Hamburger Allee: Rentner stiehlt sich nach Blechschaden einfach davon

Dass sich Auto­fah­rer nach einem Blech­scha­den ein­fach davon­steh­len, ohne sich um die Scha­dens­re­gu­lie­rung zu küm­mern, ist in jüng­ster Zeit lei­der Mode gewor­den. Straf­bar ist das uner­laub­te Ent­fer­nen vom Unfall­ort, wie es in Juri­sten­deutsch heißt, trotz­dem. Aus die­sem Grund fand sich des­halb heu­te auch ein 73-jäh­ri­ger Rent­ner aus Holzwicke­de vor dem vor dem Amts­ge­richt in Unna wie­der.

Der Holzwicke­der soll zwi­schen dem 23. und 24. Novem­ber vori­gen Jah­res auf einem Park­platz an der Ham­bur­ger Allee in Holzwicke­de beim Ein­par­ken mit sei­nem Ford Mon­deo ein neben ihm ste­hen­den Pkw beschä­digt haben und danach ein­fach weg­ge­gan­gen sein. Der Scha­den an dem ande­ren Fahr­zeug beträgt laut Gut­ach­ten rund 1.100 Euro.

Der Ange­klag­te erschien gestern im Roll­stuhl und wegen einer Virus-Infek­ti­on in sei­nem Wohn­heim mit einem Mund­schutz vor Gericht. Den Tat­vor­wurf stritt er rund­weg ab. Der Mon­deo sei auf sei­ne erblin­de­te Frau zuge­las­sen. Er sei zwar der ein­zi­ge, der das Fahr­zeug nut­ze. Auf Nach­fra­ge von Rich­ter Jörg Grans­eu­er beharr­te der Ange­klag­te aber dar­auf, dass er zur Tat­zeit das Fahr­zeug wegen einer Erkran­kung schon nicht mehr genutzt habe und seit­dem auch noch nie wie­der damit gefah­ren sei. „Wenn es eine Beschä­di­gung an dem ande­ren Auto gibt, dann müs­sen es spie­len­de Kin­der gewe­sen sein“, erklär­te der Holzwicke­der. „Die haben auch an unse­rem Auto schon vie­le Macken gemacht.“

Anliegerin beobachtete den Unfall

Pech für den Ange­klag­ten: Eine Anlie­ge­rin der Ham­bur­ger Allee hat den Unfall sei­ner­zeit beob­ach­tet:  „Ich war an dem Mor­gen in der Küche und habe plötz­lich einen Knall gehört“, so die Zeu­gin gestern. Dar­auf­hin habe sie aus dem Küchen­fen­ster über den Park­platz geschaut und genau gese­hen, wie der Ange­klag­te, den sie vom Sehen her gut ken­ne, in sei­nen gewohn­ten Stell­platz rück­wärts ein­ge­parkt habe. „Danach ist er aus­ge­stie­gen, hat sich bei­de Autos genau ange­se­hen und ist dann weg­ge­gan­gen“, so die Zeu­gin wei­ter. Bis zur Ver­hand­lung heu­te habe sie den Ange­klag­ten vor­her auch noch nie im Roll­stuhl oder mit Geh­hil­fen gese­hen, sag­te die Zeu­gin auf Nach­fra­ge des Rich­ters.

Da half dem Rent­ner alles Leug­nen nichts – zumal er ein­schlä­gig vor­be­la­stet ist: Erst zwei Mona­te vor dem Blech­scha­den auf dem Park­platz in Holzwicke­de war er wegen uner­laub­ten Ent­fer­nens vom Unfall­ort in Unna zu einer Geld­stra­fe ver­ur­teilt wor­den. Die Ankla­ge­ver­tre­tung hielt die Zeu­gin für abso­lut glaub­wür­dig und for­der­te für den Ange­klag­ten eine Geld­stra­fe von 900 Euro und den dau­er­haf­ten Ent­zug der Fahr­erlaub­nis, da die­ser offen­kun­dig unge­eig­net zum Füh­ren eines Fahr­zeu­ges sei.

250 Euro Geldstrafe und drei Monate Fahrverbot

Damit hat­te der Rent­ner offen­bar nicht gerech­net. Zwar hat­te er erklärt, ohne­hin nie wie­der ein Auto fah­ren zu wol­len. Doch die Höhe der gefor­der­ten Geld­stra­fe traf den Rent­ner sicht­lich. Unter Trä­nen und schluch­zend schil­der­te er sein „schwe­res Schick­sal“:  Sei­ne Frau sei bereits drei­mal ope­riert wor­den. Trotz­dem sei­en bei­de inzwi­schen zwangs­ge­räumt und ihr gesam­ter Besitz durch einen Gerichts­voll­zie­her „geschred­dert“ wor­den. Ihre bei­den Hun­de sei­en zur Betreu­ung abge­ge­ben, sei­ne Frau und er selbst sei­en zur voll­sta­tio­nä­ren Pfle­ge in einem Heim in Unna unter­ge­bracht und hät­ten nur noch 107 Euro Taschen­geld zur Ver­fü­gung, von denen er auch noch die Geld­stra­fe für die erste Ver­ur­tei­lung abstot­tern müs­se.

Wohl auch wegen die­ser Umstän­de fiel das Urteil von Amts­rich­ter Jörg Grans­eu­er mil­der aus, als von der Staats­an­walt­schaft gefor­dert: Er ver­ur­teil­te den Holzwicke­der zu 50 Tages­sät­zen a 5 Euro (= 250 Euro) und ver­häng­te ein Fahr­ver­bot für drei Mona­te. Ein dau­ern­der Ent­zug der Fahr­erlaub­nis kam wegen der gerin­gen Scha­dens­hö­he nicht in Betracht. Aller­dings kann sich der Rent­ner nach eige­ner Aus­sa­ge ohne­hin nie wie­der hin­ter das Steu­er eines Autos set­zen. Außer­dem muss er die Kosten des Ver­fah­rens tra­gen.

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visage

Dipl.-Journalist

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