Der Künstler Gunter Demnig verlegte heute fünf weitere Stolpersteine, hier an der Herderstraße 3, für NS-Opfer aus Holzwickede. Für den würdigen Rahmen der Aktion sorgten Mitglieder der Aydaco-Gruppe des CSG. (Foto: P. Gräber - Emscherblog)

Fünf weitere Stolpersteine in Holzwickede erinnern an Opfer des Unrechtsregimes der Nazis

Der Künstler Gunter Demnig verlegte heute fünf weitere Stolpersteine, hier an der Herderstraße 3, für NS-Opfer aus Holzwickede. Für den würdigen Rahmen der Aktion sorgten Mitglieder der Aydaco-Gruppe des CSG. (Foto: P. Gräber - Emscherblog)
Der Künstler Gunter Demnig verlegte heute fünf weitere Stolpersteine, hier an der Herderstraße 3, für NS-Opfer aus Holzwickede. Für den würdigen Rahmen der Aktion sorgten Mitglieder der Aydaco-Gruppe des CSG mit Texten und Gesang. (Foto: P. Gräber – Emscherblog)

Seit März 2018 sind in Holzwickede insgesamt 14 Stolpersteine für Menschen verlegt worden, die von den Nazis wegen ihrer Behinderung als „lebensunwert“ ermordet oder aus politischen Gründen verfolgt, gedemütigt und misshandelt wurden. Heute (27, Januar) ab 14 Uhr wurden fünf weitere dieser Gedenksteine im Gemeindegebiet verlegt, unter anderen auch für zwei Jüdinnen und einen Juden.   

Recherchiert wurden die Schicksale der Opfer erneut von der VHS-Gruppe „Spurensuche NS-Opfer Holzwickede“, die auch in Zukunft die Schicksale von Opfern aus der Gemeinde aufarbeiten und ans Licht holen wird. Verlegt wurden die Steine vom Kölner Künstler Gunter Demnig. Für einen würdigen Rahmen sorgten Mitglieder der Aydaco-Gruppe des Clara-Schumann-Gymnasium, die mit kurzen Texten an die einzelnen Schicksale der fünf Opfer erinnerten oder, wie Helena Westermann, mit ihrer außergewöhnlichen Stimme zur Gitarre die Zuschauer anrührte.

Nach der Verlegung hatte die Gemeinde Holzwickede alle interessierten Beteiligten zu einem gemeinsamen Kaffeetrinken in die Seniorenbegegnungsstätte eingeladen. Abends gab es dann ab 18 Uhr noch eine Vortragsveranstaltung mit Gunter Demnig, in der der Künstler sein Konzept zur Kunstaktion erläuterte. Auch hier sorgten Mitglieder der Aydaco-AG und Jochen Weichert, Musiklehrer am CSG, für den musikalischen Rahmen.

Gedemütigt, gefoltert, ermordet

Die heute verlegten fünf Stolpersteine sollen an folgende Schicksale erinnern:

Oiser Schwanhort, Herderstraße 3

Oiser Schwanhort wurde am 4. Februar 1898 im polnischen Wasniów  geboren. Der gelernte Schneider übersiedelte 1919 nach Deutschland, wo er ab 1928 mit Unterbrechungen in Holzwickede wohnhaft war. Auch nach Hitlers Regierungsantritt 1933 lebte Schwanhort noch hier, während alle anderen Mitbürger jüdischen Glau­bens der Emscherquellgemeinde bereits den Rücken ge­kehrt hatten. Im Juli 1935 bekam Schwanhort Be­such von zwei SS-Leuten, die ihn „aus der Nachbarschaft holten“. Sie schleppten ihn durch die Straßen und verprü­gelten ihn bis zur Bewusstlosigkeit. Anschließend wurde er in „Schutzhaft“ genommen und gegen Mitternacht von der Polizei mit der Auflage entlassen, Holzwickede zu ver­lassen, was er sofort befolgen musste. Auf der Meldekarte dokumentierte man, Schwanhort sei als „lästiger Auslän­der“ ausgewiesen worden. Nach mehreren vergeblichen Versuchen wagte Schwanhort im August 1939 schließlich das Risiko, illegal über die Grenze nach Belgien zu kom­men, wurde aber in Monschau von der Grenzpolizei aufge­griffen und verhaftet. Nach Gefängnisaufenthalten (wegen „Passvergehens“) in Monschau und Aachen wurde Schwanhort ohne Geld und ohne Ausweispapiere im Sep­tember 1939 entlassen mit der strikten Auflage, sich bei der Gestapo in Dortmund zu melden, dort würde er seine Papiere wiederbekommen. Doch Oiser Schwanhort wusste wohl zu genau, dass er dieses Risiko nicht eingehen durfte. Zu Fuß kehrte er nach Dortmund zurück, tauchte aber wie­der unter und wechselte häufig seinen Aufenthaltsort. Mit Glück, Geschick und Unterstützung überlebte er die Nazizeit, führte nach dem Krieg einen lan­gen Kampf um Wiedergutmachung gegen die Behörden und starb im Alter von 75 Jahren in Dortmund.

Hedwig Steinweg, verh. Jacobsohn, Hauptstraße 44

Hedwig Steinweg wurde am 7. Dezember 1886 in Holzwickede geboren. Sie war die Zweitgeborene der weit ver­zweigten jüdischen Familie Steinweg. Ihr Vater, Anstreichermeister Selig Moritz Steinweg aus Wickede/Landkreis Dort­mund, hatte sich zwei Jahre zuvor mit seiner Ehefrau Jo­hanna, geborene Jonassohn, in Holzwickede niedergelassen und betrieb an der Kaiserstraße 32 ein Tapetengeschäft. Nach ihrer Heirat mit Louis Leo Jacobsohn zog Hedwig Ja­cobsohn nach Recklinghausen und gebar vier Kinder. 1942 wurden sie und ihr Ehemann gezwungen, sich nach Gelsenkirchen zu begeben, da dort ein Juden-Sammeltransport zusammengestellt wurde. Auf der Deportati­onsliste sind beide registriert. Am frühen Morgen des 27. Ja­nuar 1942 setzte sich der Zug vom Güterbahnhof Gelsenkir­chen in Bewegung. Nach einem Zwischenstopp in Dortmund stiegen weitere 500 Juden dazu. Nach langer Fahrt unter strengster Bewachung der Gestapo traf der Zug im lettischen Riga ein. Hedwig und Louis Leo Jacobsohn sind hier im Ghetto Riga entweder aufgrund der unmenschlichen Haftbe­dingungen oder bei Massenerschießungen in einem Wald ermor­det worden. Das Amtsgericht Recklinghausen erklärte das Ehepaar 1950 für tot.

Wilhelm Günther, Steinstraße 26

Wilhelm Günther wurde am 25. Dezember 1924 in Holzwickede geboren. Er kam als 14-Jähriger in die Provinzialheil­anstalt Marsberg, da er durch aggressives Verhalten aufge­fallen war. Hier wurde er „erbbiologisch erfasst“ und bekam die Diagnose „angeborener Schwachsinn“. Fast schien es, als würde der Heranwachsende durch das Raster der Mordma­schinerie der Nazis fallen, die das Ziel hatte, „lebensunwer­tes Leben“ aus der Gesellschaft zu „entfernen“. Der Junge kam weder in die „Kinderfachabteilung“ Marsberg, noch wies man ihn 1941 nach Dortmund-Aplerbeck ein, als die zentrale Mordstation für Westfalen-Lippe hierher verlegt wurde. Ein Grund könnte sein „guter Kräfte- und Ernäh­rungszustand“ gewesen sein. Die gezielte Vernachlässigung der Patienten in den folgenden Jahren führte auch bei Wil­helm Günther dazu, dass er zum Kriegsende stark an Ge­wicht abgenommen hatte. 20 Tage nach der Kapitulation Deutschlands starb er in Marsberg an den Folgen der jahre­langen Tortur. Als Todesursache dokumentierte man im Krankenblatt: „Völlige Entkräftung (Hungertod)“.

Heinrich Wortmann, Weststraße 31 in Hengsen

Heinrich Wortmann wurde am 2. März 1881 in Lichtendorf geboren. Er arbeitete nach der Schulentlassung auf der Zeche Caroline. Als Gewerkschaftsmitglied und Ver­trauensmann des Christlichen Bergarbeiter-Verbandes setzte er sich für die Belange der Kumpel ein. Er war zudem Mitglied der Deutschen Zentrumspartei. Auf Anweisung ei­nes NSDAP-Funktionärs wurde Wortmann im Juni 1933 während der Nachtschicht aus der Grube gerufen. Seine Einlieferung ins KZ Bergkamen-Schönhausen wurde damit begründet, als SPD-Mitglied habe er „die Regierung ver­ächtlich gemacht“ und sei ein „scharfer Agitator gegen die Nationale Bewegung“. Als der Fehler seiner Parteizugehö­rigkeit herauskam, war er bereits ins berüchtigte KZ Bör­germoor bei Papenburg verschleppt worden, wo man ihn bei erbärmlicher Verpflegung zu schweren Moorarbeiten zwang. Nach seiner Entlassung im September 1933 musste der 52-Jährige bei null anfangen. Er war völlig mittellos und hatte seine Stelle bei der Zeche verloren. Wortmann überlebte die Nazizeit und starb am 26. September 1962 in Hengsen. Hier und in Opherdicke war er bis weit über sei­nen Tod hinaus als „Erzberger“ bekannt (nach dem 1921 ermordeten Zentrumspolitiker Mathias Erzberger).

Charlotte Temming, Unnaer Straße 1 in Hengsen

Charlotte Temming wurde am 4. April 1903 in Aachen geboren. Nach dem Abitur lernte sie zunächst den Beruf der Goldschmiedin. 1929 heiratete die Jüdin und zog mit ihrem Ehemann nach Dortmund, wo sie sich der Orts­gruppe des „Bundes proletarisch-revolutionärer Schrift­steller“ anschloss und Gedichte veröffentlichte. Nach Hit­lers Regierungsantritt wurde sie verhaftet und kam in die Steinwache. Später wurde sie „wegen Tarnung“ zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt worden, weil sie in ihrer Kennkarte nicht das amtlich vorgeschriebene „J“ eintragen und beim Standesamt ihres Geburtsortes nicht den zusätz­lichen Vornamen „Sara“ beurkunden ließ. Sie begleitete im­mer wieder jüdische Bekannte zum Sammelpunkt in der Steinstraße zur Deportation in die Konzentrationslager. 1943 erhielt sie selbst den Deportationsbefehl, konnte sich im letzten Augenblick dem Zugriff der Gestapo entziehen, tauchte unter und hielt sich mit Hilfe von Freunden bis Kriegsende versteckt. Zum Ende des Krieges lebte sie un­entdeckt bei der Familie des späteren Bürgermeisters Lud­wig Adrian in Hengsen. In den Gedichten, die sie nach dem Kriege publizierte, ging es vor allem um die Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaft sowie die Nöte in der Nachkriegszeit. Sie verstarb 1984 in Dortmund.

(Recherche/Text: Ulrich Reitinger)

Stolpersteine, VHS-Gruppe Spurensuche NS-Opfer


Peter Gräber

Dipl.-Journalist

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