Herbert Reckwitz zeigte zu Beginn seines Vortrages einige Gegenstände, die er nach der Bombardierung aus der zerstörten Gemeinde noch immer aufbewahrt, darunter Teile einer alten Nähmaschine, aber auch zwei Gewichte, die an den abgeworfenen Stabbrandbomben für eine senkrechte Ausrichtung nach unten sorgten. (Foto: P. Gräber - Emscherblog)

Gedenkfeier zur Bombardierung Holzwickedes vor 77 Jahren: Zeitzeuge lässt Schrecken wach werden

Herbert Reckwitz zeigte zu Beginn seines Vortrages einige Gegenstände, die er nach der Bombardierung aus der zerstörten Gemeinde noch immer aufbewahrt, darunter Teile einer alten Nähmaschine, aber auch zwei Gewichte, die an den abgeworfenen Stabbrandbomben für eine senkrechte Ausrichtung nach unten sorgten. (Foto: P. Gräber - Emscherblog)
Herbert Reckwitz zeigte zu Beginn seines Vortrages einige Gegenstände, die er nach der Bombardierung aus der zerstörten Gemeinde noch immer aufbewahrt, darunter Teile einer alten Nähmaschine, aber auch zwei Gewichte, die an den abgeworfenen Stabbrandbomben für eine senkrechte Ausrichtung nach unten sorgten. (Foto: P. Gräber – Emscherblog)

Am kommenden Mittwoch (23. März) vor 77 Jahren flogen amerikanische Bomberverbände in der Mittagszeit einen vernichtenden Bombenangriff auf die den Verschiebebahnhof und die Gemeinde Holzwickede. Nachdem die Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag an dieses schreckliche Ereignis in der Corona-Pandemie zwei Jahre lang verschoben werden musste, fand sie heute (20. März) ab 15 Uhr in der Rausinger Halle statt.

Der Fliegerangriff wurde von 184 amerikanischen B17-Bombern mit jeweils zehn Mann Besatzung an Bord geflogen. Der knapp einstündige Angriff mit mindestens neun Angriffswellen galt hauptsächlich den Bahnanlagen, die für die Truppentransporte und den Munitionsnachschub der Nazis große Bedeutung hatten. Im Eisenbahnknotenpunkt brannten von den 1.500 beladenen Güterwagen rund 1.000 völlig aus. Allerdings streuten die Bomben auch in die Wohngebiete aus und hinterließen große Zerstörungen in der übrigen Emschergemeinde:  52 Häuser wurden völlig zerstört und 150 Familien obdachlos.

Bomben fordern mehr als 50 Menschenleben

Im Nachhinein betrachtet grenzt es fast an ein Wunder, dass nur etwas mehr als 50 namentlich bekannte Opfer zu beklagen waren sowie eine unbekannte Anzahl weiterer namenlosen Opfern unter den Kriegsgefangen und Zwangsarbeitern, die damals in Holzwickede untergebracht waren. Wie viele Opfer es genau unter diesen Namenslosen gab, ist nicht bekannt. In einigen ortsgeschichtlichen Aufzeichnungen ist von mindestens 19 Opfern die Rede.

Durchgeführt wurde die heutige Veranstaltung von der Gemeinde Holzwickede in Zusammenarbeit mit der VHS-Gruppe „Spurensuche NS-Opfer Holzwickede“ zum Gedenken an die Opfer und als Mahnung, den Rechtsstaat und Frieden zu wahren. Weitere Kooperationspartner waren der Deutsch-Britische Club, der Historische Verein Holzwickede sowie die evangelischen und katholischen Kirchengemeinden.

Herbert Reckwitz flüchtete mit Mitter in Bunker

Holzwickedes stellvertretender Bürgermeister Peter Wehlack (r.) eröffnete die Gedenkveranstaltung. Kim Friehs (auf der Bühne li.) sorgte am Klavier für den musikalischen Rahmen zwischen den einzelnen Wortbeiträgen. (Foto: P. Gräber - Emscherblog)
Holzwickedes stellvertretender Bürgermeister Peter Wehlack (r.) eröffnete die Gedenkveranstaltung. Kim Friehs (auf der Bühne li.) sorgte am Klavier für den musikalischen Rahmen zwischen den einzelnen Wortbeiträgen. (Foto: P. Gräber – Emscherblog)

Eröffnet wurde die Gedenkfeier durch den Stellvertretenden Bürgermeister Holzwickede, Peter Wehlack, der die aus privaten Gründen verhinderte Bürgermeisterin Ulrike Drossel vertrat.

Ihm folgten dann der Hauptredner der Veranstaltung: Herbert Reckwitz, ehemaliger Pfarrer und einer der letzten Zeitzeugen. Reckwitz schilderte fast 45 Minuten lang eindrucksvoll, wie er als Kind mit seiner Mutter beim Aufheulen der Sirenen am 23. März 1945 gegen 13 Uhr in den kurz zuvor noch einmal nach bergmännischen Regeln befestigten Luftschutzbunker am ehemaligen Bürgershof an der Ecke Arndt- / und Oststraße flüchtete und dort den Bombenangriff erlebte. Unerwartet kam der Angriff für die Holzwickeder nicht. Denn den meisten von ihnen war die kriegswichtige Bedeutung des großen Verschiebebahnhofs am Ort bewusst und der Angriff deshalb vorhersehbar.

 Was dann aber ab 13.30 Uhr passierte, beschreibt Herbert Reckwitz so: „Es brach die fast einstündige Hölle los.“  Auch wenn das Bombardement der Emschergemeinde nach der Befreiung des KZ Ausschwitz am 23. Januar, den verheerenden Bombenangriffen auf Dresden am 13. und 14. Februar und dem letzten großen Bombenangriff mit 1.000 britischen Bombern auf Dortmund für ihn im historischen Kontext „nur eine Randerscheinung“ war, hat sich das, was Herbert Reckwitz in dieser knappen Stunde erlebte, in sein Leben „seit 77 Jahren unauslöschlich eingeprägt“.

Im historischen Kontext nur „Randerscheinung“

Im Anschluss an den Zeitzeugen Herbert Reckwitz, der durch seine detailreiche und authentische Erzählung den Schrecken des Bombenangriffs für alle Anwesenden nachvollziehbar machte,  gedachten Pfarrer Bernhard Middelanis und Pfarrer Philipp Reis den Opfern des Bombenangriffs.

Ihnen folgte Marie-Luise Wehlack, die langjährige Vorsitzende des Deutsch-Britischen Clubs, die über die Verständigungs- und Friedensarbeit des Partnerschaftsvereins sowie die Gründung der Städtepartnerschaft mit Weymouth and Portland berichtete.

Das Schlusswort sprach schließlich Michael Klimziak, der Vorsitzende des Kulturausschusses der Gemeinde.  Wie auch schon seine Vorrednerinnen und Vorredner mahnte Klimziak auch vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse in der Ukraine zu Frieden und Völkerverständigung.

In dem Pausen zwischen den Redebeiträgen sorgte jeweils Kim Friehs am Klavier für ein musikalisches Intermezzo.

Nach Gesprächen bei Kaffee und Kuchen klang die Gedenkfeier schließlich gegen 18 Uhr aus.

Gedenkfeier


Peter Gräber

Dipl.-Journalist

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