jahre her – die mei­sten Betei­ligten sind ver­bli­chen, gestorben eines natür­li­chen Todes.

Doppelmörder Petras Dominas zu lebenslänglich verurteilt

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So berich­tete die lokale Presse vor 52 Jahren über den echten Mord am Hellweg bei „Onkel Albrecht“. (Aus­riss: Hell­weger Anzeiger)

In der Kri­mi­nal­sta­ti­stik spielt der Kreis Unna seit Dominas keine beun­ru­hi­gende Rolle mehr. Kri­mistar Hen­ning Man­kell kam 2008 an die B1 und holte sich beim Festival „Mord am Hellweg“ den ersten Euro­päi­schen Preis für Kri­mi­nal­li­te­ratur ab, den soge­nannten „Ripper Award“. Seitdem sind 21 Tötungs­de­likte erfasst – so viel wie in Dort­mund in einem Jahr. „Mehr Tote gibt’s ein­deutig im Stra­ßen­ver­kehr“, sagt Kim Frei­gang, Spre­cher der Polizei Dort­mund, die bei Bedarf die Mord­kom­mis­sion für die Nach­barn bildet.

Heißt: Die Wahr­schein­lich­keit, im schönen Holzwickede einem Seri­en­täter zum Opfer zu fallen, ist zwar deut­lich größer als ein Sechser im Lotto, aber doch so bere­chenbar wie ein Horst See­hofer als Ehren­vor­sit­zender von Pro Asyl.

Stellt sich die Frage, warum sich aus­ge­rechnet am Hellweg eine so lange Blut­spur zieht.

Warum zieht sich am Hellweg eine so lange Blutspur?

Die Ant­wort erfor­dert keine langen Ermitt­lungen. Klar ist: Das Kri­mispek­takel ent­springt der Fan­tasie. Ideen­geber und Festi­val­ma­cher Sigrun Krauß (Kul­tur­chefin Stadt Unna) und Dr. Her­bert Knorr (Leiter West­fä­li­sches Lite­ra­tur­büro) bemühten Ende der 1990er-Jahre außerdem die nor­disch-ger­ma­ni­sche Mytho­logie. Die sah den „Hel­vegr“ als Totenweg, auf dem die Lei­chen trans­por­tiert wurden. In der Silbe Hel, so die nächste Ver­mu­tung, spie­gele sich auch der Name der Höl­len­göttin.

Eine Herr­scherin der Unter­welt und eine Straße, die ins Jen­seits führt: Das sollte rei­chen für Nebu­löses und Ner­ven­kitzel! Erfunden war das Festival „Mord am Hellweg“, ein Netz­werk-Pro­jekt mit einem Kon­zept so simpel wie erfolg­reich. Viele Anrai­ner­städte bilden eine ver­schwo­rene Gemein­schaft, das Genre Krimi die Klammer. Das lite­ra­ri­sche Morden pflegt die regio­nale Ver­bun­den­heit. Und auch die inter­na­tio­nale Szene rückt an und bringt Span­nung in die (ver­meint­liche) Pro­vinz.

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Holte sich im Vor­jahr die begehrte Aus­zeich­nung „Ripper Award“ ab: der däni­sche Kri­mistar Jussi Adler-Olsen. (Foto: Sim)

So durfte sich nach dem Schweden Hen­ning Man­kell Lands­mann Håkan Nesser über den „Ripper Award“ freuen. Nach ihm war die Fran­zösin Fred Vargas Publi­kums­lieb­ling. Zuletzt holte sich der däni­sche Kri­mistar Jussi Adler-Olsen die Aus­zeich­nung ab.

In diesem Jahr ist die deut­sche Kri­mi­lady Ingrid Noll nomi­niert. Sie hat aller­dings starke männ­liche Kon­kur­renz: Best­seller-Autor Arnaldur-Indriðason (Island), Jo Nesbø (Nor­wegen) und der deut­sche Thriller-Spe­zia­list Seba­stian Fitzek buhlen um die Gunst des Publi­kums. Alle kommen zum Festival und schlagen ihre Bücher auf.

Der Euro­päi­sche Preis für Kri­mi­nal­li­te­ratur ist übri­gens mit 11.111 Euro dotiert. Das dürfte unge­fähr der Summe in D‑Mark ent­spre­chen, die Petras Dominas in Onkel Albrechts Matratze ver­mu­tete.

INFO

Mord am Hellweg“ – gema­nagt von der Stadt Unna und dem West­fä­li­schen Lite­ra­tur­büro – ging 2002 an den Start. Seitdem lockt das Pro­jekt alle zwei Jahre die Créme de la Crime in die Region – von Lünen bis Lüden­scheid, von Witten bis Wickede, von Bönen bis Bad Sas­sen­dorf.

Mehr als 400 natio­nale und inter­na­tio­nale Kri­mi­au­torInnen sowie Künstler und Musiker gestalten rund 200 Ver­an­stal­tungen an außer­ge­wöhn­li­chen Orten – ob im Berg­werk, beim Bestatter, in der Bar oder auf dem Bau­ernhof, ob im Circus, Säu­len­keller, in der Sauna. Eine eigene Film­reihe, ExtraFahrten im Crime-Express, Krimis für Kids, ein Quiz und der „Ripper Award“ kom­plet­tieren das Pro­gramm.

Zum Festival „Mord am Hellweg VIII“ (17. Sep­tember bis 17. November) ist wieder eine Antho­logie mit lite­ra­ri­schen Morden im Ver­an­stal­tungs­ge­biet erschienen:

Glaube.Liebe.Leichenschau“, Mord am Hellweg VIII, Kri­mi­nal­storys, grafit Verlag, 12 Euro.

Ver­an­stal­tungen der Reihe in Holzwickede

1.10.2016 | Thrill im Rat­haus

23.10.2016 | Crime Express: Mord am Hellweg auf ExtraFahrt! (Ein­zel­karte)

23.10.2016 | Crime Express: Mord am Hellweg auf ExtraFahrt! (Fami­li­en­karte)

28.10.2016 | Gisa Pauly liest

11.11.2016 | Miroslav Nemec liest

Ter­mine und Tickets unter www.mordamhellweg.de.

Mord am Hellweg

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