1,4 Mio. Dateien mit Kinderpornografie gehortet: Strafmaß in Berufung reduziert

Für Außen­ste­hende ist kaum nach­voll­ziehbar, was die Fahnder bei der Woh­nungs­durch­su­chung in Holzwickede im ver­gan­genen Jahr auf dem Com­pu­tern und diversen Fest­platten des 44-jäh­rigen Holzwicke­ders fanden: ca. 1,4 Mil­lionen Fotos und wei­tere rd. 150.000 Videos kin­der­por­no­gra­fi­schen Inhalts teils här­te­ster Sorte. Im Mai war der Holzwickeder des­halb vom Schöf­fen­ge­richt in Unna wegen der Ver­brei­tung, des Erwerbs und Besitzes von kin­der­por­no­gra­fi­schen Dateien zu einer Gesamt­strafe von zwei Jahren und drei Monaten ver­ur­teilt worden. Gegen dieses Urteil legte der 44-Jäh­rige Beru­fung ein.

Zur Ver­hand­lung vor dem Land­ge­richt Dort­mund heute (17. Oktober) erschien der Holzwickeder mit einem neuen Ver­tei­diger, der seit 15 Jahren Erfah­rung mit Ver­fahren dieser Art hat. Doch auch seinem Ver­tei­diger, ebenso wie dem Staats­an­walt, sind ähn­liche Daten­mengen bei einem Ange­klagten noch nicht unter­ge­kommen, wie beide über­ein­stim­mend erklärten.

Berufungsziel: Bewährungsstrafe

Dass der 44-Jäh­rige diese Daten­mengen mit kin­der­por­no­gra­fi­schen Inhalten über Jahre hinweg gehortet hat, wird von ihm nicht bestritten. Ihm ging es in der Beru­fung allein darum, ein gerin­geres Strafmaß zu errei­chen. Denn zur Bewäh­rung kann nur eine Haft­strafe bis maximal zwei Jahre aus­ge­setzt werden.

Der 44-Jäh­rige hat eine feste Part­nerin mit der er im Haus seiner Mutter lebt. Bis zu seiner Ver­hand­lung im Mai hatten beide wohl keine Ahnung von der ver­häng­nis­vollen Nei­gung ihres Part­ners bzw. Sohnes. Aus lauter Scham habe sein Man­dant wäh­rend der Ermitt­lungen und in der spä­teren Ver­hand­lung kaum ein Wort her­aus­be­kommen und sich auch nicht anwalt­lich beraten lassen, so sein Ver­tei­diger heute.

So sei etwa in dem erst­in­stanz­li­chen Urteil die Frage einer genauen Zuord­nung der gefun­denen Dateien gar nicht the­ma­ti­siert worden. „Natür­lich kann man bei sol­chen Daten­mengen nicht alle Dateien aus­werten. Das wollen wir auch gar nicht“, so der Ver­tei­diger. Zumin­dest aber sei der Tat­be­stand der Ver­brei­tung von kin­der­por­no­gra­fi­schen Dateien in vier Fällen frag­lich.

Keine Verbreitung von Dateien

Dies sah das Gericht ähn­lich: Ver­ur­teilt wurde von dem Unnaer Gericht das uner­laubte Ver­breiten von kin­der­por­no­gra­fi­schen Dateien in vier Fällen als Ein­zel­strafe zu je sechs Monate. „Der Tenor des Urteils passt nicht“, befand Rich­terin Bri­gitte Land­wehr. Ein Ver­breiten setze voraus, dass eine kon­krete Person etwas bekommt. Dies sei aber bei dem Peer-to-Peer-Pro­gramm der Tausch­börse, das der Ange­klagte nutzte, tech­nisch gar nicht mög­lich. Viel­mehr stellen solche Pro­gramme Teile von Dateien in der Tausch­börse auto­ma­tisch und ohne Kon­trolle der Nutzer zur Ver­fü­gung. Statt um ein gezieltes Ver­breiten, so die Rich­terin, „geht es um ein Zugäng­lich­ma­chen, was im Ergebnis natür­lich kein Unter­schied macht“. Juri­stisch han­dele es sich jedoch nicht um vier, son­dern wohl nur um einen Fall. „Das ändert natür­lich nichts an der Viel­zahl der Dateien.“

Die rie­sigen Daten­mengen mit kin­der­por­no­gra­fi­schem Inhalt erklärt der 44-Jäh­rige auf Nach­frage mit einer Art Sam­melwut über Jahre hinweg. „Ich wusste natür­lich schon, dass es nicht in Ord­nung ist, was ich mache.“ Aus Scham habe er die Pro­ble­matik ver­drängt und geschwiegen. „Durch meine The­rapie kann ich jetzt offener damit umgehen und mich auch besser kon­trol­lieren.“ 

Das Urteil des Unnaer Gerichts habe „seine päd­ago­gi­sche Wir­kung ent­faltet“, wie der Ver­tei­diger betonte. Sein Man­dant habe von sich aus eine The­rapie ange­fangen und die ersten Sit­zungen hätten bereits dazu geführt, dass er sich inzwi­schen viel offener mit seiner Pro­ble­matik aus­ein­an­der­setzen kann – auch gegen­über seiner Part­nerin. Sein The­ra­peut beschei­nigt dem 44-Jäh­rigen übri­gens eine „ein­deutig hete­ro­se­xu­elle“ Prä­fe­renz. Seine Nei­gung zu kleinen Jungs sei eine „sexu­elle Neben­strö­mung“ , wobei aller­dings „eine reale Kon­takt­auf­nahme aus­ge­schlossen“ werden könne, so der The­ra­peut. 

Der Ange­klagte ist ledig, lebt aber seit einige Jahren schon mit einer festen Part­nerin zusammen im Haus seiner Mutter, um die er sich auch küm­mert. Er geht einer gere­gelten Arbeit nach, ist nicht vor­be­straft und hat von sich aus die The­rapie auf­ge­nommen, um an seinem Pro­blem zu arbeiten. Mit guten Fort­schritten, wie sein Ver­tei­diger ver­si­chert.

Gute Sozialprognose und Therapie

In seinem mehr als halb­stün­digen Plä­doyer wies der Ver­tei­diger darauf hin, dass die Betrof­fenen, die wegen des Besitzes von kin­der­por­no­gra­fi­schen Dateien straf­fällig geworden sind, aus allen gesell­schaft­li­chen Schichten kommen, nicht selten auch Aka­de­miker sind.

Mit einer Straf­be­weh­rung allein bekommen wir diese Pro­ble­matik nicht aus der Welt.“

Der Ver­tei­diger

In der Regel können sich diese Men­schen selbst nicht erklären, woher ihre Nei­gung kommt“, so der Ver­tei­diger. „Mit einer Straf­be­weh­rung allein bekommen wir diese Pro­ble­matik nicht aus der Welt. Leider ist es so, dass es viel zu wenig The­ra­pie­mög­lich­keiten gibt. Häufig ist eine The­rapie über­haupt erst dann mög­lich, wenn jemand ver­ur­teilt worden ist. Das ist eigent­lich ein Skandal.“

Anders als etwa Dro­gen­ab­hän­gige werden Täter, die wegen des Besitzes von kin­der­por­no­gra­fi­schen Dateien ver­ur­teilt wurden, auch in der Regel nicht mehr rück­fällig.

Kon­kret könne man seinem Man­daten den Besitz und das Zugäng­lich­ma­chen kin­der­por­no­gra­fi­sche Dateien vor­werfen, nicht aber das Ver­breiten. Straf­ver­schär­fend sei die große Zahl der Dateien zu berück­sich­tigen. Aller­dings habe sein Man­dant auch mit den Ermitt­lern koope­riert und trotz großer Scham nichts ver­schwiegen. Wobei ihm formal der Besitz jeder ein­zelnen Datei hätte nach­ge­wiesen werden müssen. Schließ­lich habe der 44-Jäh­rige aus eigenem Pro­blem­be­wusst­sein eine The­rapie begonnen und setze diese auch kon­se­quent fort. Sein Man­dant habe kei­nerlei Vor­strafen und eine gute Sozi­al­pro­gnose. Darum bean­tragte die Ver­tei­di­gung eine Frei­heits­strafe von zwei Jahren, aus­ge­setzt zur Bewäh­rung mit der Auf­lage, die The­rapie fort­zu­setzen.

Zwei Jahre Haft auf vier Jahre zur Bewährung

Der Staats­an­walt fasste sich deut­lich kürzer als der Ver­tei­diger. Er erin­nerte daran, dass die Ermitt­lungen gegen den Holzwickeder nach einem Hin­weis auf die ein­schlä­gige Tausch­börse ins Rollen kamen. Danach seien dann die sehr große Zahl ein­schlä­giger Dateien und Spei­cher­me­dien gefunden worden. „Diese Mengen sind ganz außer­ge­wöhn­lich“, so der Ankla­ge­ver­treter. „Auch für mich, der tag­täg­lich mit sol­chen Dingen zu tun hat.“ Es gehe hier zwar nur um einen Kon­su­menten von Bild­ma­te­rial. „Aber hinter jedem dieser Bilder steht auch der reale Miss­brauch eines Kindes. Und die Nach­frage belebt bekannt­lich das Geschäft.“ Die Frei­heits­strafe von zwei Jahren und drei Monaten aus der ersten Instanz sei darum kei­nes­wegs über­zogen. „Die Strafe hätte auch höher aus­fallen können“, meint der Ankla­ge­ver­treter. Zudem sei er Erfolg einer The­rapie stets unge­wiss.

Der Staats­an­walt for­derte daher „die höchste Strafe, die noch bewäh­rungs­fähig ist“ – eine Frei­heits­strafe von zwei Jahren. Außerdem sollte die Bewäh­rungs­zeit mög­lichst lang auf fünf Jahre ange­setzt werden. Als wei­tere Auf­lagen müsse der 44-Jäh­rige die The­rapie von einem Bewäh­rungs­helfer begleitet fort­setzten und 1.500 Euro in monat­li­chen Raten a‘ 100 Euro zahlen.

Nach einer etwa halb­stün­digen Bera­tungs­pause schloss sich die Rich­terin mit ihrem Urteil den Plä­doyers der Ver­tei­di­gung und Anklage weit­ge­hend an: Sie redu­zierte die Frei­heits­strafe auf zwei Jahre und setzte diese zur Bewäh­rung auf vier Jahre aus. Außerdem erhielt der Holzwickede die Fort­set­zung seiner The­rapie als Auf­lage. Das Urteil ist rechts­kräftig. 

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