Geschädigte flüchtet aus dem Zeugenstand: Verhandlung ausgesetzt

Die Vor­würfe gegen den 26 Jahre alten Selbst­stän­digen aus Dort­mund sind nicht von schlechten Eltern: Kör­per­ver­let­zung, Belei­di­gung, Bedro­hung. Er soll am 24. März dieses Jahres vor einer von ihm gemie­teten Werk­halle in Holzwickede seine 65 Jahre alte Ver­mie­terin ergriffen und ihr ins Gesicht gespuckt, sie belei­digt und mit den Worten „Ich mach‘ Dich kalt!“ bedroht haben. Zu einem Urteils­spruch kam es heute vor dem Amts­ge­richt nicht. Mitten in der Befra­gung als Zeugin flüch­tete die Geschä­digte aus dem Gerichts­saal. So etwas hatte auch der Richter noch nicht erlebt. Die Ver­hand­lung wurde aus­ge­setzt.

Über die Gründe ihrer Flucht aus dem Saal konnte das Gericht anschlie­ßend nur spe­ku­lieren: Lag es daran, dass die Nie­der­län­derin der deut­schen Sprache nicht ganz mächtig ist und Ver­ständ­nis­pro­bleme hatte. Ist ihr viel­leicht das deut­sche Rechts­sy­stem nicht geläufig? Oder hat es etwas mit einem Zivil­pro­zess zu tun, der unab­hängig von der heu­tigen Straf­sache statt­findet?

So etwas hat auch der Amtsrichter noch nicht erlebt

Dabei hatte die Zeugin zunächst unmiss­ver­ständ­liche Angaben im Zeu­gen­stand gemacht: Danach hat der Vor­fall vom März dieses Jahres schon eine jah­re­lange Vor­ge­schichte. Zu diesem Zeit­punkt war der Ange­klagte schon von den beiden Eigen­tü­mern der Gewerbe-Immo­bilie seit ein­ein­halb Jahre gekün­digt und länger Zeit mit der Miete in Rück­stand. Schon seit die Nie­der­län­derin im Juli 2012 nach Holzwickede kam hatte es immer wieder Streit zwi­schen dem Ange­klagten und dem Eigen­tümer und ihr gegeben, so die Zeugin auf Nach­frage des Rich­ters. Am Ende sollen es 4.000 Euro Miet­schulden und ca. 10.000 Euro Sach­schaden gewesen sein, die der Ange­klagte seinen Ver­mie­tern schul­dete. „Mit seinem Vater hatten wir nie Pro­bleme, der hat immer seine Miete gezahlt“, so die Zeugin.

Am Tattag war die Geschä­digte mit ihrem E‑Roller zur Werk­halle des Ange­klagten gefahren, um ihn zu fragen, wann er end­lich seine Schulden zahlen wolle. Sie will vor der Halle gestanden sein, als der Ange­klagte aggressiv auf sie los­ge­gangen sei. „Er hat mich an meiner Jacke gepackt, hoch­ge­hoben und in einen Rei­fen­stapel geworfen, nach mir getreten und mir gedroht, dass er mich kaputt und tot machen will“, so die Zeugin. „Ich bin dann auf meinen Knien zu meinem Roller gekro­chen und weg­ge­fahren. Ich war geschockt.“ Kurz darauf habe sie die Polizei gerufen. Auf Nach­frage des Richter bestä­tigte die zier­liche 65-Jäh­rige auch, dass der Ange­klagten ihr ins Gesicht gespuckt habe. Trotz langer Strei­tig­keiten sei es aber zum ersten Mal zu Gewalt­tä­tig­keiten gekommen.

Angeklagter bestreitet alle Vorwürfe

Der Polizei gegen­über gab die Geschä­digte eine Beschrei­bung der Klei­dung ihres Angrei­fers ab, die nicht ganz mit der Klei­dung über­ein­stimmte, die der Ange­klagte trug, als die Polizei ihn antraf. Auch soll die Geschä­digte zunächst von einem Mit­ar­beiter gespro­chen haben.

Der Ange­klagte arbeitet jedoch allein in seinem Betrieb und bestreitet auch die Vor­würfe der Anklage: „Ich bin in meinem Büro gesessen, als die Zeugin plötz­lich die Tür auf­machte und mit mir spre­chen wollte. Ich habe sie weg­ge­schickt und die Tür wieder geschlossen, weil ich wusste, dass es keinen Zweck hat, mit ihr zu reden“, ver­si­chert der Ange­klagte. Er habe gar nichts von dem getan, was sie ihm vor­werfe.

Zeugin „grundsätzlich glaubwürdig“

Das Pro­blem: Den Fragen des Ver­tei­di­gers wollte sich die Zeugin ohne eigenen Anwalt nicht mehr stellen und flüch­tete trotz ein­dring­li­cher Ermah­nung von Richter Schaf­fer­nicht. Der ver­hängte prompt ein Ord­nungs­geld in Höhe von 100 Euro, ersatz­weise vier Tage Haft. Doch da war die 65-Jäh­rige schon abge­rauscht. Die Ver­hand­lung musste aus­ge­setzt und ein neuer Termin, dann mit einer Dol­met­scherin, anbe­raumt werden.

Nur weil der Ver­tei­diger nicht zu seinem Rede­recht gekommen sei, wolle er nicht den ganzen Pro­zess platzen lassen, erläu­terte Richter Schaf­fer­nicht. Zudem infor­mierte er den Ange­klagten und seinen Ver­tei­diger dar­über, dass er die Zeugin trotz ihres unge­bühr­li­chen Abganges grund­sätz­lich für glaub­würdig halte nach allem, was er bis dahin gehört habe von ihr. Dass die Geschä­digte gegen­über der Polizei die Klei­dung des Ange­klagten nicht ganz genau beschrieben habe, sei zwar richtig. Aber auch in der Aus­sage des Ange­klagten geben es Wider­sprüche. Zudem könne man Klei­dung leicht wech­seln.

Körperverletzung, Zeugenflucht


Peter Gräber

Dipl.-Journalist

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