Prozessauftakt: Holzwickeder Senioren bringen Enkeltrick-Betrügerin auf Anklagebank

Vor der 35. Strafkammer des Dortmunder Landgerichtes wurde heute der Prozess gegen 31-jährige Sandra K. eröffnet. Die Angeklagte ist wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs in vier Fällen angeklagt, wobei es in einem Fall beim Versuch geblieben ist. Sandra K. soll als Abholerin und Mitglied einer Bande mit dem sogenannten Enkeltrick Senioren um große Bargeldbeträge und Vermögenswerte erleichtert haben. Insgesamt soll die Beute mehr als 69.000 Euro betragen haben. Dass die Angeklagte überhaupt erwischt wurde, ist dem Holzwickeder Ehepaar Maria und Johann Schuller zu verdanken, die trotz ihres Alters von 85 und 88 Jahren die Enkelbetrüger hellwach ausgetrickst haben.

Seit ihrer Festnahme im November vorigen Jahres sitzt die einschlägig vorbestrafte Sandra K., eine deutsche Roma ohne festen Wohnsitz, in der JVA Gelsenkirchen in Untersuchungshaft. Die Anklage wirft der 31-Jährigen vor, am 18. November vorigen Jahres in Holzwickede versucht zu haben, die Eheleute Schuller mit einem perfiden Enkeltrick um 25.000 Euro zu erleichtern:

Angeklagte einschlägig vorbestraft

Gegen 12.30 Uhr meldete sich eine Anruferin bei dem Ehepaar und gab sich als deren Enkeltochter aus, die dringend ihre Hilfe benötigt: Nach einem Verkehrsunfall sei sie festgenommen worden und brauche nun 25.000 Euro Kaution für ihre Freilassung. Das Ehepaar Schuller erkannte jedoch den Betrugsversuch und täuschte seinerseits die Anruferin. Johann Schuller gab vor, mit 15.000 Euro in einem Umschlag zur Übergabe zu erscheinen – und informierte die Polizei. Am vereinbarten Übergabeort unweit seines Wohnhauses an der Münchener Allee erschien prompt Sandra K., um das Geld mit dem vereinbarten Codewort „Luisa 1120“ in Empfang zu nehmen.

Der rüstige Senior versuchte daraufhin, Sandra K. festzuhalten. In dem entstehenden Handgemenge soll die Angeklagte den 88-Jährigen mehrmals mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Mit Hilfe einiger Passanten, die die junge Frau irrtümlich für das Opfer hielten, konnte sich die Angeklagte schließlich befreien und flüchten. Nach etwa 50 Metern wurde sie dann jedoch von einer zivilen Polizeistreife aufgehalten und festgenommen.

Vier weitere Fälle angeklagt

Neben dieser Tat legt die Staatsanwaltschaft der Angeklagten vier weitere vollendete Betrugsfälle im Herbst vorigen Jahres zur Last: In Kamen gaukelten die Anrufer einem Seniorenpaar vor, dass ihr Sohn an Corona erkrankt sei und für die lebensnotwendige Behandlung dringend Geld benötige. Noch während eines Telefonates mit den Betrügern erfolgte die Übergabe eines hohen Geldbetrages an der Tür.

Zwei Tage vor dem Fall in Holzwickede meldete sich eine angebliche Enkeltochter bei ihren Großeltern in Fröndenberg und erbat dringend Geld für eine von ihr gekaufte Eigentumswohnung. Durch mehrere Anrufe wurde der Druck auf den schon misstrauisch gewordenen Rentner derart erhöht, dass er schließlich 12.000 Euro abends an einem Bahnübergang in Fröndenberg an die Angeklagte ausgehändigte.

In Unna meldete sich am 19. August vorigen Jahres der angebliche Sohn bei seinen betagten Eltern. Nach einem Verkehrsunfall benötige er dringend Geld. Anschließend meldeten sich mit zwei Anrufen falsche Polizeibeamte, um die Geschichte des Fake-Sohnes zu bestätigen. Derart mürbe gemacht, händigten die Senioren 17.000 Euro aus – laut Anklage ebenfalls an Sandra K.

Schließlich soll die Angeklagte am 11. November vorigen Jahres auch 9.000 Euro abgeholt haben, die ihre Bande von Enkeltrick-Betrügern den Opfern am Telefon mit der falschen Geschichte abschwatzten, dass ihr Enkel einen Verkehrsunfall verursacht habe und dieses Geld benötige, um die Polizei aus dem Spiel zu halten. Nicht nur der angebliche Enkel hatte dabei die Senioren angerufen, sondern wenig später auch das angebliche Autohaus, in dem das Fahrzeug repariert stand.

Hintermänner bleiben im Dunkeln

Mit diesen Vorwürfen konfrontiert räumte die Angeklagte lediglich die Tat in Holzwickede ein, bei der sie in flagranti erwischt wurde. Alle anderen Tatvorwürfe bestritt sie.

Auf Nachfrage der Vorsitzenden Richterin Britta Graja äußerte sich die Angeklagte auch zu den Hintergründen der Tat in Holzwickede: Auf einer Feier in Dortmund sei sie gefragt worden, ob sie bereit sei, einen Geldbetrag abzuholen. Warum man mit dieser Bitte gerade auf sie zugekommen sei? „Weil ich schon mal vorbestraft bin wegen der gleichen Sache“, so Sandra K. auf Nachfrage der Richterin. Ihr Motiv:  Da ihre Mutter krank sei, sie selbst keinen Beruf und auch kein Einkommen habe, wäre sie einverstanden gewesen, das Geld abzuholen.

Namen und Identität ihrer Hintermänner offenbarte sie nicht. Auf Nachfrage der Richterin, wer die übrigen Beteiligten sind, erklärte Sandra K. lediglich: „Alles Roma.“  Am Tattag sei sie von einem Fahrer abgeholt worden, der sie in der Nähe des Übergabeortes abgesetzt habe. Dann habe sie ein Taxi genommen, um damit zur Adresse zu fahren, die ihr genannt worden sei. Den Kontakt zu ihren Auftraggebern hielt sie mit einem Handy, das ihr zuvor ausgehändigt worden sei.

Als Herr Schuller zum vereinbarten Übergabeort gekommen sei, „bin ich zu ihm hin und habe das Codewort Julia 1120 gesagt“, so die Angeklagte. „Daraufhin hat er mich sofort ergriffen und am Hals festgehalten.“ Bei dem Handgemenge seien beide „in ein Gebüsch gefallen“. Schließlich seien einige Leute vorbeigekommen, die ihr geholfen hätten. „Als ich aus dem Gebüsch raus war, bin ich weggelaufen.“ Doch dann sei die Polizei gekommen und habe sie aufgehalten. Die Beamten erkannten die Rollenverteilung schnell: „Als sie meinen Namen sahen, war das schnell klar und ich bekam Handschellen“, so die Angeklagte.

Hellwache Senioren täuschen Betrüger

Am ersten Verhandlungstag wurde heute auch Maria Schuller als Zeugin gehört. Ihr Mann Johann konnte nicht erscheinen, da er sich derzeit im Krankenhaus befindet. Da die Angeklagte die Tat in Holzwickede eingeräumt hat, wird der 88-Jährige auch nicht mehr als Zeuge benötigt in diesem Verfahren. Seine 85 Jahre alte Frau schilderte heute sehr detailliert und lebhaft, wie sie den Vorfall am erlebt hat:

Sie wären gerade beim Essen gewesen, als der Anruf kam. Ihr Mann habe Telefon sofort auf laut gestellt, weil sie schwerhörig sei und mithören wollte. „Ich habe sofort gemerkt, dass das nicht meine Enkelin ist“, so die Zeugin. „Deine Stimme klingt so komisch“, habe sie ihrer angeblichen Enkelin gesagt. „Daraufhin hat sie zweimal gehustet und gesagt, sie sei erkältet.“  Als die Anruferin dann ihre Geschichte auftischte und um 20.000 Euro bat, „wussten wir sofort, das ist ein Enkeltrick“, meint die Seniorin. Von der Betrugsmasche hätten sie schon häufig gehört, auch in Fernsehsendungen wie „Aktenzeichen XY ungelöst“.

Die Eheleute nahmen sich vor, die schäbigen Betrüger möglichst dingfest zu machen. „Wir wollten die alten Leute schützen, von denen schon so viele Geld verloren haben“, so die Zeugin. Beide hielten den Kontakt zur angeblichen Enkeltochter und erweckten geschickt den Eindruck, dass sie ihrer Anruferin Glauben schenken. Zunächst wiesen sie ihre „Enkelin“ darauf hin, dass man höchstens 11 – bis 12.000 Euro im Haus hätte. Die Nachfrage ihrer „Enkelin“, ob sie noch mehr Geld von der Bank holen könne, verneinte die Seniorin. „Du weißt doch, dass der Opa nicht mehr gut Auto fährt…“  

„Ich habe sofort gemerkt, dass das nicht meine Enkelin ist.“

– Maria Schuller (85 Jahre)

Auf Bitten der „Enkelin“, die wohl sicher gehen wollte, dass die Senioren tatsächlich Bargeld im Haus haben, gibt das Ehepaar sogar die Nummer einer Banknote an die „Enkelin“ weiter. Ihre Nachfrage, ob noch Schmuck oder Münzen im Haus sind, verneinen die beiden Senioren.

„Die ganze Zeit wurden wir immer wieder aufgefordert, bloß nicht aufzulegen“, berichtet die Zeugin. Als der Opa sich dann aus dem Gespräch abmeldet, „um etwas auszuruhen“ und heimlich die Polizei zu informieren, sei die Anruferin spürbar „unruhig“ geworden, erklärt Maria Schuller. „Da habe ich ganz vertraut mit ihr geredet:  ,Der Opa muss mal pinkeln. Auf die zwei Minuten kommt es jetzt doch auch nicht mehr an…‘“ Schließlich hätten sie „etwas Altpapier in einen Umschlag“ gesteckt und beide gedacht: „Jetzt wir es ernst“. 

Drei weitere Verhandlungstage angesetzt

Während ihr Mann mit Gehstock, Umschlag und dem Codewort zur Geldübergabe schritt, musste seine Frau den Kontakt zur angeblichen Enkelin am Telefon weiter halten. „Am Ende hat sich die Anruferin dann ganz freundlich für unsere Hilfe bedankt und gesagt, dass sie auch noch mit Kaffee und Kuchen bei uns vorbeikommen will.“

Ihr Mann Johann habe ihr später berichtet, wie er unterdessen die Abholerin nach Austausch des Codewortes sofort mit den Worten „Du bist eine Betrügerin!“ am Kragen gepackt habe. „Sie wehrte sich natürlich. Dann kam zunächst eine Frau vorbei und später noch drei Männer mit Fahrrädern, die sich einmischten“, so die 85-Jährige. Ihr Kommentar: „Da war der Fisch vom Haken“, entlockte auch der Richterin ein Schmunzeln.

Mit der Vernehmung der Polizeibeamten, die die Angeklagte nach kurzer Flucht festgenommen haben, endete der erste Verhandlungstag heute. Bis Mitte Juni sind zunächst noch drei weitere Verhandlungstage angesetzt.

Enkeltrickbetug


Peter Gräber

Dipl.-Journalist

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kontakt

Mobil: +49 (170)  9 03 26 14

E-mail: info@emscherblog.de

Folgen Sie uns

Archiv