Auch diese Aufnahme fand sich im Archiv der Emschergenossenschaft: Das Bild wurden bei Bauarbeiten am Oberlauf der Emscher in Holzwickede aufgenommen. (Foto: EGLV)

Emschergenossenschaft und Lippeverband arbeiten ihre NS-Vergangenheit auf

Auch diese Aufnahme fand sich im Archiv der Emschergenossenschaft: Das Bild wurden bei Bauarbeiten am Oberlauf der Emscher in Holzwickede aufgenommen. (Foto: EGLV)
Auch diese Aufnahme fand sich im Archiv der Emschergenossenschaft: Das Bild wurden bei Bauarbeiten am Oberlauf der Emscher in Holzwickede aufgenommen. (Foto: EGLV)

Die Emschergenossenschaft und der Lippeverband (EGLV) haben ihre Vergangenheit, insbesondere während der Zeit des Nationalsozialismus, durch Historiker der Ruhr-Universität Bochum wissenschaftlich aufarbeiten lassen. Am Freitag (10.5.) wurden die Ergebnisse auf einem fachspezifischen Symposium in Essen öffentlich vorgestellt und diskutiert. Anfang nächsten Jahres sollen die Ergebnisse auch als Buch vorgestellt werden.

Zwei Jahre lang erforschte ein Team der Professur für Zeitgeschichte die Geschichte von EGLV in der Zeit von 1930 bis 1960. Dabei stand auch die Mitverantwortung für Verbrechen des Nationalsozialismus im Fokus.  Was dabei herausgekommen ist, fasst Prof. Dr. Ulli Paetzel, Vorstandsvorsitzender von Enschergenossenschaft und Lippeverband so zusammen:

Historiker der Ruhr-Universität recherchierten

„Kurzgefasst ist die zentrale Erkenntnis die folgende: Auch Emschergenossenschaft und Lippeverband haben „mitgemacht“ und NS-konform gehandelt. So wurden auf den Baustellen der Verbände Zwangsarbeiter beschäftigt.  Zudem haben die Nachforschungen gezeigt, dass auch in unserem Hause Kolleginnen und Kollegen von rassistischen und politischen „Säuberungsprozessen“ betroffen waren.“

Die Aufarbeitung der eigenen Geschichte, so Paetzel weiter, sei geboten gewesen, da die Forschungslage zur EGLV-Vergangenheit während der NS-Zeit nur sehr unbefriedigend gewesen sei.  Darüber hinaus sei die Aufarbeitung aber auch „vor Hintergrund, dass die demokratische Grundstruktur nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa massiv bedroht wird“ sowie auch als „Bekenntnis zu Freiheit und Demokratie“  geboten gewesen.

Ausgehend von umfangreichen Recherchen in Archiven konnte eine „umfassende Einbeziehung und Mobilisierung von EGLV in die organisierten (Zwangs-)Arbeitswelten des Nationalsozialismus der Vor- bzw. Nachkriegszeit nachgewiesen werden“, die in der Nachkriegszeit aufgrund einer hohen Personalkontinuität weitgehend dethematisiert wurde. Es konnten Dokumente ermittelt werden, die neue und fundierte Erkenntnisse über die Geschichte der EGLV von 1930 bis 1960 ermöglichen:  

Organisation von Arbeit in der NS-Zeit: Zwangsarbeit

So konnte nachgewiesen werden, dass auf Baustellen von EGLV, umfassend zivile ausländische Arbeiter und Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Diese waren nicht beiden Wasserverbänden selbst, sondern bei den von ihnen beauftragten Subunternehmen angestellt. So erklärt sich die offizielle Darstellung, dass für EGLV keine Zwangsarbeiter tätig waren.  Teilweise waren von Emschergenossenschaft und Lippeverband auch  Arbeitslager eingerichtet worden, die von den beauftragten Baufirmen betrieben wurden.

Kontinuität nach 1945: Entnazifizierungsakten

Anhand einzelner Biografien des Führungspersonals der EGLV konnten personelle Brüche und Kontinuitäten vor und nach der Zeit von 1933 bis 1945 untersucht werden. Besonders geeignet waren dazu die Entnazifizierungsakten, wie etwa die des im Jahr 1934 eingesetzten und bis weit in die Nachkriegszeit tätigen EGLV-Baudirektors Alexander Ramshorn. Auch die Einschätzungen der britischen Besatzer und ihre Motivationen, auch „belastete“ Personen auf ihren Stellen zu belassen, konnten mit diesen Dokumenten rekonstruiert werden. In Ramshorns Fall war beispielsweise die Mitgliedschaft in der NSDAP und mehreren ihrer Organisationen bekannt. Aufgrund strategischer Erwägungen der Briten konnte der Baudirektor dennoch im Amt verbleiben, wo er die Geschichte der EGLV in den Nachkriegsjahrzehnten entscheidend prägte.

Umgang mit NS-Vergangenheit: Überlieferungslücken

Auffällig war bei den Recherchen, dass Dokumente aus der NS-Zeit in der internen Überlieferung kaum vorhanden sind. Ob dies mit Bombentreffern auf das Hauptgebäude der Emschergenossenschaft im Herbst 1944 oder einer bewussten Säuberung zusammenhängt, kann nicht abschließend geklärt werden. Die Funde deuten jedoch auf Letzteres hin: So wurde bei Durchsicht zufällig ein Dokument gefunden, das zusammengefaltet in einer sachfremden Projektakte eingeklebt war und eine offizielle Stellungnahme Ramshorns an die Wehrkreisverwaltung über die Anzahl der von EGLV eingesetzten jüdischen und polnischen Kriegsgefangenen bei einem Bauprojekt enthält.  

Das zeigt nicht nur, dass Zwangsarbeiter systematisch eingesetzt wurden, sondern lässt zugleich vermuten, dass eine umfassende „Aktensäuberung“ nach 1945 in den Generalaktenbeständen der EGLV stattgefunden hat.

Ergebnisse erscheinen als Buch

 Dr. Emanuel Grün (Vorstand Wassermanagement und Technische Services der Emschergenossenschaft), Prof. Dr. Constantin Goschler (Ruhr-Universität), Christopher Kirchberg (Ruhr-Universität), Prof. Dr. Uli Paetzel (Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft) und Dr. des. Eva Balz (Ruhr-Universität; von li.) präsentieren eine Gedenktafel, die im Hauptgebäude der beiden Wasserwirtschaftsverbände in Essen angebracht werden soll. (Foto: Rupert Oberhäuser/EGLV)
Dr. Emanuel Grün (Vorstand Wassermanagement und Technische Services der Emschergenossenschaft), Prof. Dr. Constantin Goschler (Ruhr-Universität), Christopher Kirchberg (Ruhr-Universität), Prof. Dr. Uli Paetzel (Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft) und Dr. des. Eva Balz (Ruhr-Universität; von li.) präsentieren eine Gedenktafel, die im Hauptgebäude der beiden Wasserwirtschaftsverbände in Essen angebracht werden soll. (Foto: Rupert Oberhäuser/EGLV)

„Insgesamt zeigen die Forschungsergebnisse, dass das Verhalten der Verbände im Nationalsozialismus nicht ideologisch motiviert, sondern vielmehr von einem Drang nach Selbsterhaltung getrieben war. Dennoch stützte es damit verlässlich die rassistische und gewalttätige Politik des „Dritten Reiches“, fassen Dr. Eva Balz und Christoph Kirchberg aus dem wissenschaftlichen Forschungsteam zusammen.

Emschergenossenschaft und Lippeverband stellen sich ihrer Verantwortung. Daher wollen es die Verbände nicht nur bei diesem Symposium belassen. Im kommenden Jahr ist die Veröffentlichung der Ergebnisse durch das RUB-Team als Buch vorgesehen. Zudem soll ein Schild künftig am Emscher-Haus, der Hauptverwaltung der Verbände im Essener Südviertel, auf die Taten während der NS-Zeit hinweisen. Ein im Gebäude befindliches Porträt von Alexander Ramshorn soll mit einer einordnenden Kommentierung versehen werden. „Das Porträt wird nicht entfernt, sondern eingeordnet, als Mahnung für die Nachwelt“, so Paetzel. Darüber hinaus überlegen Emschergenossenschaft und Lippeverband zurzeit unter engagierter Beteiligung der gesamten Belegschaft, wie im Verbandsgebiet an die NS-Vergangenheit erinnert werden kann, bspw. an entsprechenden Stellen entlang der Emscher und mittels Kunstprojekten.

EGLV


Peter Gräber

Dipl.-Journalist

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