Die Geschichte von einem Mercedes, den keiner haben will

Der Mercedes, mit dem die drei Angeklagten auf Diebestour waren, steht seit der Tat am 8. Mai noch immer auf dem Parkplatz vor dem Rewe-Markt. (Foto: Peter Gräber)
Dieser Mer­cedes, den keiner haben will, steht ver­mut­lich noch sehr lange auf dem Park­platz vor dem Aldi-Markt an der Steh­fen­straße. (Foto: Peter Gräber)

Dies ist die Geschichte eines soliden Mer­cedes Pkw, den nie­mand haben will, obwohl er silber-metallic glän­zend noch recht schick daher kommt und auch einen beträcht­li­chen vier­stel­ligen Wert hat. Ver­mut­lich weil das Auto eine Geschichte hat.

Der Mer­cedes steht seit Anfang Mai 2014, also gut ein­ein­halb Jahren, auf dem Park­platz vor dem Aldi an der Steh­fen­straße. Ange­reist waren mit ihm drei gewerbs­mä­ßige Laden­diebe, die mit der Limou­sine durch die Lande fuhren, um zu stehlen. Nachdem sie auch im Rewe-Markt gegen­über dem Aldi beim Klauen erwischt worden waren, wurde ihr Auto, besagter Mer­cedes, durch­sucht. Gefunden wurden darin Hun­derte Fla­schen Shampoo und etliche Pakete Nes­cafe im Gesamt­wert von rund 500 Euro, die sie aus dem Rewe gestohlen hatten.

In der Gerichts­ver­hand­lung, über die der Emscher­blog berich­tete, spielte der Mer­cedes eine wich­tige Rolle. Denn hätten die Ermittler her­aus­ge­funden, wem das Auto gehört, wäre ihnen wahr­schein­lich damit auch der Nach­weis gelungen, dass hinter den rei­senden Laden­dieben eine regel­rechte Mafia im Her­kunfts­land der Ange­klagten steht. In der Ver­hand­lung schwieg der Haupt­an­ge­klagte zu dieser Frage jedoch eisern, ver­mut­lich aus Angst um sein Leben oder das seiner Fami­li­en­an­ge­hö­rigen in Geor­gien. Wem das Auto gehört, das er bei seinen Die­bes­touren gefahren hat, wisse er nicht, beteu­erte er vor Gericht: Den Mer­cedes habe er im Auf­trag eines Kum­pels aus Geor­gien gekauft, um ihn bei seiner Heim­reise nach Geor­gien mit­zu­nehmen. Das Geld für den Kauf des Autos habe sein Kumpel ihm nach Deutsch­land geschickt.

Man sollte nun meinen, dass es für die Polizei doch ein Leichtes sei, fest­zu­stellen, wem ein Auto gehört. Weit gefehlt. Der Mer­cedes wurde näm­lich auf einem der größten Trödel-Märkte Europas, dem Auto­kino-Markt in Essen, gekauft. Dieser Markt ist dafür bekannt, dass man prak­tisch alles auf ihm kaufen und ver­kaufen kann – immer in bar und meist ohne Quit­tung.

Klar ist des­halb nur, wer den Mer­cedes gekauft und gefahren hat, nicht wem er gehört. Denn das Fahr­zeug ist nicht zuge­lassen worden, wurde nur mit einem Über­füh­rungs­kenn­zei­chen gefahren.

Warum sich niemand für den Mercedes interessiert

Nach dieser Vor­ge­schichte dürfte klar sein: Der Halter des Mer­cedes hat natür­lich kein Inter­esse, seine Eigen­tums­an­sprüche gel­tend zu machen oder sein Fahr­zeug abzu­holen. Die Polizei inter­es­siert der Mer­cedes aller­dings auch nicht mehr, da es 1. aus­sichtslos ist, den Halter ermit­teln zu wollen und 2. das inzwi­schen nicht mehr ange­mel­dete Auto sauber geparkt auf einem Pri­vat­park­platz steht.

Aus diesem Grund ist auch die Gemeinde Holzwickede aus dem Spiel. Da der Mer­cedes nicht im öffent­li­chen Ver­kehrs­raum steht, darf das Ord­nungsamt nicht ein­greifen. Und selbst wenn es dürfte, würde das Ord­nungsamt wohl nicht tätig. Denn auf den nicht uner­heb­li­chen Kosten für das Abschleppen würde die Gemeinde sitzen bleiben. Es gibt ja keinen Eigen­tümer, an den man sich schadlos halten könnte. Darum ist auch das anson­sten recht scharfe Schwert einer Beschlag­nahme des Fahr­zeuges im Wege der Ersatz­vor­nahme stumpf.

Das Auto ent­fernen lassen könnte natür­lich Aldi. Doch ver­mut­lich hat der Dis­ko­unter den dau­er­par­kenden Mer­cedes vor dem Markt über­haupt noch nicht wahr­ge­nommen. Und selbst wenn: Auch Aldi müsste das Auto schließ­lich auf eigene Kosten ent­sorgen.

Oben­drein läuft jeder, der den Mer­cedes anrührt, auch noch Gefahr, für mög­liche Schäden an ihm haftbar gemacht zu werden. Doch das ist nur eine theo­re­ti­sche Mög­lich­keit, denn dazu müsste sich ja der Eigen­tümer melden.

Weil das unan­ge­mel­dete Auto auf dem großen Park­platz offenbar nie­manden stört, ist des­halb die wahr­schein­lichste Mög­lich­keit, dass der schicke Mer­cedes auch näch­stes Jahr um diese Zeit noch am selben Platz steht.

Immerhin wissen Sie jetzt warum.

Ladendiebe, Mercedes


Peter Gräber

Dipl.-Journalist

Comments (2)

  • Eine trau­rige Geschichte. Hat schon mal jemand über unser Fund­recht nach­ge­dacht? Kann man das Auto als Fund­sache behan­deln? Wenn sich der Eigen­tümer nicht meldet, hätte man einen juri­stisch sau­beren Eigen­tums­er­werb. Aber kann man ein Auto auf einem öffent­li­chen Park­platz „finden“?

    • Ein inter­es­santer Ansatz. Zumal die „Fund­sache“ nach einem gewissen Zeit­raum in das Eigentum des „Fin­ders“ über­gehen würde, falls sich der wahre Eigen­tümer nicht meldet. Wo wohl das Fund­büro der Gemeinde diese „Fund­sache“ zwi­schen­la­gern würde? Pro­bieren Sie’s doch ein­fach mal 😉

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