Abgewiesene Tafel-Kunden hetzen in sozialen Medien gegen Flüchtlinge

Ausgabestelle der Tafel. Foto: Archiv)

Aus­ga­be­stel­le der Tafel. (Foto: Archiv)

Über die sozia­len Medi­en ver­schaff­te sich jetzt ein Holzwicke­der Luft, weil sei­ne Frau und sei­ne Schwä­ge­rin an der Aus­ga­be­stel­le der Unna­er Tafel in Holzwicke­de am Mitt­woch abge­wie­sen wur­de. Mit ziem­lich dra­sti­schen Wor­ten wird ein angeb­li­cher Auf­nah­me­stopp bei der Tafel dann in Zusam­men­hang mit der gro­ßen Zahl von Flücht­lin­gen gebracht, von denen angeb­lich „jeder reich­lich“ bekom­me, wäh­rend deut­sche Rent­ner abge­wie­sen wer­den, obwohl die­se “zur  Grup­pe Men­schen gehö­ren, die berech­tigt sind von der Tafel etwas zu bekom­men“.

Für den Emscher­blog ist der ziem­lich het­ze­ri­sche und aus­län­der­feind­li­che Bei­trag in einer Face­book-Grup­pe Anlass, ein­mal bei der Geschäfts­füh­re­rin der Tafel, Ulri­ke Trüm­per, nach­zu­fra­gen, ob sol­che Kri­tik berech­tigt ist. Wie die Geschäfts­füh­re­rin erklärt, wer­den tat­säch­lich seit drei Mona­ten  kei­ne Berech­ti­gungs­aus­wei­se mehr für die Tafel aus­ge­ge­ben. „Die­ser Auf­nah­me­stopp  hat aller­dings nichts mit Flücht­lin­gen zu tun, son­dern nur mit der Umzugs­si­tua­ti­on, in der wir uns gera­de in Unna befin­den. Wir haben momen­tan ein­fach nicht genug Platz, um Lebens­mit­tel zu lagern“, so Ulri­ke Trüm­per.  Spä­te­stens im Janu­ar, wenn die Tafel einen 800 m2  gro­ßen ehe­ma­li­gen Aldi-Markt in Unna bezie­hen kann, wer­de sich die Situa­ti­on wie­der nor­ma­li­sie­ren und der Auf­nah­me­stopp wie­der auf­ge­ho­ben.

Natür­lich kön­nen wir nicht alle Flücht­lin­ge ver­sor­gen. Aber das müs­sen wir aber auch nicht. Uns ist klar gesagt wor­den vom Kreis: Die Flücht­lin­ge sind über­ver­sorgt.“

Ulri­ke Trüm­per, Geschäfts­füh­re­rin der Tafel Unna

Aufnahmestopp der Tafel hat nichts mit Flüchtlingen zu tun

Die Fra­ge, ob Flücht­lin­ge oder Asyl­be­wer­ber über­haupt durch die Tafel mit­ver­sorgt wer­den sol­len oder müs­sen, las­se sich nicht ein­deu­tig beant­wor­ten, räumt Ulri­ke Trüm­per ein: „Natür­lich kön­nen wir nicht alle Flücht­lin­ge ver­sor­gen. Aber das müs­sen wir aber auch nicht. Uns ist klar gesagt wor­den vom Kreis: Die Flücht­lin­ge sind über­ver­sorgt.“ Das mag auch zumin­dest für jene gel­ten, die noch in den Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen stecken, wo es eine Voll­ver­sor­gung gibt. Doch sobald ein Flücht­ling aus der Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung her­aus ist, hat er genau­so Anspruch auf Hil­fe wie jeder ande­re Hil­fe­be­dürf­ti­ge auch. Den­noch kann man nicht sagen, dass die Flücht­lin­ge für einen Ver­sor­gungs­eng­pass bei der Tafel Unna ver­ant­wort­lich sind, wie Ulri­ke Trüm­per betont: „Wir ver­sor­gen an unse­ren ins­ge­samt zehn Aus­ga­be­stel­len viel­leicht so um die 400 Flücht­lin­ge. Das ist nor­ma­ler­wei­se kei­ne gro­ße Schwie­rig­keit.“

Wir ver­sor­gen an unse­ren zehn Aus­ga­be­stel­len viel­leicht um die 400 Flücht­lin­ge. Das ist nor­ma­ler­wei­se kei­ne gro­ße Schwie­rig­keit.“

Ulri­ke Trüm­per, Geschäfts­füh­re­rin Tafel Unna

Doch natür­lich mach­ten die Flücht­lin­ge auch Pro­ble­me — immer­hin so sehr, dass die Ehren­amt­li­chen schon über­legt haben, dass es am besten wäre, eige­ne Aus­ga­be­stel­len nur für Flücht­lin­ge ein­zu­rich­ten, meint Ulri­ke Trüm­per. „Aber das geht natür­lich nicht, weil der Auf­wand viel zu groß wäre. Das könn­ten wir gar nicht mehr lei­sten.“  Ein gro­ßes Pro­blem sei etwa, dass die Hel­fer der Tafel nicht wirk­lich prü­fen kön­nen, ob ein Flücht­ling anspruchs­be­rech­tigt sei oder nicht. „Wir kön­nen das an den Papie­ren nicht erken­nen, auch nicht, ob die Iden­ti­tät stimmt. Wir wis­sen nicht mal, ob die Wohn­adres­sen stim­men.“ Beson­ders die Sprach­bar­rie­re sei sehr pro­ble­ma­tisch – und manch­mal auch die ganz ande­re Men­ta­li­tät. „Es gibt da vie­le Miss­ver­ständ­nis­se. Wir kön­nen uns nicht mit den Flücht­lin­gen ver­stän­di­gen und füh­len uns da auch kom­plett im Stich gelas­sen. Man kann doch nicht alle Pro­ble­me auf uns abwäl­zen.“

Keine Engpässe durch Flüchtlinge — aber andere Probleme

Vie­le Alt-Kun­den wer­den auch ver­schreckt durch die wach­sen­de Zahl von Flücht­lin­gen und das for­dern­de Auf­tre­ten ein­zel­ner und blei­ben des­halb weg, weiß Ulri­ke Trüm­per. Zwar gin­gen auch die Lebens­mit­tel-Spen­den ins­ge­samt zurück, weil Spen­den immer öfter auch direkt in die Flücht­lings­hei­me gin­gen. Grund­sätz­lich sor­gen die Flücht­lin­ge aber nicht für Man­gel­wirt­schaft bei der Tafel, bestä­tigt die Geschäfts­füh­re­rin: „Wir geben, was wir kön­nen und machen da auch kei­ne Unter­schie­de ob an Flücht­lin­ge oder Rent­ner. Bevor­zugt wird von uns nie­mand.“

Im Prin­zip hät­ten wir sogar noch genug Weih­nachts­pa­ke­te gehabt. Aber das  Pro­blem ist:  Es stan­den min­de­stens noch zehn wei­te­re Per­so­nen her­um, die mit­be­kom­men, wenn wir eine Aus­nah­me machen.“

Gun­ther Siep­mann, zustän­dig für die Tafel-Aus­ga­be in Holzwicke­de

Gun­ther Siep­mann, der in Holzwicke­de für die Tafel-Aus­ga­be zustän­dig ist, kann sich sehr gut an die Rent­ne­rin und ihre Schwä­ge­rin erin­nern, die er am Mitt­woch die­ser Woche abge­wie­sen hat und deren Mann sich dar­auf­hin in einer Face­book-Grup­pe gegen die Flücht­lin­ge erei­fer­te. „Wir hat­ten die Aus­ga­be der Weih­nachts­pa­ke­te. Da kom­men dann auch immer vie­le, die wir sonst jah­re­lang nicht sehen. Auch die bei­den Frau­en waren vor­her noch nie da.“ Dar­um habe er einen Nach­weis ihres Anspruchs ver­langt, denn sie nicht vor­le­gen konn­ten. „Im Prin­zip hät­ten wir sogar noch genug Weih­nachts­pa­ke­te gehabt. Aber das Pro­blem ist:  Es stan­den min­de­stens noch zehn wei­te­re Per­so­nen her­um, die mit­be­kom­men, wenn wir eine Aus­nah­me machen“, meint Gun­ther Siep­mann. „Dann wären auf ein­mal 20 oder 30 Leu­te gekom­men, die auch Pake­te haben wol­len. Dar­um muss­te ich hart blei­ben und die bei­den Frau­en abwei­sen. Ich habe ja auch noch eini­ge ande­re abwei­sen müs­sen.“

Grund­sätz­lich sei die Zahl der Tafel-Kun­den in Holzwicke­de seit eini­gen Jah­ren stark gestie­gen: „Frü­her hat­ten wir 25 bis 30 Leu­te, heu­te sind es 60 bis 70. Und am Mitt­woch waren es sogar 80.“ Dar­un­ter sei­en auch Flücht­lin­ge, die ihren Anspruch nach­wei­sen, indem sie einen Zet­tel von der Gemein­de vor­le­gen. „Die mei­sten von ihnen sind freund­lich, nett und höf­lich“, bestä­tigt Siep­mann. Aus­nah­men gibt es nicht nur bei den Flücht­lin­gen, son­dern auch bei den deut­schen Nut­zern, wie der Bei­trag in der Face­book-Grup­pe ein­drucks­voll belegt.

  • In die­sem Jahr gibt es übri­gens noch zwei Aus­ga­be­ter­mi­ne bei der Tafel Holzwicke­de: jeweils Mitt­woch, 16,. und 23. Dezem­ber, 12 bis 13 Uhr 
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Dipl.-Journalist

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