Gemeinde opfert Sozialkaufhaus der Diakonie für Notunterkünfte

Kaufnett

Die Gemeinde hat der Dia­konie zum 31. 30. April gekün­digt, um Flücht­linge in den Räumen unter­bringen zu können: das Sozi­al­kauf­haus Kauf­nett an der Bahn­hof­straße 23. (Foto: Peter Gräber)

Bei der Suche nach geeig­neten Unter­künften für die näch­sten Flücht­linge, die täg­lich ein­treffen können, steckt die Gemeinde Holzwickede in einem echten Dilemma. Will man eine so wich­tige soziale Ein­rich­tung wie das Sozi­al­kauf­haus Kauf­nett auf­geben, um dort neue Flücht­linge unter­zu­bringen? Keine leichte Ent­schei­dung. Doch aktuell favo­ri­sieren die Ver­ant­wort­li­chen im Rat­haus genau diesen Lösungs­an­satz. Was die ein­fachste Lösung der Unter­brin­gungs­pro­ble­matik scheint, löst inzwi­schen bei immer mehr Bür­gern und auch einigen Poli­ti­kern Bauch­schmerzen aus.

Fakt ist, dass die Räume an der Bahn­hof­straße 23 zu den wenigen in Frage kom­menden gehören, auf die die Gemeinde über­haupt noch direkten Zugriff hat, weil sie Eigen­tü­merin ist. Vor dem Sozi­al­kauf­haus der Dia­konie wurden die Räume auch schon als Unter­künfte für Flücht­linge genutzt. Inzwi­schen hat die Gemeinde auch schon Fakten geschaffen und im Januar den Miet­ver­trag mit der Dia­konie gekün­digt. „Sonst hätte sich der Ver­trag auto­ma­tisch um ein wei­teres Jahr ver­län­gert“, bestä­tigt Mat­thias Auf­er­mann, der zustän­dige Fach­be­reichs­leiter. Nimmt die Gemeinde diese Kün­di­gung nicht wieder zurück, muss das Sozi­al­kauf­haus spä­te­stens am 30. April die Räume an der Bahn­hof­straße 23 geräumt haben.

Kündigung: Diakonie muss bis 30. April ausziehen

In wel­chem Umfang danach Umbauten oder Sanie­rungs­maß­nahmen in den Räumen erfor­der­lich sind, wenn die Dia­konie in spä­te­stens sieben Wochen aus­ge­zogen ist, weiß man im Rat­haus aller­dings auch noch nicht. „Wir gehen davon aus, dass dort die Anschlüsse für Wasser und Strom vor­handen sind und nur wieder akti­viert werden müssen“, meint Mat­thias Auf­er­mann. Etwa 15 bis 25 Flücht­linge und Asyl­be­werber können an der Bahn­hof­straße 23 unter­ge­bracht werden, erklärt er. Bevor es soweit ist, werden aber nach dem Abgang der Dia­konie sicher noch vier bis sechs Wochen ins Land gehen. „Vor Juni wird das wohl nicht mit der Neu­be­le­gung“, fürchtet Auf­er­mann.

Viel schlimmer als die eher tech­ni­schen Pro­bleme wiegt aber, dass mit dem Sozi­al­kauf­haus Kauf­nett eine Insti­tu­tion in Holzwickede zer­schlagen würde, die eine ganz wich­tige soziale Auf­gabe erfüllt. Das wurde auch im Sozi­al­aus­schuss deut­lich am Mon­tag­abend, wo der Geschäfts­führer der Dia­konie Ruhr-Hellweg, Steffen Bau­mann, und Chri­stine Wey­ro­witz, zuständig für die fünf Sozi­al­kauf­häuser der Dia­konie, über die Auf­gaben der Beschäf­ti­gungs­ge­sell­schaft „Kauf­nett“ berich­teten. Denn was alle, die den Fort­be­stand des Holzwickeder Sozi­al­kauf­haus in Frage stellen, nicht ver­gessen dürfen: Die Dia­konie küm­mert sich mit ihrem „Kauf­nett“ ja auch um eine sozial ver­nach­läs­sigte Kli­entel – die Lang­zeit­ar­beits­losen. Viele von diesen Lang­zeit­ar­beits­losen gehören zu den Ärm­sten der Armen in unserer Gesell­schaf und sind – ohne jede Per­spek­tive – seit Jahren schon sozial aus­ge­grenzt in unserer Gesell­schaft. „Armut bedeutet heute in unserer Gesell­schaft, nicht teil­haben zu können“, erklärte Chri­stine Wey­ro­witz im Aus­schuss.

Sozialkaufhaus erfüllt wichtige soziale Aufgaben

Mit ihren fünf Sozi­al­kauf­häu­sern, die nichts anderes als Beschäf­ti­gungs­mo­delle sind, gibt die Dia­konie vielen lang­zeit­ar­beits­losen Frauen und Män­nern nach Jahren erst­mals wieder eine Per­spek­tive. Möbel, Klei­dung und andere Ange­bote aus den Sozi­al­kauf­häu­sern, werden etwa bei Haus­halts­auf­lö­sungen kostenlos abge­holt, falls nötig auf­ge­ar­beitet und anschlie­ßend zu sehr sozialen Preisen an Bedürf­tige, aber auch andere Inter­es­senten wei­ter­ver­kauft. So erhalten die Mit­ar­beiter in den Kauf­häu­sern wieder eine Per­spek­tive, ein posi­tives Selbst­wert­ge­fühl und schließ­lich auch wieder Anschluss auf dem Arbeits­markt. Gleich­zeitig können gebrauchte Pro­dukte von Jeder­mann sehr gün­stig erworben werden. Eine klas­si­sche Win-win-Situa­tion. Ganz nebenbei: An die Flücht­linge in der Gemeinde gibt die Dia­konie Klei­dung ganz kostenlos ab. Und auch die Gemeinde deckt sich bei der Aus­stat­tung ihrer Not­un­ter­künfte gerne preis­gün­stig in dem Sozi­al­kauf­haus ein.

In Holzwickede ist die Spen­den­be­reit­schaft und das ehren­amt­liche Enga­ge­ment außer­ge­wöhn­lich groß. Der Standort hier macht von allen unseren fünf Kauf­nett-Stand­orten am mei­sten Spaß. Holzwickede ist unser Juwel.“

Steffen Bau­mann, Geschäfts­führer Dia­konie Ruhr-Hellweg

In Holzwickede funk­tio­niert dieses Kauf­nett-Modell beson­ders gut, wie Steffen Bau­mann im Aus­schuss bestä­tigte. „In Holzwickede ist die Spen­den­be­reit­schaft und das ehren­amt­liche Enga­ge­ment außer­ge­wöhn­lich groß. Der Standort hier macht von allen unseren fünf Kauf­nett-Stand­orten am mei­sten Spaß. Holzwickede ist unser Juwel.“ Wohl auch des­halb hatte die Dia­konie erst vor einem halben Jahr inve­stiert und das Sozi­al­kauf­haus an der Bahn­hof­straße kom­plett saniert. Doch die Werk­statt und das Second-Hand-Kauf­haus sind nicht die ein­zigen beiden Pro­jekte im Holzwickeder Sozi­al­kauf­haus. Ganz neu ist das Pro­jekt „Upcy­ling“. Junge Frauen im Alter von 16 bis 25 Jahren arbeiten bei diesem Pro­jekt unter dem Dach des Sozi­al­kauf­hauses gespen­dete, gebrauchte Tex­ti­lien zu modisch höher­wer­tigen Pro­dukten um, die anschlie­ßend ver­kauft werden. „Die mei­sten dieser jungen Frauen haben so etwas noch nie gemacht und müssen erst langsam ange­lernt werden“, so Steffen Bau­mann.

Bürgermeister stellt finanzielle Hilfe in Aussicht

Alles das wird mit der Kün­di­gung des Sozi­al­kauf­hauses in Holzwickede zer­schlagen. Immerhin: Diese Aus­sicht reibt inzwi­schen auch Bür­ger­mei­ster Jenz Rother um. Seit die Kün­di­gung an die Dia­konie aus­ge­spro­chen ist, sei er auf der Suche nach einem Ersatz­standort für das Kauf­nett-Kauf­haus. „Das brennt mir unter den Nägel“, gibt Rother zu. So sehr, dass Holzwickedes Bür­ger­mei­ster sogar bereit ist, sich auch finan­ziell an einer Lösung zu betei­ligen. Müssen müsste die Gemeinde das nicht. Warum sie es den­noch tun will, erklärt Rother so: „Weil es uns wichtig ist. Wir sparen ja als Gemeinde auch eine Menge, weil wir dort im Sozi­al­kauf­haus kosten­gün­stig für unsere Flücht­linge ein­kaufen können.“ Der neue Standort für das Sozi­al­kauf­haus sollte 600 bis 800 m2 Fläche haben und mög­lichst zen­tral gelegen sein.

Der ehe­ma­lige Geträn­ke­markt an der Bahn­hof­straße gleich nebenan wäre ein sol­cher Standort. Doch sollen die Eigen­tümer dort eine viel zu hohe Miete for­dern, wie ver­lau­tete.

Da man im Rat­haus bis­lang keinen neuen Standort für die Unter­brin­gung der Flücht­linge finden konnte, wird man wohl auch keinen für das Kauf­nett finden. Rea­li­stisch gesehen werden des­halb wohl spä­te­stens Ende April die Lichter des Sozi­al­kauf­hauses in Holzwickede end­gültig aus­gehen.

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