Die Gruppe (dt.-frz.) vor dem Eingang zum Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence

Quer durch alle Generationen: Studienreise beeindruckt deutsch-französische Projektgruppe nachhaltig

Die Gruppe (dt.-frz.) vor dem Eingang zum Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence
Die Gruppe (dt.-frz.) vor dem Eingang zum Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence. (Foto: privat)

Intergenerationell war die Studienreise der beiden Partnerschaftsvereine aus Holzwickede und Louviers im Rahmen ihres Projekts „Gemeinsame Erinnerungskultur“, die nach sechs Tagen am Montagabend (30.5.) endete, allemal: Als jüngste Teilnehmerin reiste eine 13-jährige Schülerin aus Louviers an und die mit 80 Jahren älteste Teilnehmerin kam aus Holzwickede. Bemerkenswert offen und sehr konstruktiv war das Miteinander auf der sechs Tage dauernden Projektfahrt, die die 28-köpfige Gruppe ab Mâcon im Burgund gemeinsam nach Südfrankreich unternahm.

Nicht nur das Wetter spielte mit — einschließlich heftiger Mistralwinde vom Mittelmeer: Die besuchten Objekte und Ziele gemeinsamer Erinnerung an die vergangenen Kriege waren sorgsam ausgewählt und die Führungen fachkundig vorbereitet worden. Dafür zeichnete für den Holzwickeder Freundeskreis Vizepräsident Klaus Dieter Diekmann verantwortlich. In Dieulefit fanden im 2. Weltkrieg dank der Courage der örtlichen Bewohner mehr als 1.500 Flüchtlinge Zuflucht, darunter Juden, Mitglieder der Résistance und viele Künstler. Von diesen wurde niemand verraten und niemand wurde in deutsche Konzentrationslager deportiert. Von den damaligen Helfern im Ort wurden inzwischen neun Personen als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

Zufluchtsort Sanary-sur-Mer

Das historische Hotel La Tour in Sanary-sur-Mer: Hier lebten zeitweilig auch die Brüder Mann. (Foto: privat)

Für die Projektteilnehmer war auch der „Weg der Künstler“ Ort des Interesses, auf dem ihr Schaffen in freier Natur dargestellt wurde. Literaten und Maler fanden auch in Sanary-sur-Mer Zuflucht. Die Stadt am Mittelmeer gilt als das deutschsprachige Literatenexil nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland. Darunter u.a. Bertolt Brecht, die Brüder Mann und Lion Feuchtwanger. Die angenehme Zeit in Sanary währte nur kurz, denn 1939 wurde die Internierung der Künstler und Literaten angeordnet. Vielen von ihnen gelang anschließend die Flucht, etwa in die USA.

In die Geschichte der damaligen Internierungslager tauchte die deutsch-französische Projektgruppe dann am Samstag mit ihrem Besuch in Les Milles bei Aix-en-Provence ein. Es ist das einzige noch der Öffentlichkeit zugängliche Internierungslager von weit über 200, die auf französischem Boden existiert haben. Von hieraus veranlasste die Vichy-Regierung die Deportation mehrerer Tausend Juden in das Konzentrationslager Auschwitz — und füllte die Waggons u.a. noch mit Waisenkindern auf, um die sich später niemand mehr kümmern wollte. Das Leben im Lager war Gegenstand einer didaktisch und inhaltlich fesselnden Führung, die ihrerseits auch in den kleineren deutsch-französischen gemischten Arbeitsgruppen des Projekts aufgearbeitet werden wird.

Gedenkstätte Les Milles

Bedrückende Stimmung im Inneren des Lagers, das auch Aufenthatsort für unzählige Mütter und Kinder war (li.) – das Internierungslager Les Milles (frühere Ziegelfabrikation) von außen (re.) – (Fotos: privat)

Die Einrichtung der Gedenkstätte von Les Milles  hat auf französischer Seite einen langen Prozess des Umdenkens erfordert, die jetzt der Öffentlichkeit angebotene Stätte ist als beispielhaft einzuordnen. Sie dokumentiert die auf beiden Seiten des Rheins durchaus unterschiedliche Herangehensweise an die Erinnerungskultur. Umstände, die Jung und Alt auf der Reise die Sinnhaftigkeit des Projekts nochmals vor Augen führte.

Die Rückreise erlaubte der Gruppe noch kurze Stippvisiten in Aix und in der Papststadt Avignon, bevor man in Mâcon noch eine Zwischenübernachtung verbrachte. Grund genug, in der Geburtsstadt des französischen Dichters Lamartine diesen zu zitieren: „Nur Egoismus und Hass kennen ein Vaterland, nicht die Brüderlichkeit“ — so fasste Philippe Guérin, Teilnehmer aus Louviers, seine persönlichen Eindrücke dieser nachhaltig wirkenden Fahrt zusammen. Und Freundeskreis-Präsident Jochen Hake hatte allen zu danken, die an dieser Reise so intensiv mitgewirkt hatten: allen 14 Schülerinnen und Schüler und allen 14 „weniger Jungen“ aus Louviers und Holzwickede, aber auch dem Bürgerfonds.

Die von Merkel und Macron geschaffene Einrichtung des deutsch-französischen Bürgerfonds finanziert das Projekt mit einer 80-prozentigen Förderung. Das Projekt wird bis zum Jahresende fortgeführt: Die Arbeitsgruppen setzen ihre Detailarbeit fort, um die Ausstellungen in Holzwickede und Louviers für den Herbst 2022 vorzubereiten.

Freundeskreis, Studienreise

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