Helferkreis der Flüchtlinge beklagt: Verwaltungsstrukturen bremsen uns aus

Koord_Grp1 Koordinierungskreis Flüchtlinge

Der Koordinierungskreis der ehrenamtlichen Helfer für die Flüchtlinge in der Gemeinde traf sich am Mittwochabend im Rathaus. (Foto: Peter Gräber)

Bei einem Treffen des Koordinierungskreises „Willkommen in Holzwickede“, in dem alle ehrenamtlichen Bemühungen um die Flüchtlinge und Asylbewerber in der Gemeinde zusammenlaufen, warnte Michael Klimziak (SPD) am Mittwochabend (25.2.) im Rathaus davor, die Problemfelder Flüchtlinge und Sozialkaufhaus gegeneinander auszuspielen. „Uns als Gemeinde liegt beides am Herzen und wir versuchen für Unterbringung der Flüchtlinge ebenso eine Lösung zu finden wie für das  Sozialkaufhaus.“

Wie gestern im Emscherblog berichtet, gibt es laut Klimziak mehrere Denkmodelle zur Lösung des Problems:

  • Anmietung/Kauf von Modulbauten (Container) zur Unterbringung der Flüchtlinge oder des Kaufnetts.
  • Anmietung eines benachbarten Getränkemarktes, wobei dort die geforderte Miete inakzeptabel hoch sei.
  • Ein leerstehendes Haus der evangelischen Gemeinde an der Unnaer Straße habe sich leider als ungeeignet erwiesen.

„Die Verwaltung ist beauftragt worden einen Kostenplan für diese Denkmodelle aufzustellen“, teilte Klimziak mit. Ulrike Drossel (BBL), die Vorsitzende des Sozialausschusses, fürchtet allerdings, dass nach der Kündigung des Mietvertrages für das Kaufnett zum 30. April die Zeit knapp werden könnte. Die Verwaltungsspitzen sind schon längere Zeit wegen Krankheit ausgefallen. „Wenn nicht bald etwas passiert, ist es zu spät.“   Ihr Vorschlag: „Wir werden versuchen, möglichst viele private Wohnungen anzumieten. Dann können wir Bewohner aus den Unterkünften an der Massener Straße umquartieren und dort Platz für die neu ankommenden Menschen schaffen. Dann brauchen wir das Sozialkaufhaus nicht zu räumen.“

An dem Treffen des Helferkreises am Mittwochabend nahmen für die Verwaltung Torsten Doennges sowie aus den Fraktionen Ulrike Drossel (BBL), Michael Klimziak (SPD) , Friedhelm Klemp (Die Grünen) und Uli Bangert (Ausländerbeauftragter/Die Grünen) teil.

Die Einschätzung der Teilnehmer, wie es um die Situation der Flüchtlinge in der Gemeinde bestellt ist, reichten dabei von „Ich persönlich schäme mich ein Holzwickeder zu sein“ (Peter Strobel) bis „Ich bin stolz eine Holzwickederin zu sein“ (Angela Töpper). Deutlich wurde bei dem Treffen jedoch,  welche umfangreichen freiwilligen Hilfsmaßnahmen die ehrenamtlichen Helfer in Holzwickeder bereits organisiert haben.

Flüchtlingscafé

Das erste Flüchtlings-Café im Alois-Gemmeke-Haus besuchten etwas 80 Einheimische, Flüchtlinge und Asylbewerber in lockerer Atmosphäre. Problematisch sei hier, wie bei anderen Aktivitäten auch, natürlich die Sprachbarriere. Trotzdem seien aus dem Café schon Impulse für andere Initiativen wie Sprachkurse und Sportgruppen ausgegangen, berichtete die Sprecherin. Das Flüchtlings-Café findet jeden 1. Montag im Monat im katholischen Pfarrheim statt.

Übergangswohnheim Massener Straße 69-71

Für die Gruppe Rat und Tat berichtete Peter Strobel über schlimme Zustände in den Übergangswohnheimen an der Massener Straße. Nach den ersten Begehungen im vorigen Jahr hätten sich zahlreiche Misstände gezeigt, die abgearbeitet werden müssen. „Aber die Verwaltung bremst uns aus“, bedauert Peter Strobel. Wobei er nicht die handelnden Personen meint, sondern die umständlichen Strukturen und Entscheidungswege. So bekommt die Gruppe keinen Zugriff auf den Hausmeister, über den eigentlich alle technischen Maßnahmen laufen müssen. Doch der Hausmeister sei schon seit 14 Tagen nicht mehr in den Unterkünften gesehen worden, weil er in der Druckerei im Rathaus aushelfen müsse. „Sein Problem ist, dass er noch drei weitere Jobs bei der Gemeinde hat“,  weiß Strobel.

In den beiden Unterkünften an der Massener Straße 69 und 71 sind aktuell 76 Menschen aus 17 Nationen widrigsten Umständen untergebracht. (Foto: Peter Gräber)

In den beiden Unterkünften an der Massener Straße 69 und 71 will die Gruppe Rat und Tat endlich mit der Beseitigung der schlimmsten Mängel anfangen. (Foto: Peter Gräber)

Bereits seit November vorigen Jahres gebe es eine To-Do-Liste für die schlimmsten Mängel in den Unterkünften  – „bis heute ist nichts davon erledigt worden“, kritisiert Strobel. Weil die Zustände besonders in den Küchen und Zimmer katastrophal sind und Rat und Tat nicht mehr länger tatenlos zuschauen wolle, habe man dem zuständigen Fachbereichsleiter Matthias Aufermann am Dienstag in einem Gespräch vor Ort „die Pistole auf die Brust gesetzt“:  Bis Freitag  soll der Hausmeister alle nötigen Arbeitsmaterialien bereitstellen, damit die Gruppe endlich loslegen kann. „Das Gespräch ist gut gelaufen. Herr Aufermann war mit allen unseren Vorschlägen einverstanden.“

Ein Mitarbeiter des Gesundheitsamtes hat die Unterkünfte inzwischen begutachtet. Heute (26.2.) überprüft auch die Feuerwehr die Gebäude. Beide Berichte liegen noch nicht vor. „Vermutlich wird da aber einiges im Argen liegen“, ahnt Peter Strobel. „Es kann nicht wahr sein, wie die Menschen dort in den Unterkünften leben müssen.“  Fünf wildfremde Menschen teilen sich ein Zimmer. Selbst in einer Gemeinschaftsküche schlafen zwei Personen.

Rat und Tat hat über die Stadtwerke Unna zwei E-Herde als Sachspende organisiert. Die reichen gerade für die erste Küche. „Es fehlen aber noch vier weitere Herde.“  Die drei Gemeinschaftsküchen sollen jetzt nach und nach saniert werden.  Danach will sich die Gruppe der „noch schlimmeren Zustände in den Zimmern“ annehmen.

Von der Verwaltungsspitze war bislang noch niemand vor Ort, weder der  Bürgermeister noch seine Stellvertreter. Und auch von der Politik hat sich noch keiner in den Unterkünften blicken lassen.“

Peter Strobel von der Gruppe Rat und Rat

Darüber, dass die Verwaltung offenbar keine Agenda hat, die abgearbeitet wird, zeigte sich Michael Klimziak (SPD) überrascht: „Wir haben doch schon im Dezember über die Küchen in den Häusern an der Massener Straße geredet. Da wundere ich mich, dass noch keine neuen Küchen gekauft wurden. Ganz klar: Wenn dort ein Herd gebraucht wird, muss auch einer gekauft werden.“

Der Ausländerbeauftragte Uli Bangert nahm die Verwaltung daraufhin in Schutz: „Die Verwaltung macht nur, was die Politik ihr sagt.“  Das Problem sei: Es gebe keine Mindesstandards für die Ausstattung der Unterkünfte.

Probleme haben die freiwilligen Helfer auch damit, die Bedürftigkeit ihrer „Zielgruppe“ einzuschätzen. Denn längst nicht alle Bewohner der Unterkünfte sind auch Kriegsflüchtlinge.  So gebe es einzelne Bewohner, die schon zehn  Jahre dort wohnen. Einer der Bewohner gehe einer geregelten Arbeit nach und wohne nur dort, weil er woanders in der Gemeinde noch keine passende Wohnung gefunden habe. Auch eine alleinstehende Dame mit kleinem Hund wohne schon länger in einem der Gebäude.

Was Rat und Tat kritisiert: „Von der Verwaltungsspitze war bislang noch niemand vor Ort, weder der  Bürgermeister noch seine Stellvertreter. Und auch von der Politik hat sich noch keiner in den Unterkünften blicken lassen.“ Ausnahmen: Uli Bangert, der Ausländerbeauftragte der Gemeinde, Friedhelm Klemp, der für eine Familie die Patenschaft übernommen hat sowie Ulrike Drossel, die die Vorsitzende des Sozialausschusses.

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Bei den regelmäßigen Treffen des Koordinierungskreises werden der aktuelle Stand bei der ehrenamtlichen Hilfe und die Probleme erörtert. (Foto: Peter Gräber)

 Hilfe zur Selbsthilfe

Allerdings gibt es auch Positives aus den Unterkünften berichtet. So konnte die Müllsituation gemeinsam mit den Bewohnern entschärft werden. Und auch Organisation der Hilfe zur Selbsthilfe in den Unterkünften läuft gut an, wie Angela Töpper für die Gruppe 71 berichtete. Auch Bereitschaft zu Sachspenden sei groß in der Gemeinde.  Wer mit Sachspenden helfen will, sollte diese im Sozialkaufhaus an der Bahnhofstraße abgeben. Am dringendsten werden noch vier E-Herde benötigt.

Fünf Sprachkurse

Sehr gut angenommen werden die inzwischen fünf Sprachkurse, die der Helferkreis organisiert hat, berichtete Brigitte Krusch-Schlüter. Etwa problematisch seien die sehr unterschiedlichen  Voraussetzungen: So gebe es einige „Schüler“,  die nicht einmal das lateinische Alphabet kennen. Deshalb ist jetzt ein Alphabetisierungskurs mit Hilfe der Volkshochschule angedacht.

Zwei Sportangebote

Geradezu begeistert haben die Flüchtlinge auf das Sportangebot reagiert, berichtet Susanne Isabel Vosswinkel. Freitags von 16 bis 17.30 Uhr konnte noch etwas freie Zeit in der Hilgenbaumhalle gefunden werden. Dort treffen sich nun regelmäßig 17 bis 20 zumeist Jugendliche zum Volleyball- und Basketballspielen unter Leitung von Susanne Vosswinkel, die auch gebrauchte Sportkleidung organisieren konnte. Ein Sportlehrer des CSG hat sich zudem bereit erklärt, donnerstags von 15 bis 16.30 Uhr auf dem Platz am Schulzentrum ein Fußballtraining anzubieten. Die beiden BVB-Kicker Neven Subotic und Miloš Jojić, beides selbst Flüchtlingskinder, haben ebenfalls T-Shirt und große Tasche Sportbekleidung gespendet und auch die Schülersprecher des CSG sammeln Sachspenden für die Sportgruppe.

Das nächste Treffen des Koordinierungskreises ist für den 25. März terminiert.

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Dipl.-Journalist

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