Nachbarschaftsstreit: Ein Jahr Haft zur Bewährung für Schläge mit dem Schrubber

Für Außen­ste­hende mag ein Zoff unter Nach­barn Stoff zum Schmun­zeln bieten. Für die Betrof­fenen selbst kann der Ärger mit dem Nach­barn zur Hölle auf Erden werden. Im Frank­furter Weg ist ein sol­cher Nach­bar­schafts­streit nun völlig aus den Fugen geraten. Eine bis­lang unbe­schol­tene 53-Jäh­rige Mie­terin fand sich des­halb heute wegen gefähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung auf der Ankla­ge­bank des Amts­ge­richtes Unna wieder.

Über das, was am 8. Mai vorigen Jahres im kleinen Haus­flur zwi­schen den beiden Miet­woh­nungen pas­sierte, gehen die Aus­sagen weit aus­ein­ander. Fakt ist: Zwi­schen den beiden Miet­par­teien, die dort Tür an Tür wohnen, schwelte der Kon­flikt schon viel länger. An jenem Tag im Mai gegen 16.10 Uhr, so die Anklage, soll die 53-Jäh­rige nach einem anfäng­li­chen ver­balen Schar­mützel ver­sucht haben, der Lebens­ge­fährtin ihres Nach­barn an die Gurgel zu gehen. Als dieser sich auf der Schwelle seiner Woh­nung schüt­zend vor seine Freundin stellte, soll die reso­lute Frau mit einem Schrubber auf den 31 Jahre alten Nach­barn ein­ge­dro­schen und ihn dabei erheb­lich ver­letzt haben.

Konflikt im Frankfurter Weg schwelt schon viel länger

Die Ange­klagte schil­derte den Vor­fall vor Gericht heute als reine Not­wehr-Aktion: Sie habe die Freundin ihres Nach­barn nur zur Rede stellen wollen, weil diese ihre Blumen im Flur ver­giftet und einen Haufen Blu­men­erde auf ihre Tür­matte geworfen hätte. Als sie des­halb bei ihrem Nach­barn klin­gelte, habe der 31-Jäh­rige die Tür auf­ge­rissen und sei „sofort wut­en­brannt“ auf sie los­ge­stürmt. Dabei habe er sie „in den Bauch­be­reich getreten und geschlagen“. Der Nachbar habe sie in ihre Woh­nung gedrängt, wo der Schrubber stand, mit dem sie gerade ihre Woh­nung geputzt hatte. „Mit dem Schrubber habe ich mich nur ver­tei­digt und ihn abge­wehrt.“ Die Freundin des Nach­barn habe sie nicht gesehen bei dem Streit. Schließ­lich habe sie ihren Mann aus der Küche um Hilfe gerufen, der auch sofort her­bei­ge­eilt kam. Nach einer hef­tigen Ran­gelei zwi­schen den beiden Män­nern sei der Nachbar dann richtig aus­ge­ra­stet und habe einige Bilder von der Flur­wand gerissen und in ihre Woh­nung geworfen.

Richter Jörg Hücht­mann kam es dann doch recht unwahr­schein­lich vor, dass der Nachbar ansatzlos und ohne jedes Wort auf die Ange­klagte los­ge­gangen sein soll. Trotz seiner ein­deu­tigen Hin­weise und Ermah­nungen, bei der Wahr­heit zu bleiben, wich die Ange­klagte auch nach einer län­geren Bera­tung mit ihrer Ver­tei­di­gerin nicht von ihrer Ver­sion. „Es ist zwar schon lange her und ich stand unter Schock. Aber ich kann nichts anderes sagen.“

53-jährige Angeklagte tischt mehrere Versionen auf

Als der Richter die 53-Jäh­rige ein­dring­lich nach Ein­zel­heiten befragte, ver­wickelte sich diese jedoch zuneh­mend in Wider­sprüche und wich von ihrer ersten Ver­sion ab. So räumte die Ange­klagte ein, dass sich beim Sto­chern mit dem Schrubber die Bürste gelöst habe. Die habe sie dann gegen ihren Nach­barn geworfen. Auch soll der Aus­ein­an­der­set­zung plötz­lich doch ein Wort­wechsel vor­an­ge­gangen sein. Und auch die Lebens­ge­fährtin des Nach­barn soll am Ende noch auf­ge­taucht sein. Schließ­lich soll ihr Nachbar sogar gedroht haben: „Du bist tot. Wo ist das Messer?!“

Ich ver­liere langsam die Scheu, einen Gut­achter ein­zu­schalten und damit Kosten niedrig zu halten“

Richter Jörg Hücht­mann

Richter Jörg Hücht­mann reichte es dann auch: Als Ange­klagte habe sie zumin­dest den Vor­teil, straflos ständig neue Ver­sionen auf­ti­schen zu dürfen, erklärte er der 53-Jäh­rigen. „Als Zeugin wären Sie jetzt ganz unten durch.“ Schließ­lich sei auch ihre Aus­sage, dass sie mit dem Schrubber nur den Nach­barn weg­ge­drückt und ihn nicht geschlagen habe, nicht plau­sibel. Das passé näm­lich nicht zu den Ver­let­zungen, die ihr Nachbar an Ellen­bogen, Hand und Kopf davon­ge­tragen habe. Solche Ver­let­zungen seien durch Stoßen nicht plau­sibel zu erklären, wohl aber eine klas­si­sche Schlag­wir­kung. „Ich ver­liere langsam die Scheu, einen Gut­achter ein­zu­schalten und damit Kosten niedrig zu halten“, mahnte Richter Jörg Hücht­mann.

Auch gegen­über der Polizei, die von der Lebens­ge­fährtin des 31-Jäh­rigen Nach­barn gerufen wurde, hatte die Ange­klagte näm­lich schon „ein biss­chen dummes Zeug geredet“, wie sie heute selbst ein­räumte. So erklärte sie damals den Beamten, dass sie die Polizei gerufen habe und nicht ihre Nach­barn. Die 53-Jäh­rige erklärte ihr Ver­halten damit, dass sie als Epi­lep­ti­kerin sofort nach dem Streit ein starkes Medi­ka­ment ein­ge­nommen habe, um einen epi­lep­ti­schen Anfall zu ver­meiden.

31-jähriger Nachbar erlitt erhebliche Verletzungen

Im Zeu­gen­stand erklärte ihr Nachbar das Geschehen am 8. Mai aus seiner Sicht: Als er mit seiner Freundin nach Hause gekommen sei, habe er fest­ge­stellt, dass unter seine Fuß­matte Blu­men­erde gekehrt worden sei. Weil solche Dinge vorher schon öfters vor­ge­kommen seien, habe er den Dreck zusam­men­ge­kehrt und seiner Nach­barin vor die Tür geschoben. Kurz darauf habe die Sturm bei ihm geklin­gelt und wie ver­rückt gegen die Tür gehäm­mert. „Als ich auf­machte, hat sie mich ange­schrien und belei­digt. Ich kam über­haupt nicht zu Wort“, so der 31-Jäh­rige. Als seine Freundin dazu kam, habe die Nach­barin los­ge­brüllt und sich an ihm vor­bei­drücken wollen und ihr mit ein­deu­tiger Geste an den Hals gewollt. Der junge Mann, der von kräf­tiger Statur ist, habe die Nach­barin dar­aufhin in ihre Woh­nung zurück­ge­schoben. Dort habe sie dann plötz­lich einen Schrubber in der Hand gehabt, mit dem sie unun­ter­bro­chen auf ihn ein­ge­schlagen habe. Laut ärzt­li­chem Attest trug der Selbst­stän­dige Brüche an Ellen­bogen und kleinem Finger davon, außerdem Prel­lungen am Kopf. Irgend­wann habe er dann den Schrub­ber­stiel zu fassen bekommen, wor­aufhin seine Nach­barin nur noch die Bürste in der Hand hielt und ihm diese an die Brust geworfen hat.

Seine Freundin habe ver­sucht, dazwi­schen zu gehen. Aus Angst, von dem Schrub­ber­stiel getroffen zu werden, sei ihr das aber nicht gelungen. Vor lauter Schmerzen habe er den Schrubber dann irgend­wann los­ge­lassen, worauf seine Nach­barin sofort wieder mit dem Schrubber ange­griffen habe. „Als sie sich dann nicht mehr zu helfen wusste, hat sie ihren Mann um Hilfe gerufen“, so der 31-Jäh­rige. Der Ehe­mann der Nach­barin habe ihn dann an seinem ver­letzten Arm und am Hals gepackt und gegen die Wand gedrückt. „Dabei ist meine Hals­kette zer­rissen.“

Schließ­lich schaffte es seine Lebens­gfährtin, den 31-jäh­rigen in die Woh­nung zurück zu ziehen und die Polizei zu rufen.

Auf­grund der Ver­let­zungen an Arm und Hand, die auch ein­ge­gipst wurden, fiel der 31-Jäh­rige, der selbst­ständig tätig ist, 25 Werk­tage arbeits­un­fähig aus. Ent­spre­chende Atteste lagen dem Gericht vor. Die reso­lute Nach­barin hatte ledig­lich einige Blut­ergüsse an den Beinen davon­ge­tragen. Ein mut­maß­li­cher Nie­ren­schaden wurde ihr von diversen Ärzten, die sie auf­suchte, dagegen nicht atte­stiert.

Ehemann im Zeugenstand „vorbildlich“

Wäh­rend die Lebens­ge­fährtin des 31-Jäh­rigen die Aus­ein­an­der­set­zung über­ein­stim­mend wie ihr Freund im Zeu­gen­stand schil­derte, konnte der Ehe­mann der Ange­klagten nur wenig zur Auf­klä­rung bei­tragen. Er äußerte sich nur soweit zu dem Streit, wie er ihn auch erst gegen Ende mit­be­kommen hatte, nachdem seine Frau ihn um Hilfe gerufen hatte. Für sein „vor­bild­li­ches Ver­halten als Zeuge“, zollte ihm Richter Jörg Hücht­mann später aus­drück­li­ches Lob.

So kon­trär wie die Aus­sagen der Kon­tra­henten, so kon­trär waren auch die Plä­doyers der Anklage und Ver­tei­di­gung. Der Ver­treter der Staats­an­walt­schaft bezeich­nete die Aus­sage der Zeugen als absolut glaub­würdig und die Ver­sion der Ange­klagten als wider­legt. Für die Ange­klagte spreche zwar, dass sie bisher nicht vor­be­straft ist. Gegen sie spre­chen aber die erheb­li­chen Ver­let­zungen des 31-Jäh­rigen. Der Ankla­ge­ver­treter for­derte des­halb für die Ange­klagte wegen gefähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung acht Monate Haft zur Bewäh­rung aus­ge­setzt sowie – unge­achtet der zivil­recht­li­chen Ansprüche – die Zah­lung von 1.000 Euro Schmer­zens­geld.

Ihre Ver­tei­di­gerin plä­dierte auf glatten Frei­spruch. Die Zeugen seien unglaub­würdig und hätten ihre Aus­sage offen­sicht­lich abge­spro­chen. Dass die 53-Jäh­rige den kräf­tigen Nach­barn ange­griffen habe, „ist rea­li­täts­fern“. Auch der Angriff auf die Freundin des Nach­barn sei frei erfunden. Der wahre Sach­ver­halt sei nicht mehr fest­stellbar, ebenso wie die Ursache der Ver­let­zungen des Nach­barn.

Angeklagte zeigt „vollständige Uneinsichtigkeit“

Richter Jörg Hücht­mann ging mit seinem Urteil dagegen noch über die For­de­rung der Staats­an­walt­schaft hinaus: Er ver­ur­teilte die 53-jäh­rige Holzwicke­derin zu einem Jahr Frei­heits­strafe auf zwei Jahre zur Bewäh­rung aus­ge­setzt. Außerdem muss die Ange­klagte die Kosten des Ver­fah­rens tragen.

In seiner Urteils­be­grün­dung erläu­terte der Richter, er gehe davon aus, dass die 53-Jäh­rige tat­säch­lich ihre Nach­barn zur Rede stellen wollte. Als sie dann von ihrem Nach­barn in die eigene Woh­nung zurück­ge­drängt worden war, habe sie es nicht gut sein lassen, son­dern zum Schrubber gegriffen. „Eine Not­wehr­si­tua­tion kann ich da nicht erkennen“, so der Richter. Der Nachbar habe zudem genau die Art Abwehr­ver­let­zungen, die bei einem Vor­fall, wie er ihn geschil­dert hat, zu erwarten wären. Gegen die Ange­klagte spre­chen die Schwere dieser Ver­let­zungen, die – abge­sehen von den Schmerzen –, auch zu erheb­li­chen Ver­dienst­aus­fällen bei dem selbst­stän­digen Nach­barn geführt hätten sowie die „voll­stän­dige Unein­sich­tig­keit“ der Ange­klagten. Das Gericht halte des­halb einen spür­baren Hin­weis an die Ange­klagte für nötig.

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