27-jährige Holzwickederin wegen versuchten zehnfachen Mordes angeklagt

Der Prozess wegen versuchten zehnfachen Mordes gegen die 27-jährige Angeklagte aus Holzwickede, hier mit ihrem Anwalt, wurde heute vor dem Landgericht eröffnet. (Foto: P. Gräber - Emscherblog.de)
Der Pro­zess wegen ver­suchten zehn­fa­chen Mordes gegen die 27-jäh­rige Ange­klagte aus Holzwickede, hier mit ihrem Anwalt, wurde heute vor dem Land­ge­richt eröffnet. (Foto: P. Gräber – Emscherblog.de)

Das nächt­liche Drama am 18. Mai des Jahres, in dessen Ver­lauf eine junge Mutter in ihrer Woh­nung in Holzwickede ein Feuer legte und ihre beiden kleinen Kinder im Kin­der­zimmer zurück­ließ, erschüt­terte die Gemeinde. Heute (19. November) fand das Drama seine juri­sti­sche Fort­set­zung vor dem Land­ge­richt Dort­mund: Dort muss sich die 27-jäh­rige Deborah W. wegen ver­suchten Mordes in ins­ge­samt zehn Fällen in Tat­ein­heit mit schwerer Brand­stif­tung ver­ant­worten.

Die Anklage wirft der noch immer in Unter­su­chungs­haft befind­li­chen Holzwicke­derin vor, sich am Tat­abend mit ihren beiden kleinen Kin­dern in ihrer Woh­nung in der dritten Etage des Mehr­fa­mi­li­en­hauses Frank­furter Weg 6 auf­ge­halten zu haben. Hier soll sie dann, wäh­rend ihre Kinder im Kin­der­zimmer schliefen, mit einem Streich­holz einen Wäsche­berg im Wohn­zimmer ange­zündet und anschlie­ßend die Woh­nung ver­lassen haben, ohne ihre beiden zwei und fünf Jahre alten Kinder mit­zu­nehmen. Das Feuer soll sich dann, wie von der Ange­klagten vor­ge­sehen, aus­ge­breitet und die Woh­nung ver­qualmt haben.

Ein Nachbar, der auf der­selben Etage wohnte und auf­merksam geworden war, soll ver­sucht haben, die Kinder aus der Woh­nung zu retten, was auf­grund der Hitze und Rauch­ent­wick­lung schei­terte. Bei seinen Ret­tungs­ver­su­chen soll sich der Nachbar selbst eine Rauch­gas­ver­gif­tung zuge­zogen haben. Auch die beiden Kinder, die letzt­lich durch zwei Feu­er­wehr­männer gerettet werden konnten, zogen sich Rauch­ver­gif­tungen zu. Bei dem älteren der beiden Kinder bestand akute Lebend­ge­fahr.

Zum Zeit­punkt der Brand­le­gung befanden sich, so die Ankla­ge­schrift, acht wei­tere arg- und wehr­lose Mit­be­wohner in anderen Woh­nungen des Mehr­fa­mi­li­en­hauses. Auch diese Per­sonen konnten sich ent­weder selbst retten oder gerettet werden. Die Anklage geht davon aus, dass die Ange­klagte die Tötung ihrer beiden Kinder und dieser acht Nach­barn sowie die wei­teren Schäden an der Bau­sub­stanz bei der Brand­le­gung bil­li­gend in Kauf genommen hat.

Angeklagte aus U‑Haft vorgeführt

Das Medi­en­in­ter­esse am ersten Ver­hand­lungstag heute war groß. Nach der Ver­le­sung der Anklage äußerte sich die Ange­klagte selbst zur Tat, anschlie­ßend standen eine Reihe wei­terer Zeu­gen­ver­neh­mungen an.

Wer eine emo­ti­ons­lose Raben­mutter auf der Ankla­ge­bank erwartet hatte, sah sich getäuscht: Die 27-Jäh­rige, die aus JVA Gel­sen­kir­chen mit Hand­schellen vor­ge­führt wurde, machte eher Ein­druck einer ver­zwei­felten, von Selbst­zweifel gequälten jungen Frau, die noch immer nicht richtig fassen kann, was sie ange­richtet hat. Auch das Bild der Mutter, die ihre eigenen Kinder ver­brennen wollte, scheint nicht stimmig. Wie der erste Ver­hand­lungstag heute zeigte, ist die Ange­klagte wohl nicht davon aus­ge­gangen, dass ihre Kinder ver­letzt werden könnten. Als sie dann merkte, dass sie das von ihr gelegte Feuer nicht mehr löschen kann, hat sie immerhin draußen vor der Woh­nung um Hilfe für ihre Kinder gerufen.

Unpro­ble­ma­tisch, so ihre Mutter, war Deborah W. schon als Kind nicht – bis hin zu einem Selbst­mord­ver­such. Auch die Bezie­hung zu ihrem Lebens­ge­fährten, mit dem sie in der gemein­samen Woh­nung am Frank­furter Weg lebte und aus der die beiden Kinder her­vor­ge­gangen sind, war nach eigener Aus­sage und der aller Zeugen äußerst pro­ble­ma­tisch und kon­flikt­reich: Immer wieder habe es Streit gegeben, wurden auch beide Seiten hand­greif­lich, musste die Polizei kommen, wenn wieder einmal ein Streit eska­lierte oder ver­suchte der eine oder andere Partner aus der Bezie­hung aus­zu­bre­chen. Immer war dabei viel Alkohol im Spiel.

Dauernde Streitigkeiten

Meist gingen die beiden, die seit sieben Jahre eine Bezie­hung haben, getrennt von­ein­ander aus. Gemeinsam unter­nehmen konnte das Paar nur selten etwas, wie beide heute erklärten: Ihre Eltern seien wenig hilfs­be­reit gewesen, wenn es darum ging, ihnen die Kinder mal abzu­nehmen, wenn sie mal aus­gehen wollten oder über­for­dert waren. So musste immer einer von beiden auf die Kinder auf­passen. Meist war das Deborah W., die sich zuneh­mend in Alkohol flüch­tete. 

Die Mutter von Deborah W. beschrieb ihre Tochter so: „Sie ist eigent­lich ein lieber, her­zens­guter Mensch.“ Ihre Tochter habe ein „sehr gutes Herz, was leider auch viele aus­ge­nutzt haben, auch ihr Lebens­ge­fährte“. Auf Nach­frage von Richter Peter Wind­gätter beschrieb die Mutter die Bezie­hung ihrer Tochter zu ihrem Lebens­ge­fährten so: „Es war schon immer eher Abhän­gig­keit. Sie hat ihn ange­him­melt, er war fast heilig für sie. Soweit ich es mit­be­kommen habe, gab es viel Stress. Die ganze Last der Kin­der­er­zie­hung lag wohl mehr auf ihrer Seite.“ 

Sie ist eigent­lich ein lieber, her­zens­guter Mensch.“

Mutter der Ange­klagten

Ihre Tochter habe den Alkohol als Flucht genutzt. „Nüch­tern hätte sie sich nie­mals getraut, ihm die Mei­nung zu sagen. Das pas­sierte immer nur, wenn sie getrunken hatte. Dann kam es zu Pro­vo­ka­tionen und auch Hand­greif­lich­keiten.“

Was ihre Tat, auch für jene, die sie näher kannten, noch unbe­greif­li­cher macht: Bis November vorigen Jahres war die 27-Jäh­rige in einer Tages­klinik zum Entzug. „Das hat ganz gut geklappt“, wie W. selbst sagt. „Wäh­rend dieser Zeit habe ich auch keinen Alkohol getrunken.“ Auch ihr Lebens­ge­fährte bestä­tigte ihre posi­tive Ent­wick­lung in dieser Zeit: Nach der Klinik sei Deborah W. „eine lie­be­vol­lere Mutter“ gewesen, habe sich „mehr Zeit für die Kinder“ genommen. Es habe auch „weniger Ärger in der Bezie­hung“ gegeben. 

Endes vorigen Jahres brach W. die The­rapie ab – und sie wurde „auch schnell wieder rück­fällig“, wie sie sagt. Auf Nach­frage gab sie ihren täg­li­chen Konsum mit fünf bis sechs Bier, dazu vor­zugs­weise Jäger­mei­ster an.

Starker Alkoholkonsum

Die eigent­liche Tat räumt sie in vollem Umfang ein: Am Abend vor dem Tattag habe ihr älterer Sohn bei ihrer Mutter geschlafen. Ihr Lebens­ge­fährte habe mit Freunden ein BVB-Spiel in der Kneipe ansehen wollen. Sie selbst war ab etwa 14 Uhr mit ihrer Mutter, wei­teren Fami­li­en­an­ge­hö­rigen und Freunden im Café Creme in Dort­mund-Wester­filde. Mit ihrem Lebens­ge­fährten war ver­ab­redet, dass sie sich um 19 Uhr mit ihm in Hörde trifft, um dann gemeinsam mit dem Zug nach Holzwickede zu fahren. Wäh­rend sich ihre Mutter um die Kinder küm­merte, zechte die Ange­klagte im Café Creme reich­lich: Nach eigenen Angaben min­de­stens sieben bis acht Pils und 20 Fläsch­chen Kräu­ter­likör, bevor sie sich abends mit ihren Kin­dern nach Hörde auf­machte.

Er wollte nicht nach Hause kommen und wir haben sofort wieder gestritten.“

Die Ange­klagte

Zuvor schrieb sie ihrem Freund, dass sie es bis 19 Uhr nicht mehr schaffe und einen Zug später kommen würde. Am Haupt­bahnhof habe sie dann fest­ge­stellt, dass sie eine Stunde Auf­ent­halt haben würde und sei des­halb mit einem Taxi direkt nach Holzwickede gefahren. Weil sie für das Taxi nicht mehr genug Geld hatte, gab sie dem Taxi­fahrer als Pfand das Tablet ihres Sohnes, das dieser zu Weih­nachten bekommen hatte. „Ich war schon ziem­lich ange­trunken. Vor der Tür saß ein Nachbar, der mir eine Fla­sche Bier ange­boten hat“, berich­tete die Ange­klagte. „Aber ich wollte meine Kinder ins Bett bringen und habe auch meine Tasche vor der Tür stehen lassen.“ 

Danach habe sie wieder ihren Lebens­ge­fährten ange­rufen. „Er wollte nicht nach Hause kommen und wir haben sofort wieder gestritten.“ Immer wieder habe sie ver­sucht, ihn zu errei­chen. Doch er habe ihre Anrufe blockiert. Er sei sauer auf die Ange­klagte gewesen, weil sie zum ver­ab­re­deten Zeit­punkt nicht gekommen war, erklärte ihr Lebens­ge­fährte dazu heute. Außerdem habe er sofort gemerkt, wie streitbar sie wieder gewesen sei. „Sie hat mich sofort belei­digt.“

Weil er ihre Anrufe blockierte, rief W. ihre eigene Mutter und auch die ihres Lebens­ge­fährten an und bat diese, Kon­takt zu ihm auf­zu­nehmen und ihn auf­zu­for­dern, nach Hause zu kommen. Beide Mütter waren die stän­digen Anrufe von W., wenn sie betrunken war, gewohnt und ver­suchten, die Ange­klagte zu beru­higen. Eine beson­dere Dra­matik erkannten sie zunächst noch nicht.

Chat-Partner Augenzeuge der Tat

Etwa ab 23.30 Uhr nahm die Ange­klagte schließ­lich auch per Face­book und Video­chat mehr­fach Kon­takt zu einem Cousin ihres Lebens­ge­fährten auf, bei dem sie ihn ver­mu­tete. „Ich habe gleich gemerkt im Chat, dass es Ärger gibt“, sagte der Cousin heute aus. Die Situa­tion eska­lierte dann dra­ma­tisch, als er ihr erklärte, dass sein Cousin, der sich zu diesem Zeit­punkt in Bochum befand und mit dem er zwi­schen­zeit­lich öfters tele­fo­niert hatte, nicht zu W. nach Hause kommen würde. Via Video­chat drohte W. damit, einen Haufen T‑Shirts ihres Lebens­ge­fährten im Wohn­zimmer anzu­stecken und hielt auch ein Streich­holz daran. So habe ihren Lebens­ge­fährten, von dem sie annahm, dass er sich bei seinem Cousin auf­hielt, pro­vo­zieren wollen, nach Hause zu kommen, wie sie aus­sagte. „Dann hat sie auf­ge­legt und ich wusste zunächst nicht, ob sie das Feuer wieder aus­ge­macht hatte“, so der Cousin. „Aber dann rief sie wieder an und ich sah, wie der Haufen Wäsche vor sich hin qualmte.“ 

Wei­tere Kom­men­tare habe es von W., die in der Woh­nung herum gerannt sei, nicht gegeben. Plötz­lich habe er sie schreien hören: „Scheiße, Scheiße, ruf‘ die Feu­er­wehr!“ Auf Nach­frage des Rich­ters bestä­tigte der Cousin, dass W. auch ver­sucht habe, das Feuer zu löschen: Mit einem Ober­teil habe sie auf Flammen ein­ge­schlagen. Der Cousin fer­tigte gei­stes­ge­gen­wärtig Screen­shots von den Gescheh­nissen an und rief die Feu­er­wehr. Seine Bilder lagen heute auch zur Beweis­auf­nahme in der Ver­hand­lung vor. 

Deborah W. erklärte dazu, dass sie auch einen Eimer Wasser geholt und auf das Feuer gekippt habe. „Das hat aber nicht funk­tio­niert, weil das Sofa inzwi­schen ange­fangen hatte, zu brennen.“ Dar­aufhin sei sie dann nach draußen ins Trep­pen­haus gelaufen. „Warum haben Sie dabei nicht ihre Kinder auf den Arm und mit nach draußen genommen?“, wollte Richter Peter Wind­gätter wissen. „Ich dachte nicht, dass es für sie gefähr­lich sein könnte, weil sie doch in geschlos­senen Räumen und einige Türen dazwi­schen waren.“ Tat­säch­lich lagen zwi­schen dem Brand­herd und Kin­der­zimmer ein Flur und zwei geschlos­sene Türen, wie eine Nach­frage ergab.

59-jähriger Nachbar versucht Kinder zu retten

In der Woh­nung war schon alles schwarz und voller Rauch. Ein Inferno. Ich konnte nicht mehr atmen.“

der 59-jäh­rige Nachbar

Draußen im Trep­pen­haus traf die Ange­klagte dann auf einen 59-jäh­rigen Nach­barn, der inzwi­schen durch den Lärm und Hil­fe­rufe auf­merksam geworden war. Noch immer sicht­lich mit­ge­nommen schil­derte dieser Fami­li­en­vater, wie er die Kinder rufen hörte und ver­geb­lich ver­suchte, zu ihnen vor­zu­dringen. „In der Woh­nung war schon alles schwarz und voller Rauch. Ein Inferno. Ich konnte nicht mehr atmen.“ Er sei dann noch einmal in die Woh­nung gegangen, weil er zu den Kin­dern wollte, berich­tete der Nachbar mit den Tränen kämp­fend. Schließ­lich habe er einen Feu­er­lö­scher geholt und es ein drittes Mal ver­sucht. Ver­geb­lich. Neben einer Rauch­ver­gif­tung und ver­brannten Haaren erlitt der 59-Jäh­rige einen Hör­sturz. Erst zwei Feu­er­wehr­leuten gelang es schließ­lich die Kinder aus der Woh­nung zu retten.

Auch seine Frau und Tochter sagten als Zeu­ginnen aus, wie sie Deborah W. im Nacht­hemd im Trep­pen­haus antrafen. „Meine Kinder sind noch da drin“, hätte sie gerufen und sich sogar ent­schul­digt. „Mir ist ein Streich­holz her­un­ter­ge­fallen.“ Drei wei­tere Mit­be­wohner schil­derten heute eben­falls, wie sie sich aus ihren Woh­nungen und dem Haus retten konnten bzw. gerettet wurden.

Drei wei­tere Bewohner waren heute noch als Zeugen geladen. Ein Zeuge ließ sich per Attest ent­schul­digen, die beiden anderen blieben unent­schul­digt fern. Gegen sie bean­tragte der Staats­an­walt ein Ord­nungs­geld von jeweils 150 Euro, ersatz­weise drei Tage Haft. Ihre Vor­füh­rung als Zeugen behielt sich das Gericht vor. Mög­li­cher­weise werden sie auch nicht mehr benö­tigt.

Die Ver­hand­lung wird fort­ge­setzt. Drei wei­tere Ter­mine sind dafür im Dezember noch vor­ge­sehen.

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