Neues Rat- und Bürgerhaus wird zur finanziellen Wundertüte

Die Kosten für das neue Rat- und Bürgerhaus drohen dramatisch aus dem Ruder zu laufen: Bereits vor dem ersten Spatenstich sind die zu erwartenden Kosten schon doppelt so hoch zu veranschlagen wie der ursprüngliche „Entscheidungsfindungspreis“ von acht bis neun Millionen Euro, verlautet aus dem Rathaus. (P. Gräber – Emscherblog.de)

Wenn sich die Mitglieder des Planungs- und Bauausschusses zu ihrer Sitzung am Dienstag (5. Juni) treffen, werden die Kosten für das größte Bauvorhaben der Gemeinde seit ihrem Bestehen, das neue Rat- und Bürgerhaus, das beherrschende Thema sein. Allerdings wird darüber nicht öffentlich und transparent diskutiert, sondern, wie es in Holzwickede traurige Tradition ist, hinter verschlossenen Türen gekungelt.

Eine Begründung, warum dieses wichtige Thema, dessen finanzielle Auswirkung die Entwicklung Holzwickedes auf Jahrzehnte hinaus bestimmen wird, nicht nachvollziehbar für die Bürger im Verborgenen besprochen werden muss, gab es trotz mehrfacher Nachfrage von der Verwaltungsspitze nicht.

Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass es den Verantwortlichen im Rathaus entgegen allen Beteuerungen nicht um Transparenz, sondern um Verschleierung geht, so hat ihn die Verwaltungsspitze gerade selbst geliefert: Denn vor der Anfrage des Emscherblogs lautete der Tagesordnung 1 im nichtöffentlichen Teil der Sitzung am 24. April noch „Bericht zur Kostensituation“ des Rat- und Bürgerhauses (Vorlage Nr. 2018/00652). Doch der Tagesordnungspunkt musste kurzfristig abgesetzt werden, weil noch weitere Informationen des Architekten fehlten.

In der neu angesetzten Sitzung am kommenden Dienstag (5. Juni) steht der Rathaus-Neubau wieder als Tagesordnungspunkt 1 im nichtöffentlichen Teil. Nach unserer Anfrage allerdings nicht mehr von einem Kostenbericht, sondern nur noch von einem unverfänglicherem „Sachstandsbericht“ ist Rede. Für den es allerdings erst recht keine Begründung gibt, ihn hinter verschlossenen Türen zu behandeln. Die Beschlussvorlage ist übrigens immer noch dieselbe wie beim Kostenbericht: Nr. 2018/0062.

Verschleierungstaktik statt Transparenz

Begründet wird solche Geheimniskrämerei von den Verantwortlichen stets damit, dass die Kosten für das Bauprojekt ja noch gar nicht feststehen und niemand sagen kann, wie teuer das Projekt tatsächlich wird. Was zweifellos richtig ist und bei Bauprojekten dieser Größenordnung auch ganz normal. Nicht umsonst soll das neue Rat- und Bürgerhaus in vier Leistungsphasen realisiert werden. Richtig ist außerdem, dass die endgültigen Kosten schon deshalb nicht feststehen können, weil zur Stunde auch noch gar keine endgültige Planung vorliegt.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Fakt ist auch, dass natürlich trotzdem schon abzusehen ist, wie sich die Kosten entwickeln. Sonst wäre schließlich auch der Kostenbericht überflüssig, den die Verwaltungsspitze partout nicht öffentlich werden lassen will. Vermutlich haben die Verantwortlichen ihre Gründe dafür.

Denn Fakt ist ebenso, dass die Kosten für das Rat- und Bürgerhaus dramatisch aus dem Ruder zu laufen drohen – obwohl man noch gar nicht angefangen hat zu bauen. Selbstverständlich unbestätigten Informationen zufolge sollen die zu erwartenden Kosten inzwischen schon gut doppelt so hoch sein wie der ursprünglich einmal öffentlich genannte „Entscheidungsfindungspreis“ von acht bis neun Millionen Euro. Damit würde sich natürlich auch der Eigenanteil der Gemeinde von ursprünglich angenommenen 1,8 bis zwei Millionen Euro verdoppeln.

Kosten laufen dramatisch aus dem Ruder

Schon der von der Gemeinde favorisierte Architektenentwurf wäre für acht bis neun Millionen Euro nicht zu realisieren gewesen, v.l.:  Rudi Grümme, Wilfried Brinkmann, Ulrike Drossel, Uwe Nettlenbusch und Prof. Andreas Fritzen. (Foto: P. Gräber – Emscherblog.de)

Noch gar nicht eingerechnet sind die Kosten für die Sanierung und den Umbau des alten Rathauses im Bestand, die weitere bis zu zwei Millionen Euro betragen könnten sowie die Umzugs- und Unterbringungskosten der Verwaltungsbereiche, die für die Dauer des Neubaus in den Eco Port ausweichen sollen (weitere rund 350 000 Euro).

Wie es heißt, soll der Kämmerer der Kommune angesichts der sich abzeichnenden Kostenentwicklung die Notbremse gezogen haben. Denn wie gesagt: Es ist noch nicht einmal ein Bauschild aufgestellt.

Entgegen allen Beteuerungen zum Sparen war der angepeilte Kostenrahmen schon von Anfang an Makulatur. Der Siegerentwurf der Architekten Bez und Kock hatte bei aller Preiswürdigkeit den Makel, dass er zum angepeilten Entscheidungsfindungspreis von acht bis neun Millionen Euro gar nicht realisiert werden kann. Obwohl dies allen Beteiligten klar war, entschieden sie sich für den teuersten Entwurf im Architektenwettbewerb.

Trotzdem durften anschließend auch noch alle Verwaltungsmitarbeiter ihre „Wunschzettel“ abgeben, wie denn ihre künftige Unterbringung aussehen sollte. Wie es scheint, haben die günstigen Zinsen auf dem Kapitalmarkt und die Aussicht auf ISEK-Förderung von maximal 75 Prozent den verantwortlichen den Blick auf einen vernünftigen Kostenrahmen vernebelt.

Doch auch die Fördermittel aus dem Integrierten Städtebaukonzept (ISEK) sind endlich. Verschlingt das Prestigeobjekt Rathaus-Neubau zuviel Fördermittel, könnte für die nachfolgenden ISEK-Projekt in der Endabrechnung kein Geld mehr übrigbleiben.

Suche nach Ansatzpunkten für Rotstift

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die höheren Kosten keineswegs allein auf überzogene Ansprüche von Politik oder Verwaltung zurückgehen. So sind etwa die allgemeinen Baukosten, sofern sie überhaupt schon feststehen, gestiegen. Auch können sich in Zeiten der aktuellen Konjunktur Bauunternehmen und Handwerker ihre Auftraggeber aussuchen.

Kein Wunder also, dass die Verantwortlichen derzeit versuchen, die Wunschzettel wieder abzuspecken und nach Möglichkeiten zum Kostensparen gesucht wird.

So will man, wie es heißt, auf eine komplette Unterkellerung des Rat- und Bürgerhauses verzichten. Dies ist allerdings nicht nur dem Willen zum Kostensparen geschuldet, sondern vor allem dem schwierigen Untergrund in der Gemeindemitte. Dieser verhängnisvollen Kombination ist auch schon die Tiefgarage zum Opfer gefallen, die ursprünglich einmal mit den neuen Gebäuden auf dem Standort der alten Post geplant war.

Aus Kostengründen werden wohl auch die aufwendige Fassadengestaltung und die Fenster des Siegerentwurfs so niemals realisiert werden und dem Rotstift zum Opfer fallen und.

Auch am alten Rathaus sollen wohl nur noch die nötigsten Renovierungen vorgenommen werden. Kaum Sparpotenzial gibt es dagegen bei der Unterbringung der Verwaltung während der Bauzeit im Übergangsquartier Eco Port, wo die Gemeindeverwaltung Büros beziehen will, in denen auch schon das Kreishaus während des Umbaus unterberacht war.

Wir dürfen also gespannt sein, was die Holzwickeder Politik und Verwaltung auf der Gratwanderung zwischen Bedarf, Anspruch und Kosten vom Siegerentwurf des Rat- und Bürgerhauses noch übrig lassen wird. Schade nur, dass die Holzwickeder Bürger, die am Ende die Zeche zahlen müssen, wieder einmal vor vollendete Tatsachen gestellt werden und erst das fertige Ergebnis präsentiert bekommen sollen.

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visage

Dipl.-Journalist

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