Multikulti unter einem Dach: Mit zwei Gastschülern plötzlich eine Großfamilie

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Abschieds­fo­to vor dem selbst­ge­mach­ten Advents­ka­len­der: Uta S. mit ihren bei­den Kin­dern Cara und Nico (2.v.r.) sowie den bei­den Gast­schü­lern Ron­an (l.) und Este­ban im Flur ihres Hau­ses in Holzwicke­de. (Foto: pri­vat)

Für Uta S. aus Holzwicke­de ist Mul­ti­kul­ti mehr als nur ein Begriff. Die allein­er­zie­hen­de Mut­ter von zwei Kin­der ist geleb­te Mul­ti­kul­tur:  In Chi­le gebo­ren, in Mexi­ko auf­ge­wach­sen, kehr­ten ihre deut­schen Eltern mit ihr im Alter von 15 Jah­ren nach Deutsch­land zurück.  Doch als jun­ge Erwach­se­ne zog es Uta S. wie­der nach Mexi­ko zurück. Danach leb­te sie auch län­ge­re Zeit in den USA, bevor sie schließ­lich wie­der nach Deutsch­land zurück­kehr­te. Ihr Job bei einer Flug­ge­sell­schaft ver­schlug sie schließ­lich in den Nor­den Holzwicke­des. Hier fühlt sich Uta S. wohl. In ihrer unmit­tel­ba­ren Nach­bar­schaft hat sie ser­bi­sche, fin­ni­sche, tür­ki­sche, spa­ni­sche und natür­lich deut­sche Freun­din­nen gefun­den. Das Leben in ver­schie­de­nen Län­dern, das Ken­nen­ler­nen ganz unter­schied­li­cher Men­schen und Kul­tu­ren hat Uta S., die fünf Spra­chen spricht, nie als Bela­stung, son­dern immer als per­sön­li­che Berei­che­rung emp­fun­den.

Ich habe mir schon immer vier Kin­der gewünscht. Jetzt ist der Wunsch für eine Woche in Erfül­lung gegan­gen — und sogar ganz ohne Win­deln“

Uta S., allein­er­zie­hen­de Mut­ter von zwei Kin­dern

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Gera­de in der Advents­zeit gibt es viel zu ent­decken für die Gast­schü­ler: Cla­ra mit Ron­an und Este­ban (v.r.) auf dem Weih­nachts­markt. (Foto: pri­vat)

Die­sen kul­tu­rel­len Aus­tausch, das Blicken über den Tel­ler­rand hin­aus, wün­sche ich mir auch für mei­ne eige­nen Kin­der“, sagt die allein­er­zie­hen­de Mut­ter. „Lei­der kann ich ihnen nicht das bie­ten, was mei­ne Eltern, die beruf­lich in vie­len ver­schie­de­nen Län­dern leb­ten, mir gebo­ten haben“, bedau­ert Uta S.  Doch die Holzwicke­de­rin hat einen Weg gefun­den, ihrem Sohn Nico (15 Jah­re) und ihrer Toch­ter  Cara (12 Jah­re) trotz­dem etwas von der  Inter­na­tio­na­li­tät und dem mul­ti­kul­tu­rel­len Aus­tausch zu bie­ten, den sie selbst genos­sen hat. Zumin­dest für ein paar Wochen hat sich die klei­ne Fami­lie aus Holzwicke­de frem­de Kul­tu­ren  sozu­sa­gen ins Haus geholt und ist zur Groß­fa­mi­lie gewor­den. Denn Uta, ihr Nico und Toch­ter Cara S. beher­ber­gen gleich zwei Gast­schü­ler unter ihrem Dach in Holzwicke­de: den 12-jäh­ri­gen Ron­an aus der fran­zö­si­schen Part­ner­stadt Lou­viers sowie Este­ban (16 Jah­re) aus Gua­te­ma­la.

Ich habe mir schon immer vier Kin­der gewünscht“, schmun­zelt Uta S. „Jetzt ist der Wunsch für eine Wochen in Erfül­lung gegan­gen – und sogar ganz ohne Win­deln.“  Mor­gens gibt es zwar eini­ges Gedrän­ge vor dem Bade­zim­mer, weil alle vier „Kin­der“ kurz nach 7 Uhr mit dem Bus zum Cla­ra-Schu­mann-Gym­na­si­um fah­ren müs­sen. Doch durch ihren Beruf ist die Holzwicke­de­rin genau­es Zeit­ma­nage­ment gewöhnt. Und so war eine der ersten grund­le­gen­den Erfah­run­gen, die der 16-jäh­ri­ge Este­ban in sei­ner Holzwicke­der Gast­fa­mi­lie mach­te:  „Ich muss hier immer sehr pünkt­lich sein.“ Auch die für ihn völ­lig neue Müll­tren­nung in Deutsch­land war für den 16-Jäh­ri­gen gewöh­nungs­be­dürf­tig. „Inzwi­schen über­nimmt er sogar selbst­stän­dig eige­ne Auf­ga­ben im Haus­halt“, freut sich Uta S. „Neu­lich  war ich noch gar nicht zu Hau­se. Da hat Este­ban sich um das Holz zum Hei­zen geküm­mert, weil wir keins mehr im Haus hat­ten.“

Täglich kultureller Austausch und ganz neue Erfahrungen

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Gast­mut­ter Uta S. mit Ron­an (l.) und Este­ban bei einem Aus­flug in die Dort­mun­der City. (Foto: pri­vat)

Wenn Cara und Nico mit Ron­an und Este­ban mor­gens am Früh­stücks­tisch sit­zen, bevor der Bus zur Schu­le fährt, „ist das ein sehr schö­nes Gefühl für mich“, sagt Uta S., die prompt müt­ter­li­che Gefüh­le für den Fami­li­en­zu­wachs ent­wickel­te:  „Für mich waren es ganz schnell mei­ne bei­den Gro­ßen und die bei­den Klei­nen.“  Auch der 12-jäh­ri­ge Ron­an, der noch zwei deut­lich jün­ge­re Geschwi­ster zu Hau­se hat, genoss die für ihn völ­lig neue Rol­le des „Nest­häk­chens“ sicht­lich. Über­haupt scheint der Wunsch von Uta S. sich den mul­ti­kul­tu­rel­lem Aus­tausch ins Haus zu holen,  in Erfül­lung zu gehen. „Ich erle­be das hier jeden Tag“, freut sie sich. Sei es, dass der klei­ne Ron­an, weil er so schmäch­tig ist, flugs zur „Crevet­te“ (fran­zö­sisch = Gar­ne­le) umge­tauft wur­de und er das UNO-Spie­len gegen sein Heim­weh ent­deck­te. Oder dass der 16-jäh­ri­ge Este­ban zum ersten Mal in sei­nem Leben mit einer Eisen­bahn gefah­ren ist. Auch die Weih­nachts­märk­te hier in Deutsch­land sind natür­lich für Ron­an und Este­ban eine ganz beson­de­re und neue Erfah­rung gewe­sen.

Am Mitt­woch vori­ger Woche war für Ron­an der  Aus­tausch schon vor­bei. Nach nur einer  Woche ist er wie­der nach  Lou­viers zurück­ge­kehrt, wo er sicher viel zu erzäh­len haben wird. „Eigent­lich war es  ganz schön, mal  drei Brü­der zu haben“, bedau­ert die zwölf­jäh­ri­ge Cara  Ron­ans Abrei­se. „Ner­vig war es für mich nur mor­gens im Bad. Da muss­te ich immer ganz pünkt­lich wie­der raus.“  Für Gast­mut­ter Uta S. kam es dage­gen dicker:  Nicht nur dass  Ron­an gleich mit einem Magen- und Darm­in­fekt zum Pfle­ge­fall wur­de. Ihr Sohn Nico zog sich auch noch eine hef­ti­ge Sport­ver­let­zung am Fuß zu und muss seit­dem an Krücken lau­fen.

Schwebebahn war Premiere für Ronan und Esteban

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Auch das war für Este­ban eine ganz neue Erfah­rung: Kin­der­punsch auf dem Weih­nachts­markt in Holzwicke­de. (Foto: pri­vat)

Den­noch haben die die frisch­ge­backe­ne Groß­fa­mi­lie auch eine gan­ze Men­ge  unter­nom­men und Spaß gehabt. Eine Pre­mie­re für Ron­an und Este­ban war die Fahrt in der Schwe­be­bahn in Wup­per­tal.  Auch U- und S-Bahn sind sie schon gefah­ren.  Was vor allem für Este­ban ein Erleb­nis war, da es in sei­ner Hei­mat Gua­te­ma­la gar kei­nen ÖPNV gibt. „Bei uns fah­ren alle immer mit dem Auto“, meint der 16-Jäh­ri­ge. Natür­lich stand auch der  Flug­ha­fen gegen­über in Dort­mund auf ihrem Besuchs­pro­gramm. „Feh­len eigent­lich nur noch Schnee und Schloss – dann haben wir alles durch“, lacht Uta S. „Kommt aber auch noch:  In die­ser Woche besu­chen wir Würz­burg. Da steht dann ein Besuch der Resi­denz und Festung an.“ Vie­les, von dem, was er hier ken­nen­ge­lernt hat, wird Este­ban wohl nie mehr ver­ges­sen in  sei­nem Leben. Etwa die dicke Ski-Unter­wä­sche, die ihm sei­ne Gast­mut­ter gekauft hat. Die trug er schon, als es noch 12 Grad waren. „War­te ab, es wird noch viel käl­ter bei uns“, hat­te ihn Uta S. gewarnt. Die ersten Knie­strümp­fe sei­nes Lebens fand der 16-Jäh­ri­ge prompt in dem selbst­ge­mach­ten Advents­ka­len­der, den Uta S. in den Flur ihres Hau­ses gehängt hat. Seit dem 1. Advent fin­den dort Cara, Nico, Este­ban und anfangs auch Ron­an jeden Mor­gen ein eige­nes von Uta S. ver­pack­tes prak­ti­sches Prä­sent.

Schock: verheiratete Pfarrer und Mädchen als Messdienerin

Gera­de­zu einen Kul­tur­schock erleb­te Este­ban, der wie Uta S. sehr katho­lisch ist, als er im  deut­schen Fern­se­hen zum ersten Mal einen evan­ge­li­schen Pfar­rer ent­deck­te, der ver­hei­ra­tet war. Auch dass die 12-jäh­ri­ge Cara als Mäd­chen Mess­die­ne­rin in der Lieb­frau­en­gemein­de ist, konn­te der 16-Jäh­ri­ge zunächst kaum glau­ben.  „So etwas gibt es in Gua­te­ma­la nicht“, weiß Uta S. Neu­lich erkun­dig­te sich

Sind super miteinander ausgekommen,  v.l.: Esteban (16 J.), Nico (15 J.), Cara (12 J.) und Ronan (12 J.). (Foto: privat)

Sind super mit­ein­an­der aus­ge­kom­men, v.l.: Este­ban (16 J.), Nico (15 J.), Cara (12 J.) und Ron­an (12 J.). (Foto: pri­vat)

Este­ban ganz irri­tiert in der Fami­lie, ob den ande­ren eigent­lich schon auf­ge­fal­len sei, dass älte­re Frau­en ab etwa 40 Jah­ren in Deutsch­land so gut wie nie mehr ihre Haa­re lang tra­gen. In sol­chen Momen­ten weiß Uta S., dass sie mit ihrem Plan, den kul­tu­rel­len Aus­tausch in der eige­nen Fami­lie zu för­dern, gold­rich­tig lag.

Este­ban, der mit ins­ge­samt 60 ande­ren Gast­schü­lern aus Gua­te­ma­la nach Deutsch­land gekom­men ist, bleibt noch bis 20. Dezem­ber ins­ge­samt fünf Wochen in der Holzwicke­der Fami­lie. Sei­ne Sprach­kennt­nis­se hier hat er deut­lich ver­bes­sern kön­nen. In Gua­te­ma­la City besucht der 16-jäh­ri­ge eine öster­rei­chi­sche Schu­le. Dort macht er sei­ne Matu­ra – die öster­rei­chi­sche Vari­an­te des deut­schen Abiturs. Auch nach sei­ner Rück­kehr sol­len die Kon­tak­te übers Inter­net zu sei­ner neu­en deut­schen Fami­lie nicht abrei­ßen. So ist es bereits fest ver­ab­re­det.

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visage

Dipl.-Journalist

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