Mieter und Anwohner der Bauverein-Häuser an der Bahnhofstraße 55 und 57 haben ihren Protest auf bemalten Dachziegeln formuliert (v.l.): Britta Marten, Daniela Klöwer, Leon Marcel Engel, Stefanie Engel, Bärbel Kretzschmar und Uwe Calovini. Vor der Mauer (v.l.) Leon, Joel und Mailo. (Foto: P. Gräber - Emscherblog)

Mieter machen mobil: Bauvorhaben des Bauvereins vernichtet ihre grüne Wohnidylle

Mieter und Anwohner der Bauverein-Häuser an der Bahnhofstraße 55 und 57 haben ihren Protest auf bemalten Dachziegeln formuliert (v.l.): Britta Marten, Daniela Klöwer, Leon Marcel Engel, Stefanie Engel, Bärbel Kretzschmar und Uwe Calovini. Vor der Mauer (v.l.) Leon, Joel und Mailo. (Foto: P. Gräber - Emscherblog)
Mieter und Anwohner der Bau­verein-Häuser an der Bahn­hof­straße 55 und 57 haben ihren Pro­test auf bemalten Dach­zie­geln for­mu­liert (v.l.): Britta Marten, Daniela Klöwer, Leon Marcel Engel, Ste­fanie Engel, Bärbel Kretz­schmar und Uwe Cal­o­vini. Vor der Mauer (v.l.) Leon, Joel und Mailo. (Foto: P. Gräber – Emscher­blog)

Die 30 Anwohner mit ihren Fami­lien, die teil­weise bereits seit 30 Jahren oder länger an der Bahn­hof­straße und Jahn­straße wohnen, machen mobil gegen das vom Bau­verein Holzwickede geplante Bau­vor­haben hinter ihren Häu­sern. Sie haben vorige Woche nicht nur an Bür­ger­mei­sterin Ulrike Drossel, den Vor­sit­zenden des Pla­nungs- und Bau­aus­schusses Wil­fried Brink­mann und Bau­verein-Vor­stand Wolf­gang Böcker geschrieben. Seit heute (19. Juni) ist ihr bunter Pro­test auch für jeden erkennbar, der an den Häu­sern Höhe Bahn­hof­straße 55 und 57 vor­bei­kommt:

Auf mehr als einem Dut­zend Dach­zie­geln haben die erzürnten Mieter und Anwohner ihrem Ärger Aus­druck ver­liehen. Zwar mit freund­lich bunter Farbe, aber im Ton unmiss­ver­ständ­lich: „6.000 qm ver­sie­gelt – Nein zur Beton­wüste“, „Emscher­ge­meinde wird zur Beton­ge­meinde“ oder „Natur pur – so wollen Kinder auf­wachsen“.

Was die Mieter des Bau­ver­eins fürchten: Der Bau­verein plant in drei Bau­ab­schnitten 64 Woh­nungen mit ins­ge­samt 4.400 m2 Wohn­flä­chen in zwei­ge­schos­sigen Gebäuden mit Staf­fel­ge­schossen hinter ihren Häu­sern zu rea­li­sieren. Ihre Gärten und Par­zellen, die etliche der Mieter über Jahre hinweg mit viel Liebe und auch finan­zi­ellem Auf­wand in eine grüne Idylle ver­wan­delt haben, würden der neuen Wohn­be­bauung mit­samt ihren Lauben und Garagen zum Opfer fallen.

Ökologisches Kleinod mit sozialer Komponente

Hinter den Häusern Bahnhofstraße 55 und 57 haben sich die Bewohner eine grüne Oase geschaffen. (Foto: P. Gräber - Emscherblog)
Hinter den Häu­sern Bahn­hof­straße 55 und 57 haben sich die Bewohner eine grüne Oase geschaffen. (Foto: P. Gräber – Emscher­blog)

Dass der Bau­verein, der die Gar­ten­fläche den Mie­tern teils als Miet­an­teil, größ­ten­teils aber ohne ver­trag­liche Rege­lung zur Nut­zung über­lassen hat, auf seinem Grund­stück das Recht hätte, wei­tere Häuser zu bauen, ist den Anwoh­nern durchaus bewusst. Was sie aber wirk­lich auf­bringt, ist das Vor­gehen des Bau­ver­eins. Von der Pla­nung haben sie erst durch die Bericht­erstat­tung des Emscher­blogs und Hell­weger Anzei­gers erfahren. Die Nach­richt hat den Anwoh­nern „den Boden unter den Füßen weg­ge­zogen“, wie sie in ihrem Brief schreiben. Dass dieses Bau­vor­haben „mit keiner Silbe sei­tens des Ver­mie­ters Bau­verein Holzwickede eG mit uns Mie­tern bespro­chen wurde, ist sehr ent­täu­schend, macht uns sehr traurig und zornig“, heißt es in diesem Brief weiter. Dies auch vor dem Hin­ter­grund, „dass es sich um eine Genos­sen­schaft mit ‚Bür­ger­be­tei­li­gung‘ han­delt“.

Ihre Gärten sind für die Anwohner „ein wich­tiger Lebens- und Ent­span­nungs­raum“ und viele „Kinder sind mit dem Kleinod groß geworden und total irri­tiert, dass es das dem­nächst nicht mehr geben soll“. Abge­sehen von dem öko­lo­gi­schen Aspekt wird auch ein intaktes soziales und gut nach­bar­schaft­li­ches Umfeld zer­stört, so die Anwohner, die ihren Pro­test in einer eigenen WhatsApp-Gruppe orga­ni­sieren.

Mie­terin Daniela Klöwer ist erst vor fünf Jahren zuge­zogen. „Gerade wegen der Kinder und des Gar­tens. Wir waren so froh dar­über, end­lich diese Woh­nung mit Gar­ten­nut­zung gefunden zu haben. Wo gibt es das denn sonst noch in Holzwickede zu bezahl­barer Miete?“ Ähn­lich sieht es auch Ste­fanie Engel, die ein echtes Kin­der­pa­ra­dies mit Klet­ter­turm, Rut­sche und einem großen Gatter mit Hasen ange­legt hat. „Wir wollten uns gerade auch noch Hühner anschaffen, als wir von der Pla­nung gehört haben. Das lassen wir jetzt erst einmal.“

Kleingartenanlage soll erhalten bleiben

Über­haupt hat die Moti­va­tion der Mieter sehr gelitten, seitdem ihnen klar wurde, was der Bau­verein vor hat. Ohne ihre kleinen grünen Fluchten, die großen Bäume, Lauben und Garagen können sich viele der Anwohner gar nicht mehr vor­stellen, noch in Holzwickede zu wohnen. „Eine Schande, wenn das alles ver­nichtet würde“, so Uwe Cal­o­vini.

Wenn die hier so bauen, bin ich weg“, ver­si­chert Daniela Klöwer und Ste­fanie Engel pflichtet ihr bei. Die beiden jungen Mütter scheinen das wirk­lich ernst zu meinen.

Wenn die hier so bauen, bin ich weg.“

- Daniela Klöwer

Viele der Mieter sind auch Selbst­ver­sorger aus dem eigenen Garten. Als eine Mie­terin den Bau­verein-Vor­stand Wolf­gang Böcker daran erin­nerte, berichten die Mieter, habe der pampig geant­wortet: „Wenn Sie Gurken wollen, gehen Sie doch nach Norma.“ Ob der Bau­verein-Chef das so gesagt hat oder nicht: Allein, dass ihm das durchaus zuge­traut wird, zeigt wie empa­thielos die Bewohner inzwi­schen ihren Ver­mieter emp­finden.

Die Pla­nungs- und Bau­aus­schuss­sit­zung nächste Woche ist ent­schei­dend. Dort wollen die Anwohner Flagge zeigen. Auf der Tages­ord­nung steht das Bebau­ungs­kon­zept des Bau­ver­eins. Der will zwar auf eigenem Grund bauen, kann das aber nicht ohne Zustim­mung der Gemeinde. Denn die muss den Bebau­ungs­plan für das Pro­jekt beschließen. In dem Ver­fahren dazu ist eine Bür­ger­be­tei­li­gung vor­ge­sehen, indem die Gemeinde mit zahl­rei­chen Bedenken und Anre­gungen von Bür­gern rechnet. Auch Die Grünen haben sich als ein­zige Frak­tion eben­falls schon aus öko­lo­gi­schen Gründen klar gegen die Wohn­be­bauung aus­ge­spro­chen.

Gemeinde lehnt aktuelle Planung ab

So soll der „abge­speckte“ nun­mehr letzte 2. Bau­ab­schnitt aus­sehen: Die Klein­gärten an der Mon­tan­hy­drau­lik­straße blieben erhalten. (Skizze: Bor­n­e­mann Archi­tekten)

Offenbar hat der sich for­mie­rende Wider­stand auch schon Ein­druck gemacht, wie die Beschluss­vor­lage der Ver­wal­tung zeigt. Denn auf den zunächst beab­sich­tigten dritten Bau­ab­schnitt will der Bau­verein bereits ver­zichten. Außerdem will die Gemeinde nur dann einem Bebau­ungs­plan für die Wohn­be­bauung zustimmen, wenn der Bau­träger (Bau­verein) die Kosten für die Pla­nungs­lei­stung und Erschlie­ßungs­maß­nahmen über­nimmt. Eine Form­sache. Aller­dings darf auch die Bebauung „nur inner­halb der fest­ge­setzten Wohn­bau­flä­chen“ erfolgen, wie es in der Vor­lage heißt. Und das ist keine Form­sache. Damit wäre zwar den Mie­tern mit den Gärten direkt hinter den Häuser Bahn­hof­straße 55 und 57 nicht geholfen. Aber immerhin blieben damit die zur Mon­tan­hy­drau­lik­straße gele­gene Grün­fläche mit der Klein­gar­ten­an­lage erhalten.

Offen ist natür­lich auch noch die ver­kehr­liche Frage, wobei eine Erschlie­ßung der neuen Häuser aus­schließ­lich über die Mon­tan­hy­drau­lik­straße zu erfolgen hat. Geklärt werden muss außerdem noch die Schall­schutz­pro­ble­matik, die neben dem Ver­kehrs­lärm auch den Sport­be­trieb im Mon­tan­hy­drau­lik­sta­dion betrifft. Erst wenn der Bau­verein in Abstim­mung mit dem Bauamt der Gemeinde für alle diese Fragen eine über­ar­bei­tete neue Pla­nung vor­legt, darf der Bau­träger mit einem posi­tiven Beschluss rechnen. Nach dem „gegen­wär­tigen Pla­nungs­stand“, heißt es in der Ver­wal­tungs­vor­lage für die Sit­zung am Dienstag, ist jeden­falls „eine Auf­stel­lung des Bebau­ungs­planes städ­te­bau­lich nicht gerecht­fer­tigt“.

Bauverein, Mieterprotest


Peter Gräber

Dipl.-Journalist

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