Mutter lässt Kinder in brennender Wohnung zurück: Tötungsvorsatz nicht erkennbar

Die Ver­hand­lung gegen die 27-jäh­rige Deborah W. vor dem Land­ge­richt Dort­mund wird am Don­nerstag fort­ge­setzt. (Foto: P. Gräber – Emscherblog.de)

Die Ver­hand­lung gegen die 27-jäh­rige Deborah W. aus Holzwickede wegen zehn­fa­chen ver­suchten Mordes und schwerer Brand­stif­tung wurde heute (3. Dezember) vor dem Land­ge­richt Dort­mund mit wei­teren Zeu­gen­aus­sagen fort­ge­setzt. Aus­ge­sagt hat auch ein 32 Jahre alter Holzwickeder, der kurz vor der Tat noch sexu­ellen Kon­takt zu der jungen Mutter in der Woh­nung am Frank­furter Weg 6 hatte. Am Ende des Ver­hand­lungs­tages ließ Richter Peter Wind­gätter erkennen, dass für das Gericht auch eine Ver­ur­tei­lung der Ange­klagten wegen fahr­läs­siger Brand­stif­tung in Tat­ein­heit mit fahr­läs­siger Kör­per­ver­let­zung in Betracht komme. Damit dürfte der Vor­wurf einer vor­sätz­li­chen Tötungs­ab­sicht wohl end­gültig vom Tisch sein.

Was das für die 27-jäh­rige Ange­klagte heißt, erläu­terte der Richter ihr eben­falls: Im Falle einer Ver­ur­tei­lung wegen ver­suchten Mordes hätte ihr Urteil auch lebens­läng­lich bedeuten können, die Höchst­strafe für eine fahr­läs­sige Brand­stif­tung in Tat­ein­heit mit fahr­läs­siger Kör­per­ver­let­zung beträgt dagegen maximal fünf Jahre.

Einladung zum sexuellen Kontakt

Zum Auf­takt der Ver­hand­lung heute sagte ein 32-jäh­riger Bekannter von Deborah W. aus. Beide kannten sich von gele­gent­li­chen Treffen, bei denen dann auch stets „gut Alkohol getrunken“ wurde. Den Zeugen hatte die junge Mutter in der Tat­nacht am 18. Mai dieses Jahres zwi­schen 21.30 und 22 Uhr ange­rufen, „um eine Nummer zu schieben“, wie er aus­sagte. „Ich bin allein, kannst Du ´rüber kommen?“, habe sie ihn gefragt. „Ich hatte erst Sorge, dass ihr Mann da wäre.“ Doch dann sei er doch zu ihr gegangen. Dort ange­kommen habe er mit der Ange­klagten zunächst eine Ziga­rette geraucht. „Dann sind wir schnell zur Sache gekommen. Danach habe ich noch eine Ziga­rette geraucht und bin dann auch sofort wieder weg.“ Gegen 22.30 Uhr habe er die Woh­nung wieder ver­lassen.

In den Ver­neh­mungen der Polizei und auch dem Richter heute gegen­über gab der 32-jäh­rige an, dass die junge Mutter „sturz­be­trunken gewesen“ sei. Sie habe ihm gesagt, dass sie neben Alkohol „auch Pep gezogen hat“ (Anm.: Pep = Speed/​Amphetamine). Den Zustand der jungen Mutter beschrieb der 32-Jäh­rige so: „Ich habe sie kaum erkannt. Sie konnte kaum noch reden.“ Geredet wurde aber ohnehin nicht viel, wie der Zeuge dem Richter erklärte: „Sie hatte mich ja ange­rufen, weil sie eine Nummer schieben wollte.“ Dabei habe sie zumin­dest „noch mit­ma­chen können“, so der Zeuge. „Ich wollte aber schnell wieder weg, weil ich Angst hatte, dass ihr Mann auf­taucht.“ 

Trotz ihres Zustands habe die Ange­klagte wäh­rend er da war „etwa zwei bis drei Mal nach ihren beiden Kin­dern geschaut“, die in den Kin­der­zim­mern schliefen, bestä­tigte der Zeuge.

Im wei­teren Ver­lauf der Ver­hand­lung wurden dann eine Poli­zei­be­amtin, die als eine der ersten vor Ort war, und der Lei­tende Ermitt­lungs­be­amte der Kripo im Zeu­gen­stand befragt.

Nicht nach Kindern erkundigt

Die Poli­zi­stin wurde hin­zu­ge­zogen, um die junge Mutter in der Tat­nacht zunächst ins Kran­ken­haus zu bringen und nach ihrer Ent­las­sung dort anschlie­ßend zu ver­nehmen. Die Ange­klagte habe sich „gene­rell ruhig ver­halten“ und einen „ganz nor­malen, nicht betrun­kenen Ein­druck“ gemacht. Die 27-Jäh­rige habe sich auch zum Ver­dacht der Brand­stif­tung geäu­ßert und erklärt, dass sie den Brand „nicht absicht­lich ver­ur­sacht“ habe. Wor­über sich die Poli­zei­be­amtin wun­derte: „Sie wollte gar nicht wissen, was mit ihren Kin­dern ist und hat nicht einmal nach ihnen gefragt. Ich hatte den Ein­druck, dass es ihr nur um den Freund und nicht um die Kinder ging“, so die Poli­zei­be­amtin.

Ich hatte den Ein­druck, dass es ihr nur um den Freund und nicht um die Kinder ging.“

Poli­zei­be­amtin

Ähn­lich hat es auch der Lei­tende Ermitt­lungs­be­amte der Kripo Dort­mund emp­funden, der sich anschlie­ßend zu den Ermitt­lungs­er­geb­nissen äußerte. Auch auf ihn habe die Ange­klagte einen „relativ nüch­ternen, klaren Ein­druck“ gemacht in der Tat­nacht. W. habe erklärt, dass ihr beim Anzünden einer Ziga­rette ver­se­hent­lich ein Streich­holz her­un­ter­ge­fallen sei. Aller­dings lagen die Screen­shots aus dem Video­chat mit dem Cousin ihres Lebens­ge­fährten zu diesem Zeit­punkt schon der Kripo vor und diese Bilder zeigten ein­deutig, dass ihr das Streich­holz kei­nes­wegs unab­sicht­lich her­un­ter­ge­fallen war. In der Ver­neh­mung habe sie aber auch von ihren ver­geb­li­chen Lösch­ver­su­chen berichtet.

Wel­chen Ein­druck die Ange­klagte auf ihn gemacht hat, wollte der Richter wissen: „Sturz­be­trunken“ sei die Ange­klagte kei­nes­falls gewesen, so der Ermittler. „Sie hat einen klaren Ein­druck gemacht und auch schnell und deut­lich geant­wortet. Aller­dings zeigte sie sehr wenig Empa­thie. Wir waren natür­lich auch geschockt, dass sie sich nicht nach ihren Kin­dern erkun­digte.“

Feuer konnte sich schnell ausbreiten

Auch der Brand­sach­ver­stän­dige sagte heute aus: Seine Fest­stel­lungen stehen nicht in Wider­spruch zur Aus­sage der Ange­klagten und der übrigen Zeugen: Der ursprüng­liche Brand­herd lag im Wohn­zimmer in der Nähe der Couch. Von dort konnte sich das Feuer nach allen Seiten schnell aus­breiten. Zur schnellen Aus­brei­tung trug bei, dass die Bal­kontür in der Woh­nung im 3. Stock und auch die Woh­nungstür geöffnet waren. 

Neben der Woh­nung wurde auch das Trep­pen­haus durch das Feuer und den starken Rauch relativ schnell blockiert. In der Woh­nung gab es auch keinen ein­zigen der gesetz­lich vor­ge­schrie­benen Rauch­melder.

Den finan­zi­ellen Sach­schaden am Gebäude bezif­ferte der Sach­ver­stän­dige nicht. Aller­dings muss der beträcht­lich sein: Die Brand-Woh­nung und drei wei­tere Woh­nungen waren nach dem Feuer absolut unbe­wohnbar. Die Sanie­rung dürfte nach Ansicht des Brand­ex­perten „meh­rere Wochen dauern“. Die Schäden im Trep­pen­haus seien dagegen deut­lich schneller zu beheben.

Wenn ich ehr­lich bin, wusste ich gar nicht mehr, dass ich Geschlechts­ver­kehr hatte.“

Deborah W.

Deborah W. schwieg am heu­tigen Ver­hand­lungstag weit­ge­hend. Auf Nach­frage des ärzt­li­chen Gut­ach­ters äußerte sie sich nur kurz zu ihren Motiven für den sexu­ellen Kon­takt zu dem 32-jäh­rigen Zeugen in der Tat­nacht: Sie habe ihrem Lebens­ge­fährten, der an jenem Abend nicht nach Hause kommen wollte, „eins aus­wi­schen“ wollen. „Gefühle habe ich nicht dabei gehabt. Wenn ich ehr­lich bin, wusste ich gar nicht mehr, dass ich Geschlechts­ver­kehr hatte.“

Schließ­lich folgte von Richter Peter Wind­gätter der recht­liche Hin­weis, der sich bereits auch schon am ersten Ver­hand­lungstag abge­zeichnet hatte: In dem Ver­fahren komme auch eine Ver­ur­tei­lung wegen fahr­läs­siger Brand­stif­tung in Tat­ein­heit mit fahr­läs­siger Kör­per­ver­let­zung in Betracht. Damit wäre der Tötungs­vor­satz für einen Mord­ver­such wohl vom Tisch.

Anschlie­ßend infor­mierte der Richter außerdem dar­über, dass beide Kinder der Ange­klagten inzwi­schen außer Lebens­ge­fahr sind und auch der schwerer ver­letzte Fünf­jäh­rige nach ärzt­li­chem Ermessen keine blei­benden Schäden davon­ge­tragen hat. Er war leblos, völlig steif und aus­ge­kühlt mit einer zwei­fellos lebens­ge­fähr­li­chen Rauch­ver­gif­tung in die Klinik gekommen. Für seinen drei­jäh­rigen Bruder bestand dagegen zu keiner Zeit Lebens­ge­fahr. Beide Kinder leben inzwi­schen bei ihrem Vater, der das allei­nige Sor­ge­recht hat.

Die Ver­hand­lung gegen Deborah W. wird am Don­nerstag dieser Woche fort­ge­setzt.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.