Raumplaner-Studenten: Attraktiver Ortskern stärkt lokalen Einzelhandel

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Die Situa­ti­on des Ein­zel­han­dels im Orts­kern ist von Dort­mun­der Stu­den­ten der Raum­pla­nung unter­sucht wor­den. Ein Ergeb­nis: Die Bar­rie­re­frei­heit der mei­sten Geschäf­te ist man­gel­haft. (Foto: Peter Grä­ber)

Ein gan­zes Jahr lang haben Stu­den­ten des Fach­be­reichs Raum­pla­nung der Uni­ver­si­tät Dort­mund im Rah­men ihres Stu­di­ums die Situa­ti­on des Ein­zel­han­dels in Holzwicke­de unter­sucht. Am Mitt­woch­abend (13. Juli) stell­ten sie ihre Ergeb­nis­se im Rat­haus einer inter­es­sier­ten Öffent­lich­keit, dar­un­ter eini­ge loka­le Händ­ler, vor.

Wie kann man die Orts­mit­te attrak­ti­ver machen und so die inha­ber­ge­führ­ten Geschäf­te des Ein­zel­han­dels stär­ken?

Unter die­ser Fra­ge­stel­lun­gen unter­such­ten die Stu­den­ten ein Gebiet, das von der Haupt­stra­ße, Kirch­stra­ße und Bahn­hof­stra­ße umgrenzt wird, ein­schließ­lich der Unter­füh­rung und des Bor­sig-Cen­ters an der Steh­fen­stra­ße.

Als Kern­pro­ble­me wur­den dabei fest­ge­stellt:

  • ein wenig attrak­ti­ver Orts­kern
  • feh­len­de E-Com­mer­ce-Ange­bo­te
  • kon­kur­rie­ren­der groß­flä­chi­ger und klein­flä­chi­ger Ein­zel­han­del
  • der demo­gra­phi­sche Wan­del

E-Commerce und Barrierefreiheit mangelhaft

Für ihre Stu­die unter der genann­ten Fra­ge­stel­lung grif­fen die Stu­den­ten nicht nur auf eige­ne Daten und empi­ri­sche Unter­su­chun­gen zurück, son­dern befrag­ten auch Pas­san­ten, Kun­den und Geschäfts­leu­te.

Die Ergeb­nis­se, zu denen die jun­gen Leu­te damit kom­men, kön­nen wenig über­ra­schen. Die Hand­lungs­vor­schlä­ge, die sie dar­aus ablei­ten, sind dafür umso krea­ti­ver und über­ra­schen­der.

Für ihre Laden­ana­ly­se hat die Grup­pe ins­ge­samt 55 inha­ber­ge­führ­te Geschäf­te im Unter­su­chungs­ge­biet auf ver­schie­de­ne Kri­te­ri­en hin über­prüft. Als all­ge­mein posi­tiv wur­den beur­teilt: Ver­kaufs­per­so­nal, Gestal­tung des Laden­in­ne­ren, Zustand der Fas­sa­de, Wer­bung der Geschäf­te. Als man­gel­haft wur­den fest­ge­stellt: feh­len­de Inter­net­prä­senz, kei­ne Bestell­mög­lich­kei­ten (E-Com­mer­ce), feh­len­de Bar­rie­re­frei­heit der Geschäf­te.

Die Befra­gung von rund 200 Pas­san­ten ergab, dass die Holzwicke­der – abge­se­hen von Lebens­mit­teln – zumeist außer­halb in Unna und Dort­mund ein­kau­fen, wobei es die jün­ge­ren Kun­den eher nach Dort­mund und die älte­ren Kun­den nach Unna zieht.  Ziel müs­se es hier sein, so die Emp­feh­lung der Stu­den­ten, die vor­han­de­ne hohe Kauf­kraft mög­lichst in der Gemein­de zu hal­ten.

Zum Ein­kau­fen nutzt die gro­ße Mehr­heit der Holzwicke­der das eige­ne Auto, deut­lich weni­ger gehen zu Fuß oder nut­zen das Fahr­rad. Das ist in ande­ren Kom­mu­nen ähn­lich. Auf­fäl­lig jedoch: der Bus (ÖPNV) wird so gut wie nie zum Ein­kau­fen in Holzwicke­de genutzt.

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Die Unter­füh­rung als Angstraum ist auch ein Pro­blem für den Ein­zel­han­del. (Foto: Peter Grä­ber)

Zur indi­rek­ten Stär­kung des loka­len Ein­zel­han­dels lei­ten die Stu­den­ten all­ge­mei­ne Hand­lungs­emp­feh­lun­gen für die Gemein­de und Händ­ler aus ihren Unter­su­chun­gen ab, dar­un­ter die Emp­feh­lung, den eige­nen Kun­den­kreis aus­zu­wei­ten, urba­nes Grün anzu­le­gen, öffent­li­che Angst­räu­me zu ent­schär­fen und eini­ges mehr. Als Bei­spiel für einen Angstraum wur­de die Bahn­un­ter­füh­rung genannt. Die­se könn­te durch einen Kunst­wett­be­werb (etwa an den Schu­len) attrak­ti­ver gestal­tet wer­den. Auch eine gute Beleuch­tung wäre drin­gend gebo­ten. Schließ­lich emp­fah­len die Stun­den auch Hin­weis­schil­der für die Pas­san­ten und poten­zi­el­len Kun­den, die vom Bahn­hof aus in die Unter­füh­rung gehen: Wohin es links oder rechts geht, kön­nen Orts­un­kun­di­ge nir­gend­wo erken­nen. „Wie sol­len sie dann wis­sen, wo die Geschäf­te zum Shop­pen sind?“, so die berech­tig­te Fra­ge eines der jun­gen Refe­ren­ten. Als posi­ti­ves Bei­spiel nann­te die Grup­pe die Unter­füh­rung Uni­onstra­ße in der Dort­mun­der Nord­stadt.

Mit „Gerüchteküche“ gegen Leerstand

Auch die zeit­wei­li­gen Leer­stän­de in der Haupt­stra­ße min­dern die Attrak­ti­vi­tät des Orts­kerns. Als „Gegen­mit­tel“ regen die Stu­den­ten an, die lee­ren Läden über­gangs­wei­se als Aus­stel­lungs­raum für loka­le Künst­ler, loka­le Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen oder Pro­jek­te wie die „Gerüch­te­kü­che“ zu nut­zen, bei dem jeweils unter­schied­li­che Gerich­te von Men­schen unter­schied­li­cher Natio­na­li­tät prä­sen­tiert wer­den. Auch ein Schau­fen­ster­wett­be­werb könn­te einen posi­ti­ven Akzent set­zen.

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Für die Raum­pla­ner ein gutes Bei­spiel, wie Besu­cher und Kun­den in den Orts­kern gezo­gen wer­den kön­nen: der Stre­et­food-Markt. (Foto: Peter Grä­ber)

Außer­dem emp­feh­len die Raum­pla­ner Ver­an­stal­tun­gen, neu­deutsch: Events, als Publi­kums­ma­gnet für den Orts­kern ein­zu­set­zen. Als Bei­spie­le wur­den ein Floh­markt oder auch ein Som­mer­ki­no im Emscher­park genannt. Der Stre­et­food-Markt zei­ge  her­vor­ra­gend, wie gut das funk­tio­nie­ren kann. Nach Ansicht der Raum­pla­ner-Stu­den­ten fin­den auch zu vie­le Ver­an­stal­tun­gen im Schul­zen­trum statt. Eini­ge davon könn­ten sicher in den Orts­kern ver­legt wer­den.

Ein gro­ßer Man­gel des Holzwicke­der Ein­zel­han­dels ist das Inter­net­mar­ke­ting. Das sei umso bedau­er­li­cher, weil gera­de die jün­ge­re Gene­ra­ti­on zuneh­mend im Inter­net kauft (E-Com­mer­ce). Des­halb wird das Inter­net in Zukunft noch erheb­lich an Bedeu­tung gewin­nen. Kla­re Emp­feh­lung der Raum­pla­ner: Die Ein­zel­händ­ler soll­ten sich eige­ne Inter­net­sei­ten zule­gen, die gemein­sa­me Sei­te www.meinhowi.de akti­ver nut­zen und über sozia­le Medi­en wie Face­book in eige­nen Grup­pen auch jün­ge­re Kun­den gezielt anspre­chen.

Die Gemein­de Holzwicke­de könn­te ihrer­seits mit Work­shops, in denen die Händ­ler die tech­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen für E-Com­mer­ce ler­nen, Hil­fe­stel­lung lei­sten. Eine wich­ti­ge Vor­aus­set­zung ist natür­lich ein schnel­les, frei­es WLAN im Orts­kern.

Man­gel­haft ist auch die Bar­rie­re­frei­heit der Geschäf­te im Unter­su­chungs­ge­biet. Sehr vie­le von ihnen las­sen sich über Stu­fen betre­ten. Der Bau von Ram­pen wäre natür­lich ide­al, ist aber teu­er. Das wis­sen auch die Stu­den­ten und schla­gen als preis­wer­ten Kom­pro­miss Hand­läu­fe, beleuch­te­te Stu­fen und Klin­geln an den Außen­fas­sa­den vor.

Die Bahn ist zwar kein leich­ter Ver­hand­lungs­part­ner. Aber die­se Ver­an­stal­tung heu­te hat mich rich­tig moti­viert, die Ver­schö­ne­rung der Unter­füh­rung noch ein­mal anzu­ge­hen.“

Bür­ger­mei­ste­rin Ulri­ke Dros­sel

Schließ­lich schla­gen die Raum­pla­ner auch infra­struk­tu­rel­le Maß­nah­men vor, die sich lei­der kaum rea­li­sie­ren las­sen wer­den, wie z.B. ein Lkw-Ver­bot oder Tem­po 30 auf der Haupt­stra­ße. Auch die Ver­ein­heit­li­chung der Bus-Fahr­plä­ne und neue Rou­ten für die Bus­se wer­den sich kaum rea­li­sie­ren las­sen. Eine grö­ße­re Chan­ce hät­te da schon die Ein­rich­tung einer Shut­tle­bus-Linie, die Orts­kern und Orts­tei­le ver­bin­den wür­de.

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Die­ses posi­ti­ve Bei­spiel für die Gestal­tung einer düste­ren Unter­füh­rung wur­de von den Stu­den­ten vor­ge­stellt: die Unter­füh­rung Uni­onstra­ße in der Dort­mun­der Nord­stadt. (Foto: Repro)

Ein inter­es­sier­ter Bür­ger schlug auch einen Bür­ger­bus vor, wie er sehr erfolg­reich in der Nach­bar­stadt Frön­den­berg ver­kehrt. Aller­dings wür­de auch der nicht umsonst zu haben sein.

Bür­ger­mei­ste­rin Ulri­ke Dros­sel zeig­te sich beson­ders ange­tan von der Idee der Gerüch­te­kü­che und des Schau­fen­ster­wett­be­werbs für die Geschäf­te an der Haupt­stra­ße. Auch der Vor­schlag zur Beleuch­tung und Umge­stal­tung der Unter­füh­rung gefiel Ulri­ke Dros­sel rich­tig gut: „Die Bahn ist zwar kein leich­ter Ver­hand­lungs­part­ner. Aber die­se Ver­an­stal­tung heu­te hat mich rich­tig moti­viert, die Ver­schö­ne­rung der Unter­füh­rung noch ein­mal anzu­ge­hen.“

Für die Stu­den­ten der Raum­pla­nung war die Ver­an­stal­tung am Mitt­woch aber auch noch in ande­rer Hin­sicht erfolg­reich: Ihre Prä­sen­ta­ti­on der Ergeb­nis­se nach einem Jahr Arbeit galt unter den kri­ti­schen Augen ihrer Betreue­rin Dr. Tan­ja Fleisch­hau­er zugleich als Prü­fung – die sie mit Bra­vur bestan­den haben.

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Dipl.-Journalist

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