Auszubildende greift in Trinkgeldkasse: Selbstanzeige endet vor Gericht

Zu 50 Stunden Frei­zeit­ar­beit und der Teil­nahme an einem Kurs­abend „Spiel­re­geln für Jugend­liche“ ver­ur­teilte Rich­terin Birgit Viel­haber-Kart­haus heute eine 18-jäh­rige Aus­zu­bil­dende wegen Dieb­stahls.

Die Aus­zu­bil­dende hatte Ende Januar 2017 in die Trink­geld­kasse ihres Aus­bil­dungs­be­triebes, einer Flei­scherei in der Nord­straße, gegriffen und ins­ge­samt 1.000 Euro gestohlen. Ein Haufen Geld, der von ihren Kol­le­ginnen und Kol­legen gesam­melt worden war, um gemeinsam einen Betriebs­aus­flug zu unter­nehmen.

Dass die Tat schnell auf­fallen würde, war absehbar. Den­noch hätte die 18-Jäh­rige bleiben und ihre Aus­bil­dung beenden dürfen. Doch der kol­le­giale Druck wurde für die Aus­zu­bil­dende wohl zu groß. „Alle waren sauer auf mich“, erklärte die Ange­klagte der Rich­terin heute auf Nach­frage, wes­halb sie nicht in dem Betrieb bleiben wollte. Die Aus­zu­bil­dende unter­zeich­nete des­halb einen Auf­he­bungs­ver­trag und ver­pflich­tete sich darin, den ange­rich­teten Schaden wie­der­gut­zu­ma­chen. Ihr Arbeit­geber ver­zich­tete auf eine Anzeige. Doch die 18-Jäh­rige wollte wohl ihre Gewissen erleich­tern und erstattet schließ­lich Selbst­an­zeige bei der Polizei.

Auf der Ankla­ge­bank räumte sie den Dieb­stahl unum­wunden ein. Ihr Motiv: Sie war dabei, ihren ersten eigenen Haus­stand zu gründen. Trans­port­ko­sten für den Umzug, die ersten Mieten, neue Möbel – alles das hatte zu Schulden und Geldnot geführt, die sie schließ­lich zur Diebin werden ließ.

Für die 18-Jäh­rige spricht, so die Rich­terin in ihrer Urteils­be­grün­dung, dass sie geständig ist und bereits wieder 400 Euro zurück­ge­zahlt hat. „Ein ganz großes Plus“ erkennt die Rich­terin darin, dass sich die 18-Jäh­rige nach Auf­gabe ihrer alten Aus­bil­dungs­stelle Gedanken gemacht hat und inner­halb einer Woche eine neue Lehr­stelle gesucht hat und die neu Aus­bil­dung auch ange­treten ist.

Jugendstrafrecht greift

Voll­jäh­rige Jugend­liche mit Schul­ab­schluss, einer eigenen Woh­nung und einem Aus­bil­dungs­platz fallen nor­ma­ler­weise unter das Erwach­se­nen­straf­recht. Im Fall der 18-Jäh­rigen sieht Rich­terin Birgit Viel­haber-Kart­haus das jedoch anders. Die Ange­klagte kommt aus schwie­rigen fami­liären Ver­hält­nissen, ihre „Ver­selbst­stän­di­gung ist nicht so ganz frei­willig“ erfolgt, ebenso der Umzug in ihre erste eigene Woh­nung. Außerdem sei ihre Straftat typisch „jugend­tüm­lich“: Jeder ver­nünf­tige Mensch musste davon aus­gehen, dass die Tat sofort auf­fällt. Doch über Kon­se­quenzen habe sich die Ange­klagte gar keine Gedanken gemacht, was eben für eine gewisse Unreife und Ent­wick­lungs­ver­zö­ge­rung spreche.

Solche Taten kann ich gar nicht aus­stehen, wenn man Klas­sen­ka­me­raden, Kol­legen oder Freunde beklaut. Dafür gibt es den Begriff Kol­le­gen­schwein.“

Rich­terin Birgit Viel­haber-Kart­haus

Gegen die Ange­klagte spricht aller­dings, dass sie schon einmal ein­schlägig vor­be­straft ist. Den­noch zeigte sich die Rich­terin zuver­sicht­lich, dass ihr Urteil der Ange­klagten eine Lehre sein wird. „Solche Taten kann ich gar nicht aus­stehen, wenn man Klas­sen­ka­me­raden, Kol­legen oder Freunde beklaut. Dafür gibt es den Begriff Kol­le­gen­schwein“, gab Rich­terin Birgit Viel­haber-Kart­haus der 18-Jäh­rigen zum Abschied mit auf den Weg. „Wer so etwas macht, der zer­stört das Ver­trauen. Und das ist ganz schlecht, wie Sie ja auch selbst gemerkt haben. Wenn Sie hier raus­gehen, muss Ihnen klar sein: So einen Mist dürfen Sie nie wieder machen.“

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