Rettet den Breitblättrigen Stendelwurz – vor dem populistischen Blödsinn

Vom NABU zur Orchidee des Jahres 2006 erklärt: der Breut­blätt­riger Sten­del­wurz
(Epi­pactis hellebo­rine). (Foto: BerndH by CC 3.0)

Es ist wirk­lich nicht zu fassen, wel­cher Blöd­sinn schon bei der Stand­ort­suche für die neue Kin­der­ta­ges­stätte ver­zapft worden ist. Jüng­stes Bei­spiel: die Kam­pagne der Initia­tive Pro Park. Nachdem die selbst­er­nannten Park­wächter inzwi­schen gemerkt haben dürften, dass ihr unsäg­li­ches Bür­ger­be­gehren gegen den Rats­be­schluss nächste Woche, der das Bau­recht schaffen soll, ins Leere läuft, sprießt plötz­lich der Breit­blätt­rige Sten­del­wurz in den intel­lek­tu­ellen Wüsten­ge­bieten Holzwickedes.

Was ist da nicht alles schon für ein Schwachfug, vor­nehm­lich in den sozialen Medien, ver­breitet worden, um die Wiese ober­halb der Mul­tisport­an­lage zum ein­zig­ar­tigen Natur­schutz-Biotop zu sti­li­sieren: Mal wird der Bau der Kita mit einem Bank­über­fall gleich­ge­setzt, mal heißt es, jeder Angriff auf den Breit­blätt­rigen Sten­del­wurz sei eine Straftat, wes­halb die Kin­der­ta­ges­stätte auf gar keinen Fall in diesem öko­lo­gi­schen Kleinod gebaut werden darf, mal wird ange­droht, über das Vor­kommen dieser wilden Orchi­de­enart mit einer Art Bür­ger­wehr zu wachen.

Ja, geht’s noch!

Dabei würde allein schon der gesunde Men­schen­ver­stand aus­rei­chen, um zu erkennen, welch gei­stigen Dünn­pfiff da manche selbst­er­nannten Park­wächter von sich geben: Wäre der Breit­blätt­rige Sten­del­wurz tat­säch­lich so streng geschützt, wie es uns einige Öko-Popu­li­sten weis­ma­chen wollen, könnte wohl kein ein­ziges Bau­pro­jekt mehr in Holzwickede rea­li­siert werden. Und wäre es tat­säch­lich in jedem Fall eine Straftat, den Breit­blätt­rigen Sten­del­wurz zu ver­nichten, säßen wohl alle Land­wirte der Gemeinde längst hinter Git­tern.

Gott sei Dank ist es nicht so, wie es die Initia­tive Pro Park gerne hätte.

Orchideen streng geschützt

Richtig ist: Der Breit­blätt­rige Sten­del­wurz ist tat­säch­lich wie alle wilden Orchi­deen durch das Bun­des­na­tur­schutz­ge­setz (BNatSchG) streng geschützt.

Richtig ist aber auch: Der Breit­blätt­rige Sten­del­wurz ist die am häu­fig­sten vor­kom­mende Orchi­de­enart in Deutsch­land. Er gilt sogar als typi­sche Orchidee der Städte, weil er in dem durch Men­schen kul­ti­vierten Lebens­raum offenbar sehr gut zurecht­kommt. Der lokale Orchi­deen-Experte, auf den sich die selbst­er­nannten Park­hüter berufen und der sich auch selbst schon öffent­lich zu Wort gemeldet hat, konnte allein im Orts­kern von Holzwickede über 1 300 Stand­orte dieser wilden Orchi­de­enart nach­weisen. Der Breit­blätt­rige Sten­del­wurz blüht in den Rabatten rund um den Markt­platz ebenso wie in etli­chen Vor­gärten Holzwickeder Bürger und mög­li­cher­weise auch im Emscher­park.

Von einer sel­tenen Orchi­de­enart kann also gar keine Rede sein. Trotzdem ist der Breit­blätt­rige Sten­del­wurz nach § 44 Abs. 1 und 2 des Bun­des­na­tur­schutz­ge­setzes (BNatSchG) streng geschützt und das muss ernst genommen werden.

Was bedeutet dieser Schutz­status nun?

Was für schlichte Gemüter, die nur Schwarz oder Weiß, Ja oder Nein, Richtig oder Falsch kennen, offenbar nur schwer zu begreifen ist: Es gibt ver­schie­dene Abstu­fung von Arten­schutz und Schutz­arten. Man kann es gut finden oder nicht, doch der all­ge­meine Arten­schutz, unter den auch der Breit­blätt­rige Sten­del­wurz fällt, reicht nicht beson­ders weit. „Streng geschützt“ bedeutet im Grunde nur, dass diese Orchi­de­enart nicht mut­willig her­aus­ge­rissen oder gesam­melt werden darf.

Es heißt nicht, dass das Vor­kommen dieser Orchi­de­enart den Bau einer Kin­der­ta­ges­stätte ver­hin­dern kann. Der Breit­blätt­rige Sten­del­wurz ist nun mal kein Juch­ten­käfer und die „Hun­de­kack­wiese“ kein öko­lo­gi­sches Kleinod.

Was Letz­teres angeht: Bevor sich nun wieder das Geschrei popu­li­sti­scher Park­wächter erhebt, emp­fehle ich allen, die mit dieser Bezeich­nung nicht ein­ver­standen sind, ein- oder zweimal quer über die Wiese zu laufen, bevor sie sich zum Thema melden.

Klare gesetzliche Regelung

Was aber den Schutz­status des Breit­blätt­rigen Sten­del­wurz angeht, emp­fehle ich einen Blick in die FFH-Richt­li­nien (Fauna, Flora, Habitat) der Euro­päi­schen Union, die der euro­pa­weite Maß­stab für den Arten­schutz sind.

Auch der § 44 Abs. 1 und 2 des BNatSchG ver­weist als bun­des­weit gül­tige Rechts­norm auf die FFH-Richt­li­nien und dort ange­legte Arten­liste. Aller­dings steht in § 44 BNatSchG auch aus­drück­lich for­mu­liert, warum der Breit­blätt­rige Sten­del­wurz eben nicht unter das all­ge­meine Besitz-, Zugriffs- und Ver­mark­tungs­verbot fällt. Kurz gesagt: Weil diese Orchi­de­enart nicht im Anhang IV Buch­stabe b der Richt­linie 92/​43/​EWG auf­ge­li­stet ist. Der Arten­schutz greift darum auch nicht bei Bau­vor­haben oder land- und forst­wirt­schaft­liche Tätig­keiten.

Nach­zu­lesen und öffent­lich zugäng­lich ist das alles im Internet – wenn man es nur wissen will. Doch genau das ist das Pro­blem mit diesem neu­mo­di­schen Internet: Man kann zwar alles darin finden, was man wissen will. Nur wollen offenbar immer weniger Men­schen etwas wissen. Warum sich auch die Mühe machen, wenn man ersatz­weise eine Mei­nung haben kann, die man ebenso ver­ant­wor­tungs- wie fol­genlos ein­fach mal im Netz her­aus­hauen kann. Aus einem sol­chen Mix von fun­diertem Halb­wissen, Igno­ranz und ideo­lo­gi­schem Sen­dungs­be­wusst­sein, gepaart mit Chuzpe ist der Humus beschaffen, auf dem der aktu­elle Popu­lismus gedeiht.

Artenschutz ist wichtig

Um nicht falsch ver­standen zu werden: Arten­schutz ist wichtig und unbe­dingt not­wendig. Er ist auch nicht fol­genlos und darf des­halb nicht igno­riert werden. Die Gemeinde hat das auch nicht getan und bei­spiels­weise die im öffent­li­chen Ver­fahren zur Auf­stel­lung eines Bebau­ungs­planes vor­ge­schrie­bene Umwelt­ver­träg­lich­keits­prü­fung vor­nehmen lassen. Dabei wurde auch das Bau­feld der geplanten Kin­der­ta­ges­stätte von Fach­leuten besich­tigt. Diese haben – die eigent­liche Pointe – gar keinen Breit­blätt­rigen Sten­del­wurz auf dem Standort gefunden. Es hat auch keine ein­schlä­gigen Bedenken oder Anre­gungen bei der öffent­li­chen Betei­li­gung im Ver­fahren gegeben.

Prompt fühlt sich nach Abschluss dieses Ver­fah­rens nun ein lokaler Orchi­deen-Experte in seiner bota­ni­schen Ehre gekränkt, weil er sogar nach der Mahd durch die Gemeinde noch ein nie­der­ge­machtes Exem­plar auf der Wiese im Park ent­deckt haben will. Selbst wenn das stimmt, hätte es zwar kei­nerlei Bedeu­tung für den Bau der Kin­der­ta­ges­stätte, wie wir inzwi­schen wissen. Trotzdem wird sich der nächste Gemein­derat mit seiner Bür­ger­an­re­gung zum Schutz der Orchi­deen beschäf­tigen.

Was vor dem dar­ge­stellten Hin­ter­grund von der For­de­rung der selbst­er­nannten Park­wächter zu halten ist, dass die Kin­der­ta­ges­stätte auf gar keinen Fall vor Sep­tember 2019 gebaut werden darf, um abzu­warten, ob auf dem Standort im Park nicht viel­leicht doch noch ein unschul­diger Sten­del­wurz seine breiten Blätter ent­faltet, kann jeder Leser nun für sich selbst ent­scheiden.

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