Offener Brief zum Jahreswechsel an alle Bürger von Holzwickede

Zum bevor­ste­henden Weih­nachts­fest erreichte den Emscher­blog ein offener Brief der Flücht­lings­in­itia­tive „Will­kommen in Holzwickede“ an die Men­schen der Emscher­ge­meinde, den wir an dieser Stelle unge­kürzt ver­öf­fent­li­chen:

Liebe Aktive,
liebe Freunde und Freun­dinnen der Flücht­lings­in­itia­tive „Will­kommen in Holzwickede“,
liebe Holzwickeder Mit­bür­ge­rinnen und Mit­bürger!

Das Jahr 2018 neigt sich dem Ende zu. Zwei Ereig­nisse bleiben uns in guter Erin­ne­rung. Das Som­mer­fest mit Holzwickeder Bür­gern und den bei uns lebenden Geflüch­teten und der Abend der Begeg­nung im Advent. Hier haben alle Betei­ligten erleben können, wie lebendig und fröh­lich, inter­es­sant und ver­lockend das Mit­ein­ander sein kann.

Zum Jah­res­ende möchten wir mit Ihnen und euch Aus­schau halten. Vieles hat sich im Laufe der Zeit in der Flücht­lings­ar­beit ver­än­dert. Es geht nicht mehr um die Not­ver­sor­gung, son­dern um Inte­gra­tion in die neue Lebens­wirk­lich­keit hier bei uns.

Daher ist es not­wendig einmal inne­zu­halten, um wahr­zu­nehmen, was jetzt dran ist und zu fragen:

Was benö­tigen die Geflüch­teten heute? Wo müssen wir drin­gend helfen? Wo müssen andere mit ins Boot geholt werden, damit Inte­gra­tion gelingt? Eines erscheint uns neben den prak­ti­schen und poli­ti­schen Not­wen­dig­keiten jedoch ele­mentar wichtig und ent­schei­dend zu sein:

Wir müssen den Geflüch­teten auch Mög­lich­keiten bieten, sich zu behei­maten und sich zu inte­grieren.

Eis der Sprachlosigkeit brechen

Das heißt, sie brau­chen hier in Holzwickede deut­sche Freunde und Freun­dinnen. Sie brau­chen und suchen Kon­takt zu Men­schen, bei denen sie erfahren können, wie sie hier leben können. Nur Bezie­hungen geben Halt.
Leider sind es nur wenige, die bis jetzt bereit sind, Kon­takt auf­zu­nehmen und damit das Fremd­sein auf beiden Seiten abzu­bauen. Die Geflüch­teten leben mitten unter uns, viel­leicht sogar Wand an Wand mit uns. Auch wenn es uns nicht immer leicht­fällt, auf „Fremde“ zuzu­gehen oder sie anzu­spre­chen, aber ein ein­la­dender Blick, ein regel­mä­ßiger freund­li­cher Gruß, eine kleine Geste, das alles ver­än­dert das Klima und stärkt die hei­matlos Gewor­denen. Und viel­leicht ist es dann einmal mög­lich, aus den zufäl­ligen Begeg­nungen heraus sich ein Herz zu nehmen, den ersten Satz zu spre­chen, das Eis der Sprach­lo­sig­keit zu bre­chen. Viel­leicht im Trep­pen­haus, auf dem Bahn­steig beim Warten, an der Kasse im Super­markt …

Viele können sich kaum vor­stellen, wie sehr unsere Neu­bürger dar­unter leiden, dass sie nir­gendwo so richtig andocken können. Das macht einsam. Da kriecht die Kälte ins Herz. Das macht auf die Dauer krank. Und wenn man dann noch darauf wartet, dass Frau und Kinder end­lich nach vier Jahren Tren­nung nach­kommen können, das lässt ver­zwei­feln. Da helfen keine Tabletten, son­dern nur mensch­liche Nähe.

Kleine Brücken der Begegnung

Daher ist unser größter Wunsch für das neue Jahr, schenken wir denen, die ihre Heimat ver­lassen mussten, posi­tive Auf­merk­sam­keit. Spre­chen wir mit ihnen, bauen wir im Alltag kleine Brücken der Begeg­nung. Wir, die wir schon lange viel­fäl­tige Kon­takte zu den Geflüch­teten haben, dürfen allen ver­si­chern, wenn das Eis der Distanz gebro­chen ist, dann blühen Blumen des Lebens auf – im anderen und auch in uns selbst. Das berei­chert und eröffnet neue Hori­zonte, die Welt weitet sich und wir spüren, wie beglückend es, ist Nähe zu schenken, aber auch viel Ver­trauen und Auf­merk­sam­keit zurück­zu­be­kommen. Beschenken wir uns und die Geflüch­teten mit offenen und ein­la­denden Begeg­nungen, nebenan, an der Hal­te­stelle, im Zug, auf der Straße, im Kin­der­garten, in der Schule, am Arbeits­platz … . Der erste Schritt mag schwer­fallen, aber es lohnt sich, kleine Signale der Wärme zu geben.
All die vielen kleinen Zei­chen, Worte und Gesten sind wert­volle Gras­wur­zel­ar­beit. Sie ersetzt nicht die Inte­gra­ti­ons­po­litik, aber ohne sie ist Politik wir­kungslos

Bauen wir weiter an einem Holzwickede, in dem alle zusammen gut leben können, in dem Her­zens­wärme kein Fremd­wort ist, son­dern gerade die erreicht, die sie brau­chen. Schaffen wir gemeinsam eine Atmo­sphäre, die Behei­ma­tung mög­lich macht.

Gerne können Sie über uns, die Flücht­lings­in­itia­tive, Kon­takte zu unseren neuen Mit­bür­gern auf­ge­nommen werden. Spre­chen Sie uns an. Sie treffen uns aber auch immer don­ners­tags ab 16 Uhr in der Bahn­hofstr. 11 im Büro (sofort vorne an der Ecke der Unter­kunft).

Allen Aktiven und allen, die die Arbeit mit den Geflüch­teten unter­stützen und begleiten, sagen wir herz­li­chen Dank und wün­schen ein fried­volles, gutes Jahr 2019.

Für die Flücht­lings­in­itia­tive

Ros­witha Göbel-Wie­mers
Fried­helm Nusch

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