Vor genau 115 Jahren wurde die Emschergenossenschaft gegründet: Emscher wird heute wieder zum Leben erweckt

Die Gründungsväter der Emschergenossenschaft. Vorne rechts, sitzend: Wilhelm Middeldorf, der Konstrukteur des Emschersystems. (Quelle: Archiv Emschergenossenschaft)

Die Grün­dungs­vä­ter der Emscher­ge­nos­sen­schaft. Vor­ne rechts, sit­zend: Wil­helm Mid­del­dorf, der Kon­struk­teur des Emscher­sy­stems. (Quel­le: Archiv Emscher­ge­nos­sen­schaft)

Auf Heu­te auf den Tag genau vor Vor 115 Jah­ren, am 14. Dezem­ber 1899, wur­de die Emscher­ge­nos­sen­schaft gegrün­det. Die Geburts­stun­de von Deutsch­lands erstem Was­ser­wirt­schafts­ver­band war eine Zwangs­ent­schei­dung – aber eine, die das Über­le­ben die­ser Regi­on gesi­chert hat. Um den Abwas­ser­miss­stand in den Griff zu bekom­men, bau­te die Emscher­ge­nos­sen­schaft das Emscher-System von Grund auf um. Der Fluss Emscher und sei­ne Neben­bä­che haben die Regi­on seit­dem maß­geb­lich geprägt. Über Jahr­zehn­te gehör­ten die zu offe­nen Schmutz­was­ser­läu­fen umge­stal­te­ten Gewäs­ser zum Städ­te­bild dazu. Doch mitt­ler­wei­le ist die­ses Bild dabei, sich wie­der zu ver­än­dern. Ein­mal mehr baut die Emscher­ge­nos­sen­schaft das Emscher-System um: Doch die­ses Mal wird das Abwas­ser unter die Erde ver­bannt, aus den „Köt­tel­becken“ wer­den wie­der blaue Flüs­se mit grü­nen Ufern.

Es war im Bochu­mer Stän­de­haus, als sich die dama­li­gen Stadt- und Land­krei­se des Ruhr­ge­bie­tes zwi­schen Dort­mund und Duis­burg zur Emscher­ge­nos­sen­schaft zusam­men­schlos­sen. Eine feder­füh­ren­de Rol­le bei der Grün­dung über­nahm der Esse­ner Ober­bür­ger­mei­ster Erich Zwei­gert, der sich das „Emscher­re­gu­lie­rungs­pro­jekt“ auf sei­ne Fah­nen schrieb. Reprä­sen­tan­ten der gro­ßen Berg­werks­ge­sell­schaf­ten wie Hiber­nia oder der Gel­sen­kir­che­ner Berg­werks AG waren eben­falls unter den Grün­dungs­mit­glie­dern und auch heu­te noch ist der Berg­bau größ­tes Ein­zel­mit­glied der Emscher­ge­nos­sen­schaft. Dazu kom­men heu­te wei­te­re gewerb­li­che und indu­stri­el­le Unter­neh­men, die ihre Abwäs­ser in die Emscher ein­lei­ten.

Emscherproblem: Typhus und Cholera breiteten sich aus

Der Zusam­men­schluss zur Emscher­ge­nos­sen­schaft geschah auf Geheiß des Staa­tes, nach­dem die Ver­su­che der jewei­li­gen Städ­te, das „Emscher-Pro­blem“ in den Griff zu bekom­men geschei­tert waren. Die­ses „Emscher-Pro­blem“ sah wie folgt aus: Mit der Indu­stria­li­sie­rung lie­ßen sich zahl­rei­che Fabri­ken im Emscher­ge­biet nie­der. Nicht nur die­se Unter­neh­men pro­du­zier­ten reich­lich Was­ser, son­dern auch die Haus­hal­te der zah­len­mä­ßig dra­stisch gestie­ge­nen Bevöl­ke­rung in die­ser Regi­on. Wäh­rend man anders­wo in solch einem Fall Abwas­ser­ka­nä­le gebaut hät­te, war dies Ende des 19. Jahr­hun­derts an der Emscher auf­grund des Koh­le­ab­baus nicht mög­lich: Wegen der Berg­sen­kun­gen wären unter­ir­di­sche Abwas­ser­ka­nä­le beschä­digt wor­den.

Also wur­de alles Schmutz­was­ser in die Emscher und ihre Neben­ar­me ein­ge­lei­tet. Doch schon bald war die­ses eigen­wil­li­ge und durch ein ohne­hin schwa­ches Gefäl­le gekenn­zeich­ne­te Fluss­sy­stem völ­lig über­for­dert und ufer­te immer wie­der aus. Gan­ze Stadt­tei­le stan­den nahe­zu stän­dig unter Was­ser, auf­grund der Fäka­li­en im Was­ser brei­te­ten sich auch Krank­hei­ten wie Typhus und Cho­le­ra schnell aus. Lösun­gen muss­ten her. Doch die Städ­te schei­ter­ten, denn Was­ser macht an Stadt­gren­zen nun ein­mal nicht Halt. Um das Kirch­turm­den­ken in den Rat­häu­sern zu über­win­den, wur­de Deutsch­lands erster Abwas­ser­ver­band nach dem Prin­zip der Genos­sen­schaft gegrün­det: Jeder bringt etwas ein, damit alle davon pro­fi­tie­ren.

Jeder bringt etwas ein, damit alle profitieren

Die­ses Prin­zip gilt übri­gens bis heu­te. „Auch im 115. Jahr der Grün­dung steht die Emscher­ge­nos­sen­schaft für eine moder­ne, nach­hal­ti­ge Was­ser­wirt­schaft – in enger Koope­ra­ti­on mit der Indu­strie, den kom­mu­na­len Mit­glie­dern und unse­ren regio­na­len Part­nern“, sagt Dr. Jochen Stem­plew­ski, der die Geschicke des Ver­ban­des seit 1992 als Vor­stands­vor­sit­zen­der lei­tet.

In den ersten Jah­ren nach der Grün­dung galt es, die Abwas­ser­mas­sen in den Griff zu bekom­men. Da der Bau unter­ir­di­scher Kanä­le auf­grund des Berg­baus nicht mög­lich war, opfer­te man schließ­lich das Emscher-System und bau­te es zu einem Netz offe­ner Schmutz­was­ser­läu­fe um: Die Gewäs­ser wur­den in ein Kor­sett aus Beton ein­ge­zwängt. Dei­che wur­den errich­tet und Pump­wer­ke wur­den gebaut, um die durch den Berg­bau ver­ur­sach­ten Polderge­bie­te (abge­sack­te Stadt­tei­le) zu über­win­den. Um das Über­le­ben des Ruhr­ge­bie­tes zu sichern, ließ die Emscher sprich­wört­lich ihr Leben.

Mitt­ler­wei­le jedoch haben sich die Rand­be­din­gun­gen geän­dert. Seit der Nord­wan­de­rung des Berg­baus Ende der 1980er-Jah­re sind auch kei­ne Berg­sen­kun­gen mehr zu befürch­ten, so dass nun auch unter­ir­di­sche Abwas­ser­ka­nä­le gebaut wer­den kön­nen. Seit 1992 plant und setzt die Emscher­ge­nos­sen­schaft den Emscher-Umbau um. Jedes Gewäs­ser erhält ein unter­ir­di­sches Pen­dant, durch das die Abwäs­ser zu den Klär­an­la­gen abge­lei­tet wer­den. Die ober­ir­di­schen Bäche sind damit abwas­ser­frei und kön­nen anschlie­ßend natur­nah umge­baut wer­den: Die Beton­sohl­scha­len wer­den ent­fernt, die Böschun­gen wei­ter und viel­sei­ti­ger gestal­tet. Dort, wo der Platz es zulässt, erhal­ten die einst tech­nisch begra­dig­ten Flüs­se wie­der einen kur­ven­rei­che­ren Ver­lauf.

Alte Emscher-Klär­an­la­ge 1951
Alte Emscher-Kläranlage 1951
Die alte Emscher-Klär­an­la­ge an der Rausin­ger Stra­ße im Jahr 1951. (Quel­le: Archiv Emscher­ge­nos­sen­schaft)
« 1 von 5 »

Emscherpark im Herzen Holzwickedes wurde umgestaltet

Im Gebiet der Quell­ge­mein­de Holzwicke­de brach­te der Emscher-Umbau bis­lang reich­lich Posi­ti­ves mit sich. Es ent­stan­den nicht nur Rück­hal­te­becken zur Ver­bes­se­rung des Hoch­was­ser­schut­zes. Von 2009 bis 2010 „reno­vier­te“ die Emscher­ge­nos­sen­schaft gewis­ser­ma­ßen den Emscher­park im Her­zen der Gemein­de. Der begra­dig­te Emscher­lauf im Park wur­de auf­ge­ho­ben, ver­rohr­te Strecken der Emscher im Bereich der Kirch­stra­ße wur­den wie­der offen gelegt. In Koope­ra­ti­on mit der Gemein­de wur­den außer­dem im Park unter ande­rem zusätz­li­che Wege und eine Bou­le­bahn gebaut. Dar­über hin­aus ent­stan­den neue Beleuch­tun­gen und Sitz­bän­ke, die die Auf­ent­halts­qua­li­tät im Emscher­park seit­dem deut­lich erhö­hen.

Die Poten­zia­le des Emscher-Umbaus stüt­zen die Emscher-Regi­on und üben einen posi­ti­ven Ein­fluss auf die regio­na­le Ent­wick­lung aus – durch die Schaf­fung von Arbeits­plät­zen, durch die Ver­bes­se­rung der Frei­zeit- und Lebens­qua­li­tät und durch viel­fäl­ti­ge Bil­dungs- und Kul­tur­ange­bo­te“

Dr. Jochen Stem­plew­ski (Vor­stands­vor­sit­zen­der der Emscher­ge­nos­sen­schaft)

Der Emscher-Umbau dau­ert bis 2020. Über einen Zeit­raum von 30 Jah­ren inve­stiert die Emscher­ge­nos­sen­schaft ins­ge­samt 4,5 Mil­li­ar­den Euro. Seit Beginn der 90er-Jah­re wur­den bis heu­te bereits rund drei Mil­li­ar­den Euro aus­ge­ge­ben. Rund 285 von ins­ge­samt 400 Kanal­ki­lo­me­tern sind bis­lang ver­legt wor­den, knapp 125 von 350 Kilo­me­tern an Gewäs­ser­läu­fen wur­den schon öko­lo­gisch ver­bes­sert. „Die Poten­zia­le des Emscher-Umbaus stüt­zen die Emscher-Regi­on und üben einen posi­ti­ven Ein­fluss auf die regio­na­le Ent­wick­lung aus – durch die Schaf­fung von Arbeits­plät­zen, durch die Ver­bes­se­rung der Frei­zeit- und Lebens­qua­li­tät und durch viel­fäl­ti­ge Bil­dungs- und Kul­tur­ange­bo­te“, sagt Dr. Jochen Stem­plew­ski.

Die ersten 24 km sind bereits komplett abwasserfrei

Der Ober­lauf der Emscher und ihre Neben­läu­fe in Dort­mund sind bereits seit Anfang 2010 auf einer Län­ge von etwa 24 Kilo­me­ter kom­plett abwas­ser­frei – und heu­te wei­test­ge­hend bereits rena­tu­riert, eben­so auch die frü­he­ren Emscher-Arme Alte Emscher und Klei­ne Emscher im Raum Duis­burg.

Das Herz­stück des Emscher-Umbaus ist der Abwas­ser­ka­nal Emscher (AKE), der nach 2017 das Schmutz­was­ser aus den Zufluss­ka­nä­len auf­nimmt. Der Spa­ten­stich für den AKE ist bereits im Sep­tem­ber 2009 erfolgt, der­zeit läuft der Haupt­bau. 51 Kilo­me­ter lang wird er sein und von Dort­mund bis nach Dins­la­ken füh­ren. Der Abwas­ser­ka­nal wird aus Stahl­be­ton-Kanal­roh­ren mit Innen­durch­mes­sern zwi­schen 1,60 und 2,80 Meter bestehen. In zehn bis 40 Metern Tie­fe fließt das Abwas­ser mit einer Geschwin­dig­keit von vier Kilo­me­tern in der Stun­de. Ein­mal in Betrieb genom­men wird der Abwas­ser­ka­nal tren­nen, was nicht zusam­men gehört: Sau­be­res Fluss- und Regen­was­ser wird offen in und durch die Emscher flie­ßen, das Abwas­ser dage­gen unter­ir­disch im Kanal trans­por­tiert. Aus dem ein­sti­gen Hin­ter­hof des Reviers wird sein neu­er Vor­gar­ten.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.