Mit dem Fahrrad entlang der Emscher: Die ersten Kilometer

Der Kamener Schriftsteller und Maler Gerd Puls hat einen Text über die ersten Kilometer seiner Radtour auf dem Emscher-Radweg verfasst. (Foto: privat)

Der folgende Text stammt aus der Feder des Kamener Schriftstellers und Malers Gerd Puls. Er hat diesen Text über seine Impressionen auf den ersten Kilometern des Emscher-Radweges anlässlich des evangelischen Kirchentages in Dortmund verfasst:

„Ein Teich bei Holzwickede, der einem Gehöft den Namen gibt: Emscherquellhof. Hübsch gelegen, hier entspringt das Flüsschen Emscher. Ein paar Tropfen, die den kleinen Teich speisen. Dann ein Rinnsal, ein Graben, ein schmaler Bach. Holzwickede, eine schmucke Gemeinde. Günstige Lage. Kaum 20.000 Menschen leben hier, doch viele pendeln zur Arbeit ein. Östliche Dortmunder Vorstadt, im Norden der Flughafen, zum Holzwickeder Bahnhof wenige Meter.

Zurück zur Emscher. Südwestlich geht es, der Bach schlängelt durch den Ort. Neben der Sparkasse ein kleines Denkmal, ein Bronzebrunnen: Emscher, Quelle und Verlauf, die Ruhrgebietsorte, die das Flüsschen säumen. Ein Schulbub in Bronze, der den Blick darüber schweifen lässt, den Ranzen auf dem Rücken, einen Apfel in der Hand. Hier geboren, hier zu Haus. So wie der Metallbildhauer, der die Idee dazu hatte.

Zusammengehörigkeit wird groß geschrieben

Emscherpark, Holzwickeder Markt. Am ersten Adventswochenende findet vor dem Rathaus ein Weihnachtsmarkt statt, ausgerichtet von Vereinen, Schulen, Organisationen. Zusammengehörigkeit wird groß geschrieben, Heimatverbundenheit wird groß geschrieben. Hier trifft man sich. Manche, die es woandershin verschlug, reisen oft nur für den Weihnachtsmarkt an.

Der kleine Park, Spielplätze und schöner Baumbestand. Vorbei an der Kirche. Davor die unvermeidliche Kohlenlore. Klar, auch hier gab es Bergbau. Emscher-Radweg, nicht zu verfehlen, ich trete in die Pedale, lasse Holzwickede hinter mir. Mit dem Rad kommst du prima die Emscher entlang, lautet die Empfehlung, schon bin ich auf freiem Feld.

Zwischen Howitown und Dortmund-Sölde geht der Blick weit, auch wenn ringsum alles zugebaut ist. Beinah ländliche Idylle, bloß ein bisschen viel Gülle auf den Feldern. Luftschachtweg, Erinnerung an frühen Ruhrbergbau, als die Kohle, die nur wenige Meter unter der Erde lag, hochgeholt wurde mit einfachen Haspeln und Muskelkraft.

Quellenstraße, wie der Name schon sagt. Lauschige Landschaft, hier entspringt die Emscher, die auf gerade mal 80 Kilometern 150 Jahre lang Abwasser und Dreck des Ruhrgebiets aufnahm. Dafür hat sie ein Denkmal verdient. Auf dem Holzsteg, der zur Quelle führt, alle paar Schritte in Metall die Zitate großer Denker. Von Thales von Milet über Konfuzius bis Elias Canetti. Der gute Goethe ist gleich zweimal vertreten und hat noch immer Recht: Alles ist aus dem Wasser entsprungen! Alles wird durch das Wasser erhalten! Lebenselixier Wasser.

Goethe gleich zweimal an der Emscherquelle vertreten

Die Emschergenossenschaft lädt  alle großen und kleinen Besucher zum Maifest ein: der Emscherquellhof mit dem davor liegenden Quellteich. (Foto: P. Gräber – Emscherblog)

Dortmund-Sölde, fast noch ländlich. Bauernhöfe, die Emscher immer noch ein unscheinbarer winziger Bach. Schmale Grünstreifen säumen die Böschung. Aber Emschertalstraße? Was für ein Tal, frage ich mich. Zwei Kilometer bis Aplerbeck. Emscher-Radweg. Wo verläuft denn hier das Flüsschen?

Als ich in den 1970ern in Dortmund studierte, Kunst und Pädagogik, schanzte mir ein Professor einen Auftrag zu: Die Kranich-Apotheke in Aplerbeck möchte ein Emblem. Für Briefkopf, Rechnungen und Schaufenster, kannst du das machen? Also pinselte ich einen stilisierten Kronenkranich hin für 50 Mark, und der Apotheker hatte ein Erkennungszeichen. Heute noch prangt es prächtig in Gold an Fenster und Fassade.

Dann die psychiatrische Landesklinik, später im Lehrerberuf hatte ich hin und wieder dort zu tun. Irgendein gemeinsames Gutachten, ein Kind, dem man vielleicht dort helfen konnte. Als ich selbst Kind war, klang das manchmal gar nicht schön. Der gehörst nach Aplerbeck, hieß es, wenn einer mal Unsinn machte und über die Stränge schlug. Toleranz und Akzeptanz sahen anders aus.

Aplerbeck. Und zack, bist du am Phönixsee. Ich halte die Augen auf. Schön hier, schaurig schön mitunter. Einförmig trist die dichte Bebauung, egal ob alte Industrie, neue Logistikflächen, Straßenzüge, Siedlungen, Wohnblocks oder villenähnliche moderne Einfamilienhäuser.

Links der Phönixsee im Stadtteil Hörde, an Wochenenden beliebtes Ausflugsziel. All die Parkplätze knüppelvoll. Ruhrgebietsfreizeit, der Rundweg ist beliebt. Mit der Emscher hat der See nichts zu tun, obwohl sie nebenan fließt. Sumpfiges Gelände noch vor 200 Jahren. Eine Mulde, Sumpf, Morast und Mücken. Bevor hier das gigantische Stahlwerk wuchs, das dem See seinen Namen gab. Von der gewaltigen Stahlschmiede steht nichts mehr, nur die Thomasbirne an der Promenade als Wahrzeichen und Erinnerungsstück.

Alter Dortmunder Dreiklang: Kohle, Stahl und Bier

Karte am Rande des Emscher-Radweges, die den gesamten Verlauf der Strecke zeigt. (Foto: Gerd Puls)
Karte am Rande des Emscher-Radweges, die den gesamten Verlauf der Strecke zeigt. (Foto: Gerd Puls)

Das Stahlwerk wurde demontiert, ab per Schiff, in China wieder aufgebaut. Hörde, Dortmund, das Ruhrgebiet hat es verkraften müssen. Der Niedergang, Verlust von Kohle und Stahl. Die Hörder Burg, direkt am See, das Gebäude der ehemaligen Stiftsbrauerei, die biertrinkenden Mönche, sich zuprostend, fett an der Fassade. Der alte Dortmunder Dreiklang: Kohle, Stahl und Bier.

Wohin ist die Emscher entschwunden. Mit dem künstlichen See hat sie nichts zu tun. Nachdem alles weg war, hat der flache Tümpel wieder etwas gebracht für Hörde. Schmucke Häuser säumen das Ufer, hier wohnen Fußballer des BVB und die, die es sich leisten können. Moderne Architektur, viel Glas nach Süden hin, fast wie im Urlaub. Eisdielen locken. Hier gibt es Büroflächen und Gewerbe, die Sparkasse errichtet ein Schulungszentrum.

Weiter die Pedale treten, durch Hördes Zentrum geht es, dann die Überreste von Phönix West, immer noch eindrucksvolle Industrieruine. Endlos die braunen Backsteinmauern, Hallen sind neu zu nutzen. Dazwischen reichlich Platz, eine neue, überbreite Zubringerstraße, Ansiedlungen sind möglich. Die rostigen Streben des letzten Hochofens locken Fotografen an. Schaurige Tatort-Kulisse bei manchem Sonntagskrimi. Zwischendurch dröhnen Motoren bei illegalen Autorennen, surren Drohnen in der Dortmunder Luft. Damals ließen wir Papierdrachen steigen. Neu auch die kleine Brauereimanufaktur. Bergmannbier, alte Brautradition. An guten Wochenenden und wenn Borussia ein Heimspiel hat, ist der Schankraum proppevoll.

Radeln macht durstig, das Bier schmeckt. Für heute reicht es, ich kehre um. Ein Stück Heimat, ein kurzer, spannender Weg die Emscher entlang. Früher Dreckschleuder, Abwasserkanal, stinkende Kloake. Transportvehikel für Schlamm, Dreck, Gestank und Giftmüll, der überall anfiel, wo viele Menschen waren, wo mächtig malocht wurde. Kohle und Stahl, Chemie und was sonst. Die Emscher inzwischen ein munterer Bach. Renaturiert lautet das Zauberwort, ob in Holzwickede, Aplerbeck, Hörde oder in den Ruhrgebietsstädten, die folgen. Daran entlang: ein Radweg, der lohnt. „

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