Die Hoffnung stirbt zuletzt – aber Holzwickeder Tafel bleibt geschlossen

Vorstand der Tafel Kreis Unna, v.li.: Patricia Westermann, Roland Lutz, Ulrike Trümper und Helge Rosenstengel. (Foto: P. Gräber - Emscherblog.de)
Vorstand der Tafel Kreis Unna, v.li.: Patricia Westermann, Roland Lutz, Ulrike Trümper und Helge Rosenstengel. (Foto: P. Gräber - Emscherblog.de)
Vorstand der Tafel Kreis Unna, v.li.: Patricia Westermann, Roland Lutz, Ulrike Trümper und Helge Rosenstengel. (Foto: P. Gräber – Emscherblog.de)

Die wichtigste Nachricht für die Holzwickeder Bedürftigen vorweg: Die Ausgabestelle der Tafel in Holzwickede wird am kommenden Mittwoch (9. Januar) allenfalls noch einige Restbestände an Lebensmittel ausgeben können. Danach bleibt die Ausgabestelle in Holzwickede wie angekündigt bis mindestens März geschlossen.

Das bestätigte heute (4. Januar) noch einmal der Vorstand der Tafel im Kreis Unna in einem Pressegespräch. Wegen seiner Entscheidung, die vier Ausgabestellen der Tafeln in Holzwickede, Fröndenberg, Bönen und Unna-Massen bis voraussichtlich März zu schließen, sieht sich der Vorstand zunehmend unter öffentlichem Druck. Allerdings verteidigen die Vorsitzende Ulrike Trümper und ihr Stellvertreter Roland Lutz den einstimmigen Vorstandsbeschluss aus der Woche vor Weihnachten. Durch den Wegfall einer Vielzahl von Stellen, die von der Arbeitsagentur und dem Kreis Unna im Rahmen des „Soziale-Teilhabe-Programms“ gefördert wurden, kann die Unnaer Tafel ihre Arbeit nicht mehr in gewohntem Umfang fortsetzen.

Sechs neue Ein-Euro-Kräften zugewiesen

„Wir sind vorher 40 Mitarbeiter hier gewesen, derzeit sind wir nur noch 18 Leute“, erklärt Ulrike Trümper. „Mit diesem Bruchteil der bisherigen Arbeitskräfte können wir den organisatorischen und verwaltungstechnischen Aufwand der Akquise, Sortierung und Verteilung von Lebensmitteln einfach nicht mehr leisten.“

Zwar hat erst heute Morgen der Geschäftsführer des Jobcenters Kreis Unna, Uwe Ringelsiep, in einem Gespräch dem Vorstand der Tafeln Unna ganz aktuell weitere sechs Zuweisungen von „Ein-Euro-Kräften“ (Arbeitsgelegenheiten nach AGH) angekündigt. Damit wären es dann 24 Arbeitskräfte in Unna. „Doch das hilft uns auch nicht entscheidend weiter“, betont Ulrike Trümper. „Denn es ist schon jetzt klar, dass die sechs neuen Arbeitskräfte nur drei bis höchstens neun Monate bei uns bleiben können.“

Wie lange genau, hängt davon ab, wie oft und wie lange jemand schon woanders gejobbt habe. „Wenn wir Pech haben, haben wir die Leute also gerade eingearbeitet und schon müssen sie wieder weg.“ Außerdem sei völlig offen, wie belastbar die zugewiesenen Kräfte sind, wenn sie denn überhaupt kommen. „Nicht jeder ist der schweren körperlichen Arbeit gewachsen. So eine Kiste Orangen wiegt schon mal 25 kg. Die kann nicht jeder so leicht heben.“

Arbeitskräfte nach §16 SGB II kommen für die Tafel nicht in Frage, da jede Stelle mitfinanziert werden muss, so die Geschäftsführerin. Die Tafel ist deshalb, abgesehen natürlich von Ehrenamtlichen, ganz auf Ein-Euro-Kräfte angewiesen.

Vorstand verteidigt Entscheidung

Von den derzeit 18 Arbeitskräften bei der Tafel sind allein schon zwölf gebunden, um die sechs Kühlwagen zu besetzen, mit denen die Lebensmittel geholt und auf die Zentrale in Unna und die größeren Ausgabestellen verteilt werden. „Diese Mitarbeiter fahren aber nicht nur oder können einfach ein- und ausladen“, wie Roland Lutz erläutert. „In der Regel müssen die Waren zunächst erst aus dem Lager geholt, ausgepackt und aus- bzw. vorsortiert werden. Wir haben erst heute Morgen einen Anruf von Aldi bekommen, dass wir dort die gesamte Tiefkühlkost übernehmen können. Da mussten unsere Leute erst alle Tiefkühltruhen ausräumen. Das nimmt viel Zeit in Anspruch.“ Immerhin gibt es kreisweit 58 Geschäfte, von denen Ware geholt wird, und neun Tafel-Ausgabestellen.
Die verbliebenen wenigen Mitarbeiter in der Zentrale müssen dort alle anderen anfallenden Arbeiten stemmen: vom Sortieren über die Verteilung bis zur Ausgabe, wobei die Tafel etlichen behinderten Kunden auch die Lebensmittel nach Hause liefern.

Dass der Vorstand nun für seine unpopuläre Entscheidung kritisiert wird, die vier kleineren Ausgabestellen bis voraussichtlich März zu schließen, empfinden die Verantwortlichen als „sehr ungerecht“. „Wir bedauern vor allem im Sinne der betroffenen Tafel-Kunden, aber auch der engagierten Ehrenamtler in den vier Ausgabestellen sehr, diese Entscheidung treffen zu müssen. Aber wir müssen im Interesse des gesicherten Fortbestandes der Gesamttafel im Kreis Unna zurückfahren“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung des Vorstandes.

Offen für provisorische Lösungen

Die vier kleineren Ausgabestellen seien ausgewählt worden, weil die Logistik in den größeren Ausgabestellen wie Bergkamen einfacher zu handhaben ist, „Da können unsere Leute die Ware einfach ab stellen und sofort wieder wegfahren“, meint Ulrike Trümper.

Selbstverständlich sei der Vorstand für „kleine“ Lösungen offen, mit denen nun versucht wird, in Holzwickede und den anderen Orten die Vergabestrukturen wenigstens vorübergehend aufrechtzuerhalten. Allerdings sind dabei auch einige wichtige Voraussetzungen zu berücksichtigen, betont der Vorstand:

Die Tafel im Kreis Unna hat nur eine Überlebenschance, wenn sie die Gesamtkoordination behält. Alle Vor-Ort-Kleinlösungen können deshalb nur einen „Überbrückungscharakter“ haben.

„Wir leben als Tafel vom Vertrauen in unsere Verlässlichkeit, Struktur und Organisation“, erinnert Helge Rosenstengel von der Dr. Jürgen-Gesling-Stiftung, die Träger der Tafel-Immobilie in Unna ist. „Dieses Vertrauen dürfen wir nicht verspielen und kann dauerhaft von Kleinlösungen nicht gesichert werden.“ Das betrifft insbesondere die Logistik, die Akquise der Lebensmittel, die Strukturen der Vergabe, aber auch Spendenakquise, rechtliche Vorgaben wie Vereinsstruktur und Regionalsicherung, die zuverlässige Einhaltung rechtlicher Vorgaben wie Hygiene- und Arbeitsschutzvorschriften) und nicht zuletzt die Nachhaltigkeit.

Verlässliche Struktur und Organisation nötig

Aus Sicht der Tafel Unna ist es deshalb auch keine praktikable Lösung, wenn etwa die Helfer der Ausgabestelle Holzwickede nach Unna fahren, dort die Lebensmittel abholen, um sie anschließend in Holzwickede wie gewohnt zu verteilen. „Dazu müssten die Holzwickeder hier anrücken und helfen, zunächst die Lebensmittel abzuholen und anschließend hier zu sortieren und dann umzuladen“, sagt Ulrike Trümper. „In Holzwickede sind aber alles ehrenamtliche Helfer, die meisten davon schon über 70 Jahre alt. Denen können wir doch nicht vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben.“

Zudem seien private Fahrzeuge auch gar nicht zum ordnungsgemäßen Lebensmitteltransport geeignet. Die Kühlkette könne mit ihnen nicht aufrechterhalten werden. Außerdem sei es auch gar nicht so einfach, eine Palette Jogurt im Kofferraum unversehrt zu transportieren. Und schließlich: „Was glauben Sie, was hier los wäre, wenn ein privates Fahrzeug mit Lebensmittel vollgeladen wird und dann wegfährt. Die Leute sehen das doch und regen sich auf. So etwas haben wir schon mal erlebt hier.“

Vorschlag: Busdienst für Bedürftige

Der Tafel-Vorstand will stattdessen mit allen vier Ausgabestellen darüber sprechen, ob sich durch die Verbindung von ehrenamtlichem Engagement, lokaler politischer Unterstützung und weiterer bürgerschaftlicher Hilfe nicht andere provisorische Versorgungsstrukturen aufrechterhalten lassen.
Die Bedürftigen aus den Holzwickede und den drei anderen betroffenen Kommunen könnten ihre Lebensmittel in Unna abholen, bietet der Vorstand an.

Wenn das nicht möglich ist, so ein weiterer Vorschlag, könnte vielleicht von Holzwickede aus ein Busdienst eingerichtet werden, der die Tafel-Kunden nach Unna bringt. „Die vier Ausgabestellen sollen ja nicht fallen gelassen werden“, versichert Helge Rosenstegel. Wenn sich die Situation, wie von Landrat Michael Makiolla in Aussicht gestellt, ab März tatsächlich etwas entspannt, dürfte das die Kommunen auch sicher nicht finanziell überfordern. „Die Ehrenamtlichen aus Holzwickede könnten ja auch gleich mit nach Unna kommen, um hier die Ware auszugeben. Die kennen ja ihre Leute am besten“, findet Ulrike Trümper Gefallen an diesem Vorschlag.

Tafel


Peter Gräber

Dipl.-Journalist

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