Familienbande als Fluch: Zweifache Mutter wegen Betrugs zu 18 Monaten Haft verurteilt

Dass Fami­li­en­ban­de ein Fluch sein und gera­de­wegs ins Ver­der­ben füh­ren kön­nen, zeigt der Fall der 24-jäh­ri­gen Holzwicke­de­rin W., die sich heu­te wegen Betrugs vor dem Amts­ge­richt Unna zu ver­ant­wor­ten hat­te.

Die zwei­fa­che Mut­ter soll im Janu­ar und Febru­ar die­ses Jah­res über die Inter­net­platt­form ebay in vier Fäl­len hoch­wer­ti­ge Smart­pho­nes ange­bo­ten und, dafür ins­ge­samt rund 2 200 Euro kas­siert, die Ware jedoch nie gelie­fert haben. In einem Fall war auch der Part­ner der 24-Jäh­ri­gen mit­an­ge­klagt.

Mit trä­nen­er­stick­ter Stim­me räum­te die Holzwicke­de­rin die Taten heu­te ein. „Es stimmt alles. Aber mein Freund hat nichts damit zu tun. Er und wuss­te auch nichts davon.“ Das Ver­fah­ren gegen ihren Part­ner wur­de dar­auf­hin abge­trennt und ende­te mit einem Frei­spruch für ihn.

Was aller­dings die Taten der 24-jäh­ri­gen angeht, taten sich heu­te Abgrün­de auf: Nach ihren Moti­ven für die Betrü­ge­rei­en von Rich­ter Chri­sti­an Johann befragt, erklär­te die Ange­klag­te stockend, dass sie von ihrer Mut­ter und Oma unter Druck gesetzt wur­de. Offen­bar nicht zum ersten Mal:  Ihre Mut­ter, die ihrer­seits auch schon vom Land­ge­richt ver­ur­teilt wor­den sei, und auch ihre Oma bedroh­ten sie mas­siv für den Fall, dass sie ihnen kein Geld brin­ge, erklär­te die zwei­fa­che Mut­ter, die von Hartz IV lebt.

Der extrem nega­ti­ve Ein­fluss ihrer Mut­ter und Oma geht auch aus den Gerichts­ak­ten des Amts­ge­rich­tes Dort­mund her­vor. Denn die Holzwicke­de­rin hat bereits eine umfang­rei­che gerichts­no­to­ri­sche Vita: Allein wegen ein­schlä­gi­ger Betrü­ge­rei­en in ins­ge­samt rund 300 (!) Fäl­len ist sie schon ver­ur­teilt wor­den. Das letz­te Urteil lau­te­te auf eine Frei­heits­stra­fe von einem Jahr und sechs Mona­ten auf Bewäh­rung, dazu 80 Stun­den Sozi­al­ar­beit und ein Kon­takt­ver­bot zur Mut­ter. Genützt hat es augen­schein­lich wenig.

Schon insgesamt rund 300 Straftaten verübt

Denn bei den jüng­sten Betrü­ge­rei­en stand die Ange­klag­te noch unter zwei­fa­cher Bewäh­rung und an das Kon­takt­ver­bot zur Mut­ter hielt sie sich auch nicht. Eine Ver­hal­tens­the­ra­pie, die ihr hel­fen könn­te, ihr Leben in den Griff zu krie­gen und sich vom schlech­ten Ein­fluss der Fami­lie zu lösen, trat die Holzwicke­de­rin erst gar nicht an.

Vor den Betrü­ge­rei­en zu Beginn des Jah­res habe ihre Fami­lie wie­der Druck auf sie aus­ge­übt. Ihr Onkel habe ihr eine Nach­richt geschickt: „Sieh zu, dass Du der Oma Geld bringst“, so die Ange­klag­te: „Sie kom­men auch und schla­gen mich.“

Bele­ge dafür konn­te sie heu­te nicht vor­wei­sen. „Es wäre aber auch kei­ne Recht­fer­ti­gung für die Straf­ta­ten, die sie began­gen haben“, belehr­te sie der Rich­ter. „Wenn man bedroht wird, geht man doch zur Poli­zei. Erst recht bei ihrer Vor­ge­schich­te. Wo soll denn das noch hin­füh­ren mit Ihnen?“ – „Ich weiß das alles vom Kopf her, kann es aber nicht umset­zen“, ent­schul­dig­te sich die Ange­klag­te schluch­zend.

Aus mei­ner Sicht sind Sie das will­fäh­ri­ge ‚Werk­zeug‘ Ihrer Oma. Sie tun alles, was sie möch­te und bege­hen bei vol­lem Bewusst­sein straf­ba­re Hand­lun­gen.“

Rich­ter Chri­sti­an Johann

Dabei stand die 24-Jäh­ri­ge auch unter recht­li­cher Betreu­ung. „Haben Sie denn da mal ange­spro­chen, dass Sie bedroht wer­den?“, woll­te der Rich­ter wis­sen. Aber auch gegen­über der Fami­li­en­hil­fe, die W. als zwei­fa­che Mut­ter in Anspruch nahm, habe „Funk­stil­le“ geherrscht, stellt der Rich­ter fest.

Alle Ein­künf­te aus den Straf­ta­ten will die Ange­klag­te stets 1:1 der Oma abge­lie­fert haben. Was Rich­ter Johann zur Ein­schät­zung kom­men ließ: „Aus mei­ner Sicht sind Sie das will­fäh­ri­ge ‚Werk­zeug‘ Ihrer Oma. Sie tun alles, was sie möch­te und bege­hen bei vol­lem Bewusst­sein straf­ba­re Hand­lun­gen.“

Extrem negativer Einfluss der Mutter und Oma

Ein­dring­lich mahn­te er die Holzwicke­de­rin: „Sie soll­ten sich über­le­gen, wo das noch hin­führt. Allein der Bewäh­rungs­ver­lust reicht bei Ihnen schon für mehr als zwei Jah­re Haft.“

Das Gericht konn­te heu­te aller­dings auch kei­ner­lei Ansät­ze zu einer posi­ti­ven Ent­wick­lung oder Ver­hal­tens­än­de­rung erken­nen. So ist die Holzwicke­de­rin bis­lang nicht wegen ihrer dia­gno­sti­zier­ten Per­sön­lich­keits­stö­rung in The­ra­pie gegan­gen. Sie hat weder die Sozi­al­ar­beit, zu der sie ver­ur­teilt wur­de, abge­lei­stet noch Wie­der­gut­ma­chung an irgend­ei­nen der zahl­rei­chen Geschä­dig­ten gelei­stet und schließ­lich auch den Kon­takt zur Mut­ter und Oma nicht abge­bro­chen. Und zu Jah­res­be­ginn habe Sie schon wie­der noch unter zwei­fa­cher Bewäh­rung ste­hend den Geschä­dig­ten über 2.000 Euro aus der Tasche gezo­gen.  „Ich kann nichts dafür, mei­ne Oma ist schuld“, sei da als Erklä­rung nicht aus­rei­chend, beton­te der Rich­ter. „Allein schon, um die Gesell­schaft zu schüt­zen, muss jetzt end­lich etwas pas­sie­ren.“

Das sah selbst der Ver­tei­di­ger der Holzwicke­de­rin so, der ihr ins Gewis­sen rede­te: Weil sie so „rein gar nichts vor­zu­wei­sen“ habe seit dem letz­ten Urteil, „kann das Gericht gar nicht anders als Sie heu­te zu ver­ur­tei­len“, erklär­te er sei­ner Man­dan­tin. Sei­ne ein­zi­ge Hoff­nung: Wenn man Rechts­mit­tel ein­le­ge gegen das heu­ti­ge Urteil, „kön­nen wir etwas Zeit gewin­nen“, schlug der Ver­tei­di­ger vor. „Dann müs­sen Sie aber auch ran und es muss etwas Nach­weis­ba­res dabei her­aus­kom­men.“ Gemein­sam kön­ne man dann in Ruhe über­le­gen und ein Kon­zept erstel­len: Ver­hal­tens­the­ra­pie, Kon­takt­sper­re zur Fami­lie, Wie­der­gut­ma­chung usw.

Verteidigung spielt auf Zeitgewinn durch Rechtsmittel

Wenn das nicht klappt, sind Sie beim näch­sten Mal locker mit vier Jah­ren Haft dabei“, ermahn­te Rich­ter Johann die Ange­klag­te ein­dring­lich. „Über­le­gen Sie sich das gut. Es muss etwas pas­sie­ren, sonst wäre Ihr Sohn schon sie­ben Jah­re, wenn Sie aus der Haft kom­men.“

Nach die­ser deut­li­chen Ansa­ge plä­dier­te die Staats­an­wäl­tin wegen des Betrugs in vier Fäl­len auf eine Frei­heits­stra­fe von einem Jahr und acht Mona­ten ohne Bewäh­rung für die Holzwicke­de­rin. Zwar sei M. gestän­dig und durch­aus reu­mü­tig. Aller­dings stand sie zur Tat­zeit unter zwei­fa­cher Bewäh­rung und sei die Rück­fall­ge­schwin­dig­keit bei ihr extrem hoch. Bei aller Ein­sicht, die sie zei­ge, „pas­siert aber ein­fach nichts“ bei ihr. Eine erneu­te Bewäh­rung kom­me des­halb nicht in Fra­ge.

Wenn das nicht klappt, sind Sie beim näch­sten Mal locker mit vier Jah­ren Haft dabei. Über­le­gen Sie sich das gut. Es muss etwas pas­sie­ren, sonst wäre Ihr Sohn schon sie­ben Jah­re, wenn Sie aus der Haft kom­men.“

Ein­dring­li­che Mah­nung von Rich­ter Chri­sti­an Johann

Die Ver­tei­di­gung wies noch ein­mal auf die „unheil­vol­len fami­liä­ren Ver­strickun­gen hin“, von denen heu­te „wohl nur die Spit­ze eines Eis­bergs sicht­bar“ gewor­den sei. „Aber mei­ne Man­dan­tin weiß auch, dass sich etwas ändern muss. Sonst lan­det Sie in einer Sack­gas­se, aus der Sie nicht mehr her­aus kommt“, erklär­te der Ver­tei­di­ger und bat um ein mil­des Urteil.

Das Urteil von Rich­ter Chri­sti­an Johann lau­te­te schließ­lich auf ein Jahr und sechs Mona­te Frei­heits­stra­fe ohne Bewäh­rung für die Holzwicke­de­rin.

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visage

Dipl.-Journalist

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