Viel Lob und kaum Kritik: Bürgermeisterin Ulrike Drossel überrascht in neuer Rolle

Bürgermeisterin Ulrike Drossel an ihrem Arbeitsplatz bim Rathaus. (Foto: Peter Gräber)
Bür­ger­mei­sterin Ulrike Drossel an ihrem Arbeits­platz bim Rat­haus. (Foto: Peter Gräber)

Meine ersten 100 Jahre im Amt…“ – mit diesem Ver­spre­cher beginnt Ulrike Drossel das Gespräch über ihre ersten 100 Tage im Amt als Bür­ger­mei­sterin der Gemeinde Holzwickede. Und muss selbst selbst lachen über ihren klas­si­scher Freud’scher Ver­spre­cher. „Meine ersten 100 Tage kommen mit tat­säch­lich viel, viel länger vor“, sagt sie.

Es war ein Sprung ins kalte Wasser für die ver­wal­tungs­un­ter­fah­rene Lokal­po­li­ti­kerin des Bür­ger­blocks, die sich inzwi­schen für manche über­ra­schend gut in ihr neues Auf­ga­ben­ge­biet ein­zu­finden scheint. Dabei: So unver­fäng­liche und ange­nehme Ter­mine wie der Rat­haus-Geburtstag gleich an ihrem ersten Arbeitstag gab es bis­lang nur wenige. Doch auch schon bei diesem ersten Termin war die weib­liche Hand zu spüren, die jetzt im Rat­haus regiert.

Ganz schnell wurde die neue Bür­ger­mei­sterin danach von der Flücht­lings­pro­ble­matik ein­ge­holt. Ein Thema, das sie schnell zur Chef­sache erhoben hat. „Der Hel­fer­kreis war ja schon vorher mein Kind“, sagt Ulrike Drossel. Ein Kind, das sich „wirk­lich prächtig ent­wickelt hat“, wie sie nicht ohne Stolz anmerkt. Inzwi­schen gibt es ein zehn­köp­figes Team um vier neue Sozi­al­ar­beiter, das sich um die der­zeit 300 Flücht­linge in der Gemeinde küm­mert. Dass dieses Team seine Arbeit weit­ge­hend selbst orga­ni­siert, sagt auch etwas über den neuen Füh­rungs­stil im Rat­haus. „Die haben sich ganz gut auf­ge­stellt“, lobt Ulrike Drossel.

Kommunikation auf Augenhöhe

Auch der eigenen Beleg­schaft gegen­über ist Ulrike Drossel bemüht, auf Augen­höhe zu kom­mu­ni­zieren. Team­ar­beit ist ihr wichtig. Das kommt anschei­nend gut an bei den Mit­ar­bei­tern und Füh­rungs­kräften, die 16 Jahre lang anderes gewohnt waren. Dass sie wenig Ver­wal­tungs­er­fah­rung hat, war für Ulrike Drossel selbst nie ein großes Manko. „Schließ­lich habe ich vorher 16 Jahre lang Politik gemacht und habe von daher auch Erfah­rung mit der Ver­wal­tung gesam­melt. Jetzt gebe ich als Bür­ger­mei­sterin die grobe Rich­tung vor“, sagt sie selbst­be­wusst. Dies falle ihr umso leichter, „weil ich schnell gemerkt habe, dass ich hier ein wirk­lich tolles Team zur Seite habe“.

Das Mitarbeiterteam um die vier neuen Sozialarbeiter künmmert sich um die Flüchtlinge in der Gemeinde. (Foto: Gemeinde Holzwickede)
Das Mit­ar­bei­ter­team um die vier neuen Sozi­al­ar­beiter künmmert sich um die Flücht­linge in der Gemeinde. (Foto: Gemeinde Holzwickede)

Auch wenn die Flücht­lings­krise sie als Bür­ger­mei­sterin weit­ge­hend ein­nimmt – daneben hat Ulrike Drossel zu Beginn ihrer Amts­zeit noch andere Themen auf ihrer Agenda. Eines der wich­tig­sten ist die lokale Wirt­schaft. „Wir leben ja von unseren Gewer­be­steu­er­ein­nahmen“, weiß die neue Bür­ger­mei­sterin. „Gemeinsam mit unserem Wirt­schafts­för­derer Stefan Thiel und Karin Rose von der WFG habe ich schon viele Firmen in unserer Gemeinde besucht“, berichtet Ulrike Drossel. Und wei­tere Besuche würden noch folgen. „Dabei geht es nicht nur um Bitten und Antritts­ge­schenke“, ver­si­chert die Bür­ger­mei­sterin. Mit­unter kommen auch ganz kon­krete Ergeb­nisse bei den Besu­chen herum. „Auch einige Flücht­linge, die aner­kannt wurden, sind schon von einer Firma ein­ge­stellt worden“, freut sich Ulrike Drossel.

Die übli­chen 100 Tage Schon­frist hat die neue Bür­ger­mei­sterin in der Politik nicht unbe­dingt gehabt. Bei der Beset­zung des Auf­sichts­rates in der Wirt­schafts­för­de­rungs­ge­sell­schaft des Kreises Unna (WFG), der Unnaer Kreis‑, Bau‑, und Sied­lungs­ge­sell­schaft (UKBS) sowie der Regio­nal­kon­fe­renz Dortmund/​Unna/​Hamm hat Ulrike Drossel gleich mal zu spüren bekommen, dass sie gegen eine Rats­mehr­heit „regieren“ muss: Die Beset­zung dieser Gre­mien, in denen noch ihr Vor­gänger einen Sitz hatte, wurden ihr von den großen Frak­tionen SPD und CDU ver­wehrt. Doch auch mit der Politik sieht sich die Bür­ger­mei­sterin inzwi­schen auf einem guten Weg der Zusam­men­ar­beit.

Interkommunale Zusammenarbeit mustergültig

Der Kon­takt zur WFG und UKBS sowie zur regio­nalen und über­re­gio­nalen Politik sei ohnehin da, meint Ulrike Drossel. „Die Geschäfts­führer und auch die Abge­ord­neten waren alle schon hier bei mir.“ Über­haupt ist es für Ulrike Drossel kein Nach­teil, dass sie keiner Partei ange­hört, die außer­halb von Holzwickede ver­treten ist. „Das hat den Vor­teil, dass mir alle gleich gesonnen sind und ich alle mit ins Boot nehmen kann.“ Das funk­tio­niere in der täg­li­chen Praxis sehr gut. Auch die Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten Oliver Kacz­marek (SPD) und Hubert Hüppe (CDU) haben nicht nur Lip­pen­be­kennt­nisse abge­geben, son­dern sich wirk­lich vehe­ment ein­ge­setzt für Holzwickede, wie sie fest­stellt. Ergebnis: Gemeinsam mit ihnen und dem Landrat hat Ulrike Drossel die Inter­kom­mu­nale Zusam­men­ar­beit ent­schei­dend vor­an­bringen können. Mit der Stadt Schwerte ist die Gemeinde Holzwickede das bun­des­weite Vor­zei­ge­mo­dell bei der Zusam­men­ar­beit von Kom­munen zur Unter­brin­gung von Flücht­lingen geworden.

Die nächsten wichtigen Ziele

Bei alledem hat Ulrike Drossel noch wich­tige kurz­fri­stige Ziele: Gemeinsam mit einem Team arbeitet sie an einem digi­talen Stadt­plan, ähn­lich wie es ihn in Dort­mund schon gibt. „Da können Inter­es­sierte dann im Internet sehen, welche Rad­wege es in Holzwickede gibt, aber auch wel­chen Handel, wel­ches Gewerbe und welche Sehens­wür­dig­keiten“, so Drossel. „Davon pro­fi­tieren alle in der Gemeinde.“

Außerdem führt sie Gespräche, um das Defizit an Pfle­ge­plätzen in Holzwickede zu beheben. Wie in ihrem Wahl­kampf ange­kün­digt, will Drossel außerdem Jugend­liche stärker für die Politik inter­es­sieren. „Des­halb werde ich einmal im Jahr in die Schulen gehen und mir anhören, was die Schüler dort möchten und wo ihnen der Schuh drückt.“ Und auch das Angebot der Paten­schaften mit den Schü­lern des Poli­tik­un­ter­richts der beiden wei­ter­füh­renden Schulen steht

Gerne möchte Ulrike Drossel auch noch mit Dietmar Hil­burg und Holzwickeder Bür­gern den Berg­bau­wan­derweg erwan­dern, der man­gels Beschil­de­rung „nicht so ein­fach erkennbar“ ist.

Und schließ­lich waren da noch ihre Bür­ger­sprech­stunden: „Es gab sehr, sehr viele Anrufe und Fragen“, meint Ulrike Drossel. „Alle haben eine Ant­wort oder einen Termin bekommen.“

So bewerten die Fraktionsvorsitzenden die ersten 100 Tage Amtszeit Ulrike Drossels

Jochen Hake FDPJochen Hake (FDP): „Die ersten drei Monaten von Ulrike Drossel waren ganz positiv. Es war ein sehr guter Ein­stand soweit der Flücht­lings­strom, den sie ja zur Chef­sache gemacht hat, das über­haupt zuließ. Natür­lich steht die Ver­wal­tung da erheb­lich unter Druck. Ins­be­son­dere die wech­sel­sei­tige Zusam­men­ar­beit nach ihren Brand­briefen zur Flücht­lings­un­ter­brin­gung, die sie ver­schickt hat, ist da aber sehr gut gelaufen. Außerdem höre ich immer wieder, dass die Trans­pa­renz ihrer Arbeit da ist. Ich per­sön­lich bin mit ihrer Arbeit bisher voll und ganz zufrieden und hoffe, dass es so wei­ter­geht.“

Canon EOS 5D Mark III 150526 001Susanne Wer­binsky (stell­ver­tre­tende Frak­ti­ons­chefin der Grünen): „Bei uns gibt es – wie schon im Wahl­kampf – keine ein­heit­liche Mei­nung zur bis­he­rigen Arbeit von Ulrike Drossel. Grund­sätz­lich sind wir zufrieden mit ihrer Arbeit. Auch in der Ver­wal­tung hat sie sich gut eta­bliert und Ver­wal­tung und Bür­ger­mei­sterin arbeiten super zusammen. Das ist zumin­dest der Ein­druck nach außen hin. Auch die Trans­pa­renz stimmt. Die Bür­ger­mei­sterin hat unserer Frak­tion zum Bei­spiel über die Flücht­lings­si­tua­tion und geplante Unter­brin­gung immer infor­miert und mit uns über alles gespro­chen. Früher hatten wir nicht immer den Ein­druck, dass wir so offen infor­miert wurden.“ Ihr Frak­ti­ons­vor­sit­zende Fried­helm Klemp Klemp_01sieht das kri­ti­scher: Gerade an der Trans­pa­renz der Arbeit von Ulrike Drossel man­gele es bisher: Bei­spiele seien der Älte­stenrat, der viel zu spät vor dem Info-Abend ein­ge­laden worden sei und die Len­kungs­gruppe für die Flücht­lings­ar­beit, zu der erst am 22. März ein­ge­laden worden. „Das geht gar nicht“, findet Klemp. „Dabei über­schlagen sich gerade hier die Ereig­nisse fast stünd­lich.“ Kritik äußert Klemp aber auch daran, dass sich die Bür­ger­mei­sterin ohne Rück­sprache mit der Politik einen Audi A6 als Dienst­wagen geneh­migt hat. „Es steht nir­gendwo, dass die Bür­ger­mei­sterin einen eigenen Dienst­wagen fahren muss. Das gab es vor Jenz Rother auch nicht. Da hätten wir zumin­dest mal drüber reden müssen nach 16 Jahren.“

Nach der einstimmigen Nominierung von Ulrike Drossel zur Spitzenkandidatin gratulierte BBL-Chef Thomas Wolter ihr mit einem Blumenstrauß. (Foto: Peter Gräber)

Thomas Wolter (Unab­hän­giger Bür­ger­block): „Aus unserer Sicht hat sich die Sit­zungs­kultur in den ersten 100 Tagen der Amts­zeit von Ulrike Drossel bereits erheb­lich ver­bes­sert. Es herrscht jetzt ein ganz anderes Klima. Das kann aber nicht alles sein. Auf ihrem Haupt­ar­beits­feld ist die Bür­ger­mei­sterin sehr enga­giert tätig. Ulrike Drossel war die Erste, die Brand­briefe zur Not­lage bei der Flücht­lings­un­ter­brin­gung ver­schickt hat. Das kam auch bei den anderen im Kreis sehr gut an, wie ich gehört habe.“

CDU-Fraktionschef: Frank Markowski. (Foto: CDU)

Frank Mar­kowski (CDU): „Ulrike Drossel hat viel Zuspruch in der Bevöl­ke­rung und ist nah an den Bür­gern, wie wir so hören. Wir wün­schen ihr, dass sie diese Bür­ger­nähe nicht aus den Augen ver­liert. Wir sind kri­tisch und erwar­tungs­voll, wie es wei­ter­geht. Wichtig ist, dass die Trans­pa­renz ihrer Arbeit gewähr­lei­stet ist. Die ersten 100 Tage ihrer Amts­zeit hat sie mit Bravur gemei­stert ent­gegen aller Vor­be­halte. Wir werden Ulrike Drossel weiter unter­stützen, wenn es der All­ge­mein­heit dient und wün­schen ihr eine glück­liche Hand und dass sie Bür­ger­mei­sterin aller Holzwickeder bleibt.“

Michael Klimziak (Foto: SPD)

Michael Klim­ziak (SPD): „In den ersten 100 Tagen Ein­ar­bei­tungs­zeit von Ulrike Drossel war das vor­ran­gige Thema die Flücht­lings­krise. Sonst haben wir noch nicht so viel erlebt von der Bür­ger­mei­sterin. Da wäre es falsch, sich schon jetzt irgendein Urteil erlauben zu wollen. Wir von der SPD würden uns wün­schen, dass andere Themen künftig nicht unter­gehen wie die Stadt- und Ver­kehrs­ent­wick­lung, der soziale Woh­nungsbau usw.“

Bürgermeisterin


Peter Gräber

Dipl.-Journalist

Kommentar

  • Vor Herrn Rother hatten wir auch keinen haupt­amt­li­chen Bürgermeister…schon ver­gessen. Geht es um persl. Befindlichkeiten…oder end­lich um unsere Gemeinde. Gewählt haben wir doch recht klar und so beob­achten wir auch weiter, wer mit arbeitet oder nur pole­mi­siert.

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