Wider das Vergessen: Fünf weitere Stolpersteine erinnern an NS-Opfer


Der Kölner Künstler Gunter Demnig ver­legte heute fünf wei­tere Stol­per­steine – hier an der Sach­sen­straße 5 – um an die Schick­sale der NS-Opfer zu erin­nern. (Foto: P. Gräber – Emscher­blog)

70.000 Stol­per­steine hat der Kölner Künstler Gunter Demnig schon nach eigener Aus­sage seit 1996 in 20 Län­dern Europas ver­legt. In Holzwickede sind heute (7. Februar) fünf wei­tere Stol­per­steine dazu­ge­kommen. „Ein Mensch ist ver­gessen, wenn sein Name ver­gessen ist”. Dieses Zitat aus dem Talmud ist die Trieb­feder Dem­nigs. Will jemand den Namen eines Men­schen lesen, der hier gelebt hat, muss er sich ver­neigen. Damit wird den Opfern Wert­schät­zung und Ach­tung erwie­sen.

Anschlie­ßend trug sich der Kölner Künstler ins Gol­dene Buch der Gemeinde Holzwickede ein. (Foto: Gemeinde Holzwickede)

Auch in Holzwickede sind Men­schen mit gei­stigen Behin­de­rungen und psy­chi­schen Krank­heiten Opfer des NS-Ter­rors gewor­den. Ihnen wurde bereits am ver­gan­genen Sonntag in einer Gedenk­feier auf Haus Opher­dicke gedacht. An jedes der Opfer, denen die heute ver­legten Stol­per­steine gewidmet sind, erin­nerten Jugend­liche der Aydaco-Gruppe mit bewe­genden Worten. Wie­der­holt wurde diese Gedenk­feier übri­gens auch noch einmal im Clara-Schu­mann-Gym­na­sium – damit alle Schüler aus der eigenen Geschichte lernen können. Die Bio­gra­fien der Opfer wurden ganz wesent­lich von den Mit­glie­dern der VHS-Gruppe „Spu­ren­suche NS-Opfer in Holzwickede“ um Wil­helm Hoch­gräber und Ulrich Reit­inger recher­chiert. 

Auch bei der Stol­per­stein­ver­le­gung heute erin­nerten Ange­hö­rige, Zeit­zeugen oder auch See­len­ver­wandte an die Bio­gra­fien der Opfer. Jugend­liche des Clara-Schu­mann-Gym­na­siums spielten auf der Gitarre und sangen dazu.

Nach der Ver­le­gung der fünf Stol­per­steine trafen sich die Betei­ligten gegen 15 Uhr noch im evan­ge­li­schen Gemein­de­haus Opher­dicke, wo sich der Künstler Gunter Demnig in das Gol­dene Buch der Gemeinde ein­trug.

Zur Person der Opfer

Hein­rich Brune, Holzwickede, Sach­senstr. 5, geboren am 20.11.1903…
in Dort­mund-Sölde, arbei­tete als Schmied, Schlosser und 1 Fuhr­un­ter­nehmer und wohnte bis zu seinem Tode in Holzwickede. Hein­rich Brune war ver­hei­ratet und hatte fünf Kinder. Am 30.06.1933 wurde er, nachdem er lau­fende Drangsalie­rungen mit Haus­durch­su­chungen, Weg­nahme von Eigentum und Beschimp­fungen erlebt hatte, ver­haftet und in das Kon­zentrationslager Berg­kamen-Schön­hausen gebracht. Alleini­ger Grund war seine Mit­glied­schaft in der KPD. Nach einem Monat kam er in das Kon­zen­tra­ti­ons­lager Bör­ger­moor (Ems­land), wo er von der SS-Wach­mann­schaft mit Schul­ter­riemen und Gewehr­kolben schwer miss­han­delt wurde. Nach der Haft­ent­las­sung, für die sich sein Arbeit­geber ein­ge­setzt hatte, war Hein­rich Brune dau­er­haft erwerbs­ge­min­dert und verlor seine Arbeits­stelle. Fortan stand er unter stän­diger „Betreu­ung“ eines SS-Mannes.

Wil­helm Brauck­mann, Holzwickede, Nordstr. 19, gebo­ren am 27.05.1888…
in Holzwickede, hei­ra­tete und wurde Vater zweier Töchter. Zuletzt arbei­tete er als Mau­rer­po­lier bei der Firma Horst­korte. In das Faden­kreuz der Natio­nal­so­zia­li­sten geriet er durch seine enga­gierte Tätig­keit in der SPD und der Gewerk­schaft. Ohne wei­teren Anlass wurde er am 01.09.1933 von der Polizei ver­haftet und in das Kon­zen­tra­ti­ons­lager Berg­kamen-Schön­hausen ver­schleppt, wo er unter deso­laten Verhältnis­sen ein­ge­sperrt und schwer miss­han­delt wurde. Nach sei­ner Ent­las­sung im Oktober 1933 war er dau­er­haft arbeits­unfähig, musste sich regel­mäßig bei der NSDAP-Orts­grup­pen­lei­tung melden und wurde unter stän­dige „Betreuung“ eines Trupp­füh­rers gestellt. Von den Folgen der Misshand­lungen erholte sich Wil­helm Brauck­mann nicht mehr und ver­starb am 01.08.1937.

Karl Luicke, Holzwickede, Josefstr. 50, geboren am 02.02.1898 …
mit dem Han­dicap einer Intel­li­genz­min­de­rung, besuchte zunächst die Süd­schule Holzwickede. Seine Eltern sträub­ten sich vehe­ment dagegen, als ihnen 1912 der jetzt 14-jäh­­rige Junge weg­ge­nommen werden sollte, doch es half nichts. Man hoffte, ihm in einer Anstalt eine bes­sere Aus­bildung ver­mit­teln zu können und wies den Jungen dem Wit­te­kindshof in Bad Oeyn­hausen zu, womit der Grund­stein für eine dau­er­hafte Zwangs­un­ter­brin­gung gelegt wurde. Im Sommer 1933 war die Ent­las­sung des inzwi­schen 35-Jäh­rigen vor­ge­sehen, diese dann aber ver­worfen. Offenbar wollte zu diesem Zeit­punkt nie­mand die Verant­wortung dafür über­nehmen. 1935 wurde Karl Luicke zwangs­ste­ri­li­siert und 1937 in die Pro­vin­zi­al­heil­an­stalt War­stein ver­legt. Zuvor war die Mutter des Pati­enten ge­fragt worden, ob sie bereit wäre, ihren Sohn für dau­ernd nach Hause zu holen. Diese sah sich aber wegen eigener Krank­heit außer­stande, ihn zu sich zu nehmen.

Nach An­kunft in der völlig über­be­legten War­steiner Anstalt dürfte Karl Luicke die schwerste Zeit seines Lebens ver­bracht ha­ben. 1941 geriet er in die soge­nannte Eutha­na­sie­ak­tion der Nazis, wurde als „lebens­un­wert“ abge­stem­pelt und lan­dete am 24.07.1941 in der Anstalt Eich­berg in Eltville/​Rhein. Hier erlebte er die „Phase Zwei“ der gezielten Tötung von Men­schen mit Behin­de­rungen durch Hunger­kost und Medi­ka­men­ten­über­do­sie­rungen. Trotz extremer Man­gel­er­näh­rung, harter Arbeit und deso­laten Verhältnis­sen über­lebte Karl Luicke die Nazi­zeit, war aber letzt­lich der­maßen geschwächt, dass er kurz nach dem Ein­marsch der ame­ri­ka­ni­schen Truppen am 05.06.1945 ver­starb. Die Anstalts­lei­tung ver­an­lasste ohne Abstim­mung mit den El­tern die sofor­tige Beer­di­gung zwei Tage nach seinem Tod auf dem Anstalts­friedhof.

Karl Menne, Hengsen, Schil­lerstr. 13, geboren am 21.03.1918 …
in Holzwickede, zeigte bereits kurz nach seiner Geburt kör­per­liche Behin­de­rungen, war von schlimmen Krämp­fen und Läh­mungen geplagt und erkrankte zusätz­lich an einer Gehirn­ent­zün­dung. Aus der Volks­schule schied er schnell aus, da er dem Lern­tempo und dem Lehr­stoff nicht gewachsen war. Man­gels ander­wei­tiger Mög­lich­keiten ent­schlossen sich seine Eltern schweren Her­zens, den Jungen in die Anstalts­er­zie­hung zu geben. 1926 wurde er in der Heil- und Pfle­ge­an­stalt Bethel bei Bie­le­feld auf­ge­nommen. Hier ver­blieb er zunächst bis 1931 und kehrte im Alter von 13 Jahren zurück ins Eltern­haus. Der bereits bean­tragten Zwangs­ste­ri­li­sie­rung entkam der Junge, ver­mut­lich, weil die gei­stige Behin­de­rung nicht ange­boren, son­dern Folge einer Hirn­ent­zün­dung war.

Nachdem seine Eltern verstor­ben waren, brachte man den jetzt 23-Jäh­rigen in der Pro­vin­zi­al­heil­an­stalt War­stein unter, wo er als „lebensun­wert“ stig­ma­ti­siert und am 26.07.1943 in die hes­si­sche Zwi­schen­an­stalt Weil­mün­ster depor­tiert wurde. Die un­menschliche Unter­brin­gung über­lebte der junge Mann bis 01.05.1944. Es kann als sicher gelten, dass eine gezielte Hun­ger­kost, die unhy­gie­ni­schen Sta­ti­ons­ver­hält­nisse, evtl. ver­bunden mit einer Medi­ka­men­ten­über­do­sie­rung, seinen Tod ver­ur­sacht haben. Seine sterb­li­chen Über­reste wur­den auf dem Anstalts­friedhof bei­gesetzt. Sein Name auf der Fried­hofs­liste ohne Grab­nummer ist seine letzte Spur.

Caro­line Stoffel, gebo­rene Pampus, Hengsen, Keller­kopf 37, geboren am 22.03.1892… in Hengsen, war die Tochter des damals bekannten Gast­wirts Karl Pampus, der mit seiner Frau am Kel­ler­kopf die Gast­stätte „Zur Wal­des­luft“ betrieb. Nach nor­maler Ent­wicklung und Volks­schul­be­such arbei­tete die junge Frau ver­mut­lich im Eltern­be­trieb. 1920 hei­ra­tete sie den aus Alten­dorf stam­menden Fried­rich Stoffel, zog zu ihm und gebar in den fol­genden Jahren vier Kinder. 1925 verän­derte sich die junge Frau psy­chisch und kap­selte sich ab. Erneut schwanger kam sie am 22.11.1927 in die Pro­vin­zi­al­heil­an­stalt Gütersloh. Dort brachte sie einen Jungen auf die Welt. Nachdem dieser auf Drängen der Anstalts­lei­tung vom Vater abge­holt worden war, lebte das Kind nur noch kurze Zeit und starb an „Unter­ernäh­rung“. Etwa 1940 wurde Caro­line Stoffel als „lebens­un­wert“ abge­stem­pelt und am 17.07.1941 in die hes­si­sche Pfle­ge­an­stalt Scheuern ver­legt, wo sie 2 1/​2 Jahre ver­blieb. Am 08.01.1943 wurde sie „unver­än­dert“ in die Lan­des­heil­an­stalt Hadamar ver­legt. Nach völ­ligem kör­per­li­chen Zer­fall, der übli­cher­weise in der End­phase durch Medi­ka­men­ten­über­do­sie­rungen gezielt beschleu­nigt wurde, starb Caro­line Stoffel am 25.01.1943. Ihre sterb­li­chen Über­reste wurden nach Alten­dorf über­führt und beer­digt.
(Autor: Ulrich Reit­inger)

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