Das Gebäude Massener Str. 71 (Mitte) will die CDU-Fraktion veräußern, um darin bezahlbare Mietwohnungen zu schaffen. In einem zweiten Schritt soll das auch mit dem Gebäude Nr. 69 (vorne) geschehen. (Foto: P. Gräber - Emscherblog.de)

Verwaltung und Politik mit Flüchtlingssituation völlig überfordert

In den beiden Unhterkünften an der Massener Straße 69 und 71 sind aktuell 76 Menschen aus 17 Nationen widrigstren Umstänmden  untergebracht. (Foto: Peter Gräber)
Nahezu voll belegt:  In den beiden Unterkünften an der Massener Straße 69 und 71 sind aktuell 76 Menschen aus 17 Nationen unter widrigsten Umständen untergebracht. (Foto: Peter Gräber)

Wie empfängt die Gemeinde Holzwickede die Menschen, die ihr als Flüchtlinge zugewiesen werden? Im allgemeinen so: Die Flüchtlinge, darunter auch Familien mit Kindern, kommen mit dem Bus am Rathaus an. Dort wird ihnen ein Plan der Gemeinde in die Hand gedrückt. Damit müssen sie sich dann auf eigene Faust vom Rathaus zu den Flüchtlingshäusern an der Massener Straße begeben. Wenn sie dort endlich ankommen sind, empfängt sie niemand, müssen sie sich selbst einquartieren. Einen Hausmeister gibt es dort nicht. Der reguläre Teilzeit-Hausmeister ist erkrankt schon lange ausgefallen.

Politiker aller Fraktionen und Kirchenvertreter, die am Montag an einem Runden Tisch „Flüchtlingsarbeit“ im evangelischen Gemeindehaus an der Goethestraße teilnahmen, wollten zunächst gar nicht glauben, was sie da hörten. Dann sahen nicht wenige von ihnen beschämend zu Boden. Nicht zum letzten Mal in jener Veranstaltung.

Aus Platzgründen schlafen einige deshalb lieber auf Matratzen auf dem Boden. Tagsüber stellen sie dann die Matratzen auf“

Roswitha Göbel-Wiemers, Unterstützerkreis der Flüchtlinge

Das leider sehr reale Beispiel zeigt, wie überfordert die Verwaltung und Politik in Holzwickede mit der Flüchtlingssituation ist. Die Zustände in den beiden Flüchtlingshäusern Massener Straße 69 und 71 sind dramatisch und menschenunwürdig. Aktuell leben dort nach Auskunft der Verwaltung 76 Männer, Frauen und Kinder aus 17 Nationen auf engstem Raum zusammen. Teilweise liegen vier erwachsene Männer aus vier verschiedenen Nationen in einem Raum mit Matratzen auf dem Boden. Betten gibt es zwar für alle. Doch wie sollen vier Erwachsene oder eine fünfköpfige Familie in einem Zimmer, das womöglich noch Dachschrägen hat, jeweils ein Bett für sich aufstellen? „Aus Platzgründen schlafen einige deshalb lieber auf Matratzen auf dem Boden“, weiß Roswitha Göbel-Wiemers, die sich mit weiteren Mitgliedern aus einem Unterstützerkreis um die Flüchtlinge kümmert. „Tagsüber stellen sie dann die Matratzen auf.“  Auch nach Brandschutz-Kriterien müssten die Flüchtlingshäuser vermutlich sofort geräumt werden, glaubt Roswitha Göbel-Wiemers.

Flüchtlinge sind dankbar für Hilfe und menschlichen Kontakt

Trotzdem sind die in den Häusern untergebrachten Menschen der Gemeinde unendlich dankbar dafür, dass man sie aufgenommen hat. Dass weiß der Unterstützerkreis aus Einzelgesprächen und einer Fragebogenaktion, die er unter den Flüchtlingen durchgeführt hat.

Die Flüchtlinge und ihre Unterbringungssituation überfordern die Gemeinde auf beinahe allen Ebenen. In der Verwaltung sind lediglich zwei Leute damit befasst: Fachbereichsleiter Matthias Aufermann und Torsten Doennges. Die Politik hat die Problematik bislang noch gar nicht auf ihrer Agenda, wie ihre Vertreter am Montag betreten einräumten. Aber auch ins Bewusstsein der Holzwickeder Bevölkerung ist die Problematik noch nicht so richtig gerückt. Dank des Unterstützerkreises für die Flüchtlinge, der sich zumeist aus engagierten Mitgliedern der Kirchengemeinden rekrutiert, soll das jetzt anders werden.

Zumindest die Politiker, die am Montag an dem Runden Tisch teilnahmen, können sich nicht mehr komplett ahnungslos geben. Die Vorsitzende des Ausschusses für Jugend, Familie, Senioren und Gleichstellung,  Ulrike Drossel,  hat auch bereits eine öffentliche Sondersitzung zum Thema am Montag, 9., Februar, ab 17.30 Uhr, anberaumt.

Flüchtlinge
Roswitha Göbel-Wiemers, Brigitte Krusch-Schlüter und Zuhrah Roshan-Appel (v.l.) treffen sich regelmäßig in einer von sechs Arbeitsgruppen des Unterstützerkreises der Flüchtlinge in Holzwickede. (Foto: Peter Gräber)

Bis Roswitha Göbel-Wiemers, Brigitte Krusch-Schlüter, Ursula Vosswinkel und andere aus dem Unterstützerkreis vor einigen Monaten auf die damals noch 60 Flüchtlinge zugingen und zwischenmenschlichen Kontakt suchten,  hatte dies noch nie jemand zuvor in Holzwickede getan. „Die Menschen waren dankbar dafür und haben sich sehr, sehr gefreut“, sagt Göbel-Wiemers.  Der Unterstützerkreis wiederum war überrascht, wie gerne die Flüchtlinge mehr Berührungen mit ihren deutschen Gastgebern hätten, gerne auch in Sport- oder anderen Vereinen mitmachen würden. Auch die deutsche Sprache wollen viele aus diesem Grund lernen. „Viele sind auch bereit, bei der Verbesserung ihrer Situation selbst mitzuhelfen“, berichtet Roswitha Göbel-Wiemers.  Bei Veranstaltungen wie dem gemeinsamen Kaffeetrinken am 16. Dezember im Alois-Gemmeke-Haus oder den regelmäßigen Treffen der Arbeitgruppen des Unterstützerkreis habe sich umgekehrt gezeigt, dass auch die Holzwickeder Bevölkerung weder fremdenfeindlich noch ablehnend auf die Flüchtlinge reagiert. Viele  Holzwickeder sind wohlwollend und helfend auf die Flüchtlinge zugegangen, freut sich Roswitha Göbel-Wiemers: „Die Hilfsangebote reichen von privatem Sprachunterricht bis hin zu Wohnungsangeboten.“

Hilfsbereitschaft der Holzwickeder ist groß

Erste Ergebnisse dieser Art wurden am Montag am Runden Tisch auch den Vertretern aller Parteien und Kirchen in der Emschergemeinde vorgestellt:

  • So soll es künftig jeden 1. Montag im Monat, um 16 Uhr, ein Begegnungscafé im Alois-Gemmeke-Haus geben.
  • Es ist eine Volleyball-AG ist geplant.
  • Insgesamt zwölf Holzwickeder wollen privaten Sprachunterricht geben. Ein erstes Vorgespräch mit einer Vertreterin von Invia, die in Unna auch offizielle Sprachkurse anbietet, ist fest verabredet. Das Erzbistum Paderborn hat für diese Sprachkurse einen Zuschuss von 1.300 Euro fest zugesagt.
  • Die Gruppe Rat und Tat wird den Teilzeit-Hausmeister für die Flüchtlingshäuser an der Massener Straße unterstützen. Dabei sollen auch einige Flüchtlinge einbezogen werden.

Die Beispiel zeigen: Die Menschen in Holzwickede sind nicht fremdenfeindlich. Die Hilfsbereitschaft ist sogar bei vielen Holzwickedern groß. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Flüchtlingsproblematik überhaupt wahrgenommen wird.

Kein Mangel an gutem Willen im Rathaus

Das gilt auch für die administrativen Probleme. An gutem Willen mangelt es im Rathaus wohl nicht – vielmehr ist die Verwaltung schlicht überfordert. Auf die Zuweisung einer größeren Zahl von Flüchtlingen war und ist man in Holzwickede – wie in den meisten anderen Kommunen  – überhaupt nicht mehr eingestellt gewesen. So wurde in den vergangenen Jahren systematisch alle gemeindeeigenen Immobilien verkauft, die heute vielleicht zur Unterbringung der Flüchtlinge in Frage gekommen wären. Selbst im Gebäude Massener Straße 69, das in den oberen Räumen als Flüchtlingsunterkunft dient, ist die komplette untere Etage an den HEV-Kindergarten für die U3-Betreuung vergeben worden.

Das größte Problem der Gemeinde ist die Unterbringungssituation. Aktuell kann der zuständige Fachbereichsleiter Matthias Aufermann  nicht einmal genau sagen, wie viele Menschen überhaupt noch untergebracht werden können in den beiden einzigen verbliebenen Gebäuden an der  Massener Straße. „Die Sollbelegung liegt bei 91 Personen. Aber die Erhebung dazu ist schon etwas älter. Außerdem reden wir hier von Einzelpersonen. Wenn jetzt noch eine Familie mit Kindern kommt, wie im Dezember, haben wir schon ein echtes Problem.“

Niemand weiß, wie viele Menschen noch kommen

Sich vorausschauend vorbereiten oder die Unterbringung planen, kann die Gemeinde praktisch nicht: Niemand weiß, auch beim Land nicht, wie viele Menschen noch kommen werden und wie lange die Flüchtlinge bleiben. Trotzdem erwartet nicht nur  der Unterstützerkreis eine Lösung: „Es ist Aufgabe der Politik, die Unterbringungssituation der Flüchtlinge zu verbessern“, sagt Roswitha Göbel-Wiemers.

Zuviel darf dabei nicht erwartet werden. Aktuelle plant die Verwaltung, das gemeindeeigene Haus Bahnhofstraße 23 zu räumen, das aktuell noch vom Sozialkaufhaus kaufnett genutzt wird. Nach der Räumung muss das Gebäude zunächst saniert und mit Sanitär- und Versorgungsanlagen ausgestattet werden. „Frühestens ab Mai“, schätzt Matthias Aufermann, wäre das Gebäude dann für Flüchtlinge bewohnbar. Der Diakonie als Träger des Sozialkaufhauses hat die Gemeinde Unterstützung zugesagt, bei der Suche nach einem neuen Standort in Holzwickede. Denn die soziale Einrichtung möchte man in Holzwickede nicht verlieren.

Freude macht es wohl niemandem im Rathaus eine funktionierende soziale Einrichtung wie das Sozialkaufhaus zu zerschlagen und diese woanders neu aufzubauen, nur um eine vorübergehende Notunterkunft zu schaffen. Andererseits plagt  die Verantwortlichen im Rathaus ein Albtraum: Bei der nächsten Zuweisung von Flüchtlingen bliebe ihnen wohl nichts übrig, als die Rausinger Halle oder gar eine Turnhalle als Notquartier zu beschlagnahmen. Als Folge müsste dann der Schul- oder Vereinssport eingeschränkt werden. Der Aufschrei wäre groß.

Flüchtlinge, Unterstützerkreis


Peter Gräber

Dipl.-Journalist

Kommentar

  • goebel_wiemers@web.de

    Die Aussage „hatte dies noch nie jemand zuvor in Holzwickede getan.“ ist nicht korrekt. Hans-Ulrich Bangert, als Ausländerbeauftragter, und Vertreter von „Wir für Holzwickede“ hatten schon vorher Kontakt. Nur war bis dahin nichts an die „Außenwelt“ geraten.

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